Eine unterschätzte Kraftquelle
Mit Humor leichter durchs Leben
Humor hilft beim Stressabbau, stärkt Beziehungen und schützt die Psyche. Die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello zeigt, warum Humor viel mehr ist als blosse Unterhaltung, wie wir ihn im Alltag sinnvoll einsetzen und gezielt trainieren können.
«Zehn Mal am Tage musst du lachen und heiter sein, sonst stört dich der Magen in der Nacht, dieser Vater des Trübsals.» Aus psychologischer Perspektive lässt sich dieser Empfehlung aus Nietzsches Reden des Zarathustra nur beipflichten. Der Wert von Humor als spielerische Distanz zum Ernst des Lebens ist seit jeher Gegenstand vieler Lebensweisheiten unterschiedlichster Kulturen. Dennoch ist Humor erst in den letzten drei Jahrzehnten psychologisch näher beforscht worden.
Zwar gab es bereits bedeutsame Arbeiten dazu. So betrachtete Sigmund Freud in seinem Werk «Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten» (1905) Humor als Abwehrmechanismus: Er ermögliche, psychische Spannungen und Konflikte auf eine lustvolle Weise abzubauen. Hundert Jahre später resümierte George Vaillant, Leiter einer der aufwendigsten Langzeitstudien zur Entwicklung im Erwachsenenalter, dass Humor der reifste und eleganteste Abwehrmechanismus sei.
Aber welche Art von Humor ist gemeint? Und wie entwickelt er sich im Lauf des Lebens? Ist Humor eine Frage der Persönlichkeit – oder lässt er sich erlernen?
Humor ist nicht gleich Humor
Aus der Alltagserfahrung wissen wir, dass Humor uns erfreuen, aber auch verletzen kann. Tatsächlich unterscheidet die psychologische Literatur zwischen positiv-wohlwollendem und negativ-schädigendem sowie selbst- und fremdbezogenem Humor.
Selbstbezogener Humor, also Humor, der die eigene Person zum Gegenstand hat, kann selbstaufwertend oder selbstschädigend sein. Selbstaufwertender Humor wird bewusst eingesetzt, um Stress zu reduzieren und das eigene Selbstbild zu stärken. Dies tut er, indem er eine heitere Sicht aufrechterhält: auf eigene Unzulänglichkeiten und Missgeschicke sowie auf Widrigkeiten des Lebens. Beim selbstschädigenden Humor hingegen wird das Selbst zur Zielscheibe des Spotts, sodass sich andere über einen lustig machen dürfen. Diese Art Humor kann ein Schutzschild sein, um dem Spott anderer zuvorzukommen und nicht durch sie verletzt zu werden. Dass diese Strategie langfristig nicht zielführend ist, erstaunt nicht.
Fremdbezogener Humor kann ebenfalls positiv oder negativ sein. Geht es darum, andere zum Lachen zu bringen und es gemeinsam lustig zu haben, ist von wohlwollendem, verbindendem, affiliativem Humor die Rede. Negativ-aggressiver Humor hingegen geht auf Kosten anderer und zwar mittels sarkastischer Bemerkungen, spöttischer Imitationen oder abwertender Witze. Beispiele sind sexistische, rassistische oder homophobe Witze. Diese Art negativer Humor kommt glücklicherweise über die gesamte Lebensspanne weit weniger vor als der positive.
Magazin uniFOKUS
«Komisch, oder?»
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Humor.
Positiver Humor ist eng mit psychischer Gesundheit verbunden. Forschungsergebnisse zeigen, dass es Menschen gut geht, wenn sie humorvoll sind und Humor positiv einzusetzen wissen. Humor ist somit eine gute Bewältigungsstrategie und essenziell für die Wohlbefindensregulation.
Humor verändert sich im Lauf des Lebens
Der Sinn für Humor verändert sich über die Lebensspanne, abhängig von kognitiven Fähigkeiten, Lebenserfahrung und sozialem Kontext. Bereits vier- bis fünfjährige Kinder verstehen Humor. Sie lachen über Clowns und haben eine besondere Vorliebe für Scherzfragen, lustige Geschichten oder Reime. Mit zunehmendem Alter beginnen Kinder, komplexere Formen des Humors wie Wortspiele oder Witze zu verstehen.
Für Jugendliche und junge Erwachsene wiederum ist Humor ein beliebtes soziales Mittel, um Freundschaften aufzubauen und Teil einer Gruppe zu sein. Dabei geht es primär um einen affiliativen Humor, in zunehmendem Masse aber auch um aggressiven Humor – etwa um andere zu necken oder sozial zu isolieren.
Im Erwachsenenalter wird der Humor anspruchsvoller. Und er hängt stärker vom Kontext ab. Diese Lebensphase geht mit vielen Verpflichtungen auf sozialer, familialer und beruflicher Ebene einher. Daher kommt dem selbstverstärkenden Humor als Mittel zur Stressbewältigung eine bedeutsamere Rolle zu, gleichzeitig nehmen aggressiver und selbstschädigender Humor ab. Hingegen nimmt der affiliative Humor zu, hilft er doch, harmonische Beziehungen zu anderen Menschen aufrechtzuerhalten. Gerade bei Stress ist er eine überaus wertvolle soziale Ressource.
Das Alter schliesslich ist keineswegs humorlos, wie häufig angenommen. Der affiliative Humor nimmt zwar ab, dafür dominiert der selbstaufwertende Humor. Es geht nun nicht mehr darum, sich sozial gut zu positionieren, sondern ein heiteres Gemüt zu bewahren – trotz der zunehmenden Herausforderungen, die das Altern mit sich bringen kann. Humor ist allerdings nicht nur eine Frage des Alters.
Eine Frage der Persönlichkeit
Die Art des Humors lässt Rückschlüsse auf den Charakter einer Person zu. So ist negativer Humor verbunden mit Neurotizismus, einem Persönlichkeitsmerkmal, das bei hoher Ausprägung die Neigung zu Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Unsicherheit und Niedergeschlagenheit kennzeichnet. Im Gegensatz dazu ist affiliativer und selbstaufwertender Humor Ausdruck von Persönlichkeitseigenschaften wie emotionaler Stabilität, Offenheit für neue Erfahrungen und Extraversion – was bei starker Ausprägung einem nach aussen gewandten, geselligen und tatfreudigen Charakter entspricht.
Zur Person
Pasqualina Perrig-Chiello
ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie der Lebensspanne der Universität Bern. Sie ist Ehrenmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Positive Psychologie, Vizepräsidentin der Seniorenuniversität Bern sowie Präsidentin des nationalen Netzwerkes «connect!» gegen Einsamkeit im Alter.
Was bringt Sie persönlich zum Lachen?
«Ich lache viel und gerne. Am meisten lache ich über die neckischen Sprüche meines Mannes oder die witzigen Meinungen meines Enkelkindes.»
Wichtig ist auch ein gutes Mass an sozialer Intelligenz, um die situative Angemessenheit von Humor einzuschätzen. Es gibt Situationen, in denen auch der beste Humor fehl am Platz ist. Die Interpretation aber, wann eine Situation angemessen ist, lässt grossen Spielraum offen. Hier scheiden sich die Geister auch bei Fachleuten, wie ich kürzlich erleben durfte. Auf meine Aussage, dass bei Paarkonflikten Humor nützlich sein könne, meinte ein Kollege, Eheprobleme seien zu ernst, um sie mit Humor anzugehen. Vermutlich dachte er bei Humor an Witzeln und Bagatellisieren. Dabei können humorvolle Bemerkungen sehr wohl schwierige Situationen entspannen. «Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein bisschen taub ist» (Loriot).
Bewältigungsstrategie in der Not
Es gibt viele Beispiele dafür, wie Humor – selbst negativer wie Sarkasmus – in extremen Lebenssituationen eine angemessene Bewältigungsstrategie sein kann. So berichtet der Psychiater Viktor Frankl über seine Zeit als KZ-Insasse, wie Humor das Leben der Inhaftierten erleichterte. Auch in seiner späteren Tätigkeit als Psychotherapeut gehörte Humor zu seinem Repertoire. Frankl war überzeugt, dass nichts den Patienten, die Patientin von sich selbst so gut distanzieren lässt wie Humor. Die Selbstdistanzierung ist eine bewährte therapeutische Methode, bei der sich eine Person aus einer anderen Perspektive betrachtet, indem sie sich beispielsweise in Selbstgesprächen in dritter Person anredet. Die Methode hilft, Stress abzubauen und klarer zu denken.
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Humor – eine Charakterstärke, die sich trainieren lässt
In der Positiven Psychologie gilt Humor als Charakterstärke, als Fähigkeit, dem Alltag, den sozialen Beziehungen sowie den belastenden Lebenslagen mit Leichtigkeit begegnen zu können. Da aber der Charakter als auf Dauer recht stabil gilt, stellt sich die Frage, ob Humor Schicksal ist: Man hat Humor oder halt nicht. Dem ist keinesfalls so: Charakterstärken werden uns nicht nur in die Wiege gelegt, sondern lassen sich ein Leben lang erlernen, verbessern, trainieren. Mit Erfolg, wie die Forschung zeigt. So konnte empirisch nachgewiesen werden, dass positiv-psychologische Humortrainings sich auf verschiedenen Ebenen auswirken: Stress wird reduziert, das Wohlbefinden steigt, die Kommunikation wird kompetenter und das Immunsystem stärker. Diese Trainings umfassen mehrere Stufen mit einem festen Aufbau. Dabei geht es unter anderem darum, den eigenen Sinn für Humor zu entdecken, spielerischer zu werden oder die Wortgewandtheit zu verbessern.
Humorinterventionen gibt es zwischenzeitlich viele. Ob Clowns im Kinderspital oder Altersheim, ob Humortraining für Führungskräfte oder Arbeitnehmende – Humor kennt keine Alters- und Standesgrenzen. Angesichts der vielen Vorteile von Humor lohnt es sich also allemal, zehn Mal am Tag zu lachen und heiter zu sein!