Aus der Praxis
Humor am Arbeitsplatz gezielt einsetzen
An einer Universität wird ernsthaft und effizient geforscht und gelehrt, denkt man. Richtig, aber mit Humor geht es leichter: Mitarbeitende der Universität Bern erzählen, wie sie mit gemeinsamem Lachen das Lernen und die Zusammenarbeit fördern.
«Der soziale Austausch am Mittag gibt mir viel positive Energie»
«Ich werde von meinem Umfeld als freundliche Person wahrgenommen. Wenn ich in der Cafeteria an der Kasse arbeite, spüre ich jeweils, wenn Gäste in Gedanken versunken sind. Dann frage ich immer, wie es ihnen geht, sodass die Person mit mir in Kontakt tritt. Wenn es mir dann noch gelingt, ihr ein Lächeln zu entlocken, ist das umso schöner. Der soziale Austausch am Mittag gibt mir viel positive Energie, vor allem wenn zuvor im Büro etwas nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dann bin auch ich in mich gekehrt. Wenn in dem Moment jemand humorvoll auf mich zukommt, weiss ich diesen Anstoss sehr zu schätzen. Als stellvertretende Betriebsleiterin der Cafeteria vonRoll habe ich die Aufgabe, Konflikte zu lösen. Dabei bleibe ich immer ernst, auch weil wir aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Denn Humor ist sehr kulturabhängig. Aber wenn jemand den Boden nicht geputzt hat, frage ich schon auch mal: ‹Hast du den Lappen nicht gefunden?› und nehme die Person damit leicht auf die Schippe.»
«Humor kann nur spontan in der Interaktion entstehen»
«Humor im richtigen Moment kann eine Situation entschärfen, aber es braucht stets ein Feingefühl, ob er angebracht ist. Als Rechtsmediziner achte ich streng darauf, dass Humor nie auf Kosten involvierter Personen geht. Aber eine Situation am Institut aufzulockern, indem ich von einem meiner alltäglichen Missgeschicke erzähle, ist wertvoll. Auch kam es schon vor, dass ein mehrmals überarbeitetes Gutachten einen Rechtschreibfehler auf dem Titelblatt enthielt, der zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Solches nutze ich auch in Vorlesungen im Zusammenhang mit unserem Lehrstoff, der sonst emotional eher belastend ist.
Als Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts versuche ich, eine humorvolle Arbeitsatmosphäre zu etablieren, in der man sich traut, zu Fehlern zu stehen, damit andere sie vermeiden können. Aber ich nötige niemandem diese Umgangsform auf. Denn Humor kann nur spontan in der Interaktion entstehen. Wenn andere mein humorvolles Verhalten erwidern, zeigt mir das, dass es geschätzt wird.»
«Wenn eine Raumfahrtmission misslingt, verstehe ich gar keinen Humor»
«Oft hole ich die Zuhörerschaft zu Beginn eines Vortrags mit einer amüsanten Anekdote ab. Etwa, indem ich mich für meinen englischen Akzent entschuldige und sage, dass dieser auch schon als niedlich bezeichnet wurde. So ein Einstieg bricht das Eis. Ich verstehe die Vermittlung dessen, wie und was ich als Weltraumforscher arbeite, als eine Art Show in dem Sinn, dass es ein Ereignis ist, etwas über diese grossen Dimensionen zu erfahren. In den Vorlesungen sorge ich inmitten von anstrengendem Lehrstoff für Entspannung, indem ich kleine Ratespiele einbaue oder über ein Missgeschick bei einem meiner Experimente erzähle. Denn Entspannung ist für das Gehirn und das Abspeichern von Information essenziell. In dem Moment aber, wenn eine Raumfahrtmission misslingt, verstehe ich persönlich gar keinen Humor. Vielmehr lastet dann die grosse Verantwortung auf mir, weil unsere Forschung viele finanzielle Ressourcen benötigt. Da hilft lediglich die Zeit, ohne dass ich den Vorfall je vergesse.»
«Mit Unterhaltungswert prägt sich der Unterrichtsstoff nachhaltiger ein»
«In der Lehre an Fach- und Hochschulen könnte Humor häufiger eingesetzt werden als derzeit üblich: Wenn die Lehrperson für eine Form von Unterhaltungswert sorgt, prägt sich der Unterrichtsstoff nachhaltiger ein. Dabei geht es nicht darum, die Anwesenden zu bespassen, sondern ein Werkzeug zu nutzen, damit der Inhalt in Erinnerung bleibt.
Humor kann man lernen. Als staatlich geprüfter Clown habe ich die Haltung intus: ‹Ja, und … !›, im Gegensatz zu: ‹Ja, aber … !›. Die erstere Haltung schafft Offenheit für die Situation. Ich lasse die Aktion des Gegenübers auf mich wirken und versuche, spontan darauf zu reagieren. So können lustige Momente entstehen, sowohl im Improvisationstheater oder bei Vorträgen als auch in einer Zweierbegegnung. Humor kann durch ein liebevolles Karikieren sogar eine heilsame Wirkung entfalten. Dafür braucht es jedoch ein wohlwollendes, geübtes Gegenüber im Dialog. Denn ich weiss, dass ich mir selbst nicht humorvoll aus einem emotionalen Tief helfen kann.»
«Berufs-Clown bin ich nicht geworden, weil ich zu hohes Lampenfieber hätte»
«Gemeinsam zu lachen kann in stressigen Situationen ein hilfreiches Ventil sein. Im Bereich Projektmanagement ist die Arbeit in bestimmten Phasen mit einem hohen Stresslevel verbunden. Meine Strategie ist es, in solchen Momenten mit einem lustigen Spruch zu reagieren. Dafür brauche ich ein Gegenüber, das darauf einsteigt. Für mich als humorvollen Menschen ist es eher eine Herausforderung, wenn mein Umfeld den Humor nicht als Bewältigungsstrategie nutzt. Dann braucht es für mich selbst im Stillen einen Galgenhumor, der mir Schutz bietet. Ich kenne die schwierigen Seiten des Lebens durchaus, aber mit Humor geht alles besser. Ich muss ihn stets achtsam ins Spiel bringen. Im falschen Moment oder je nach Gegenüber kann Humor verletzen. Falls dies trotz aller Vorsicht mal vorkommen sollte, reflektiere ich mein Verhalten und entschuldige mich. Berufs-Clown bin ich nicht geworden, weil ich zu hohes Lampenfieber hätte und ich davon überzeugt bin, dass nicht alle meinen Humor lustig finden.»
«Humor kann helfen, unaushaltbare Situationen zu relativieren»
«In der Seelsorge begegnen wir unterschiedlichsten Menschen mit all ihren Konflikten und Ambivalenzen. Humor zu kultivieren, kann dabei helfen, Fixierungen zu lockern und Bewertungen zu entschärfen. Um dies zu veranschaulichen, verwende ich in der Lehre gerne einen Spruch von Nestroy, der mit seinem hintergründigen Humor bei ernsten Themen Wahrheiten ansprach: ‹Wenn alle Stricke reissen, hänge ich mich auf.› Wir wissen, dass eine Vielzahl von Personen, die einen Suizidversuch überlebt haben, nachher froh darüber sind. Sie wollten sich aus einer Situation voller Schmerz und Scham befreien, und nicht vom Leben selbst. Humor kann genau dabei helfen, unaushaltbare Situationen zu relativieren, Emotionen zu regulieren und eine lebensfreundlichere Haltung einzunehmen. Damit gleicht Humor auch dem Glauben – auch er öffnet nochmals einen ganz anderen Horizont und vermag unser menschliches Erleben einzubetten in etwas Grösseres und entschärft dadurch so manches allzu menschliche Drama.»
Magazin uniFOKUS
«Komisch, oder?»
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Humor.
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