«Wir wollen weg von den rein quantitativen Kriterien»

Die Universität Bern hat ein internationales Abkommen zur Reform der Forschungsevaluation unterzeichnet. Andrew Chan erläutert im Interview das Agreement for Reforming Research Assessment ARRA und dessen Bedeutung für den Forschungsnachwuchs.

Bild: Andrew Chan
Andrew Chan ist seit August 2024 Vizerektor für Internationales und Akademische Karrieren der Universität Bern.

uniAKTUELL: Andrew Chan, worum geht es in diesem Abkommen genau? 
Andrew Chan: Mit dem Abkommen zur Reform der Forschungsevaluation haben sich Universitäten, Forschungsförderungen und andere Institutionen im europäischen Wissenschaftsraum auf eine gemeinsame Stossrichtung bei der Forschungsevaluation geeinigt. Die Beurteilung der Qualität in ihren verschiedenen Dimensionen soll in den Vordergrund treten, ergänzt durch einen verantwortungsvollen Gebrauch von quantitativen Parametern. Dies betrifft sowohl Projekte als auch Forschende und Institutionen. Bei der Anwendung der Evaluationskriterien sichert das Abkommen allen beteiligten Universitäten und Institutionen grosse Autonomie und Freiheit zu. 

Geht es beim ARRA also um die Abkehr von der rein quantitativen Evaluation? 
Genau: Wir wollen weg von den rein quantitativen Kriterien. Und das ist ja nichts Neues. Die Universität Bern ist bereits 2016 der San Francisco Declaration on Research Assessment DORA beigetreten, die fordert, dass wir von den rein quantitativen Metriken wie dem Journal Impact Factor hin zu einer Bewertung kommen, die auf der tatsächlichen wissenschaftlichen Qualität und dem Inhalt der Arbeit basiert. Das ARRA entwickelt diesen Ansatz weiter und priorisiert die qualitative Evaluation noch stärker. Was zählt, ist, was wir als Forschende tatsächlich bewirken, nicht nur, wie oft wir zitiert werden oder in welch namhaften Journals wir erscheinen. 

Was bedeutet das konkret? 
Bei der Beurteilung der Forschungsqualität durch Peers werden auch Faktoren wie Relevanz, Open Science, Transparenz und Reproduzierbarkeit berücksichtigt. Gewicht haben auch verschiedene Arten von wissenschaftlicher Leistung, einschliesslich kollaborativer und interdisziplinärer Arbeiten oder Leistungen wie das Bereitstellen von Datenplattformen oder die wissenschaftliche Kommunikation. Es ist aber nicht so, dass quantitative Metriken gar nicht mehr berücksichtigt werden, doch die Unterzeichnung des ARRA ist eine Ermahnung, diese Kriterien verantwortungsvoll einzusetzen.  

ARRA (Agreement for Reforming Research Assessment) und DORA (San Francisco Declaration on Research Assessment)

Das ARRA, 2022 unter dem Dach der EU-Kommission erarbeitet, entwickelt DORA in zehn Selbstverpflichtungen weiter: Der Einsatz quantitativer Metriken soll reduziert und qualitative Bewertungen gestärkt werden. Zudem fördert es die Anerkennung vielfältiger wissenschaftlicher Beiträge – etwa in Datenmanagement, Mentoring oder Wissenschaftskommunikation. Die Umsetzung wird durch die Coalition for Advancing Research Assessment CoARA koordiniert, die 2022 durch die Unterzeichnenden ins Leben gerufen wurde. Sie unterstützt teilnehmende Institutionen durch Erfahrungsaustausch bei der Einführung qualitätsorientierter Bewertungsverfahren.

Die Idee zu DORA entstand 2012 auf der Jahrestagung der American Society for Cell Biology in San Francisco. Die Initiative fordert eine Reform der Bewertung wissenschaftlicher Forschung. Statt des umstrittenen Journal Impact Factors sollen vielfältige Kennzahlen genutzt und der wissenschaftliche Inhalt über Metriken gestellt werden. DORA richtet sich an alle Akteure – von Forscher:innen über Förderinstitutionen bis zu Verlagen – und ist heute global etabliert. Die Universität Bern hat DORA 2016 unterzeichnet.


Welche Folgen hat das Abkommen für die Forscherinnen und Forscher an der Universität Bern? 
Das Vizerektorat Internationales und Akademische Karrieren wird nun zusammen mit dem Vizerektorat Forschung im Laufe eines Jahres einen Aktionsplan erstellen, in dem die generelle Stossrichtung konkretisiert wird. Dabei stimmen wir uns mit den Fakultäten und den Zentren sowie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Stufen eng ab. Wir werden zunächst eine Bestandsaufnahme machen und dann versuchen, die Ziele des ARRA auf die einzelnen Fakultäten bezogen in konkrete Massnahmen zu übersetzen. Wir wollen Qualitätsindikatoren entwickeln, die je nach Fachbereich auch durchaus unterschiedlich sein können. Was wir anstreben, ist, einen Prozess in Gang zu bringen und dabei Synergieeffekte zu nutzen.  

ARRA ist ein internationales Abkommen, wer ist die treibende Kraft? 
Man muss klar sagen, dass das ARRA hauptsächlich von der EU getrieben wird. Mit der Unterzeichnung haben wir uns bewusst an Werte angelehnt, die von der EU stark vertreten werden. Allem voran Transparenz und Wissenschaftsfreiheit. Das sind Werte, die für die Universität Bern von zentraler Bedeutung sind. In einer globalen Situation, die Unsicherheit hervorruft – auch in der Wissenschaft –, wollen wir uns klar zu diesen Werten bekennen. 

«Mit der Unterzeichnung haben wir uns bewusst an Werte angelehnt, die von der EU stark vertreten werden. Allem voran Transparenz und Wissenschaftsfreiheit»

Andrew Chan

Gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versprechen sich viel von einem Paradigmenwechsel weg von rein quantitativen Evaluationskriterien. Zu Recht? 
Da muss ich etwas Erwartungsmanagement betreiben. Dieser Wandel bedeutet nicht, dass man nun einfach Beurteilungskriterien wählen könnte, die einem besonders zusagen. Niemand kann garantieren, dass das ARRA für die einzelnen jungen Forschenden bedeutet, ihr Karriereziel leichter zu erreichen, denn trotz ARRA gibt es nicht mehr Professuren.  

Umgekehrt gibt es auch negative Erwartungen. Leute, die befürchten, wegen Initiativen wie ARRA sinke die wissenschaftliche Qualität... 
Ja, das höre ich häufig: Wir verzichten auf Exzellenz! Dem möchte ich massiv widersprechen. Es geht uns im Gegenteil darum, Qualität zu fördern und Exzellenz herauszustellen. Aber wir müssen offen sein dafür, dass sich wissenschaftliche Qualität auch anders manifestieren kann als in den bis dato gültigen Kriterien. Kommt dazu: Wir leben mit neuen Herangehensweisen und Techniken, deren Auswirkungen wir noch gar nicht überblicken können. Mit AI werden zusätzliche Qualitätsdimensionen hinzukommen, die auch wissenschaftsethische Komponenten beinhalten. Auch diese Aspekte werden wir einbeziehen und wertschätzen müssen.  

Ein Bereich, in dem quantitative Beurteilungskriterien traditionell eine grosse Rolle spielen, sind die Berufungen. Wie wird sich das ARRA auf diese Verfahren auswirken, wird die Universitätsleitung zum Beispiel überprüfen, welche Kriterien bei den Auswahlvorschlägen eingeflossen sind? 
Ja, das tun wir bereits, und wir werden das sicher mit Blick auf das ARRA noch stärker verfolgen. Aber ich glaube, man muss den einzelnen Fächern und den Fakultäten ihre Freiräume und Freiheiten einräumen. Es ist klar, dass die Qualitätskriterien in den Fächern ganz unterschiedlich sind. Doch wir müssen uns gemeinsam Gedanken darüber machen, welches qualitativ gute Indikatoren sind, auf die wir uns einigen können. 

Und was ist mit den Widerständen gegen Veränderungen, der Tendenz, am Althergebrachten festzuhalten? 
Sicher, wir stecken da in einem Räderwerk, in dem auch Berufungen nach den alten Indikatoren vorgenommen wurden und zum Teil auch weiterhin werden. Aber ich glaube, wir sind uns grösstenteils einig, dass wir das ändern wollen. Doch wie jeder Veränderungsprozess wird es Zeit brauchen.

Zur Person

Andrew Chan

ist Professor für ambulante Neurologie, speziell Neuroimmunologie (Extraordinarius) und in Deutschland aufgewachsen. Seine Ausbildung absolvierte er mit längeren wissenschaftlichen Aufenthalten in Kanada, den USA und Grossbritannien. Seit 2016 ist er an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern tätig, zunächst als assoziierter und seit 2019 als ausserordentlicher Professor. Gleichzeitig ist er Chefarzt an der Klinik für Neurologie am Inselspital Bern.


Setzt die Universitätsleitung bei diesem Prozess ausschliesslich auf Überzeugungsarbeit oder übt sie auch Druck aus? 
Wir werden die Berichte der Berufungskommissionen hinterfragen, wenn wir sehen, dass nicht ausreichend auf die Stossrichtung vom ARRA eingegangen wurde, das ist klar. Und natürlich haben wir auch die Möglichkeit, Berichte zurückzuweisen. Aber die Universitätsleitung kann und will sich nicht anmassen vorzugeben, was für die einzelnen Fächer Qualität bedeutet. 

Sie haben erwähnt, dass sich die Universität Bern schon länger an qualitativen Evaluationskriterien orientiert. Hat sich das bereits ausgewirkt? Können Sie Veränderungen feststellen? 
Ich sehe, dass auch bei Berufungsverfahren immer mehr Wert auf ganz unterschiedliche Dimensionen gelegt wird. Bei Führungsfunktionen zum Beispiel diskutieren wir nicht mehr nur wissenschaftliche Exzellenz anhand der klassischen Metriken, sondern schauen auf Eigenschaften und Qualitäten, die notwendig sind, um grössere Institute zu führen. Da geht es um Führungskultur. Bahnbrechende wissenschaftlichen Fortschritte werden schliesslich immer weniger von einzelnen Personen erbracht, sondern von Gruppen. Dazu braucht es andere Qualifikationen, als wenn ich in meinem Kämmerlein still vor mich her forsche.