Lernen durch produktives Scheitern

Am 14. Tag der Lehre diskutierten Dozierende verschiedener Schweizer Hochschulen mit Fachpersonen, welche Lehrformate Studierenden die Angst vor dem Scheitern nehmen können und sie dabei unterstützen, aus Fehlern zu lernen.

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Fritz Sager, Vizerektor Lehre, begrüsste die Teilnehmenden zur Tagung und sprach über eigene Fehler.

Niemand mag es, aber wir alle tun es in schöner Regelmässigkeit: Wir scheitern an unseren Aufgaben. 

So erinnerte sich auch Fritz Sager, Vizerektor Lehre der Universität Bern, in seiner Begrüssungsrede zum Tag der Lehre an ein besonders peinliches Erlebnis: Kurz nach Antritt seiner Professur hielt er vor Vertreterinnen und Vertretern ländlicher Gemeinden eine Ansprache in bestem Akademikerdeutsch, woraufhin er sich für den Rest des Abends spitze Bemerkungen anhören musste. «Es war ein Debakel», resümierte Sager, denn sein Kontrahent kam mit Polemik in der Debatte besser an. 

Seither hält er keine Rede mehr, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wer sein Publikum ist. Damit war Sager beim Thema des diesjährigen Tags der Lehre angelangt: «Lernen aus Fehlern – Forschendes Lernen und produktives Scheitern». 

Die von der Abteilung «Learning and Development» (LEAD) am Vizerektorat Lehre organisierte Veranstaltung fand bereits zum 14. Mal statt. Sie richtet sich an Lehrende der Universität Bern und anderer Bildungsinstitutionen und war mit rund 230 Teilnehmenden wiederum komplett ausgebucht. Durch das Tagesprogramm führte LEAD-Abteilungsleiter Thomas Tribelhorn.

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Thomas Tribelhorn, Abteilungsleiter «Learning and Development», führte durch das Tagesprogramm.

Der erste Redner des Tages war Manu Kapur: er ist Professor für Lernwissenschaften und Hochschulbildung der ETH Zürich und Direktor des Singapore-ETH Centre. Kapur ist der zentrale Begründer des Konzepts «Productive Failure», also produktives Scheitern.

Was ist produktives Scheitern?

Statt dass Lehrpersonen neue Lerninhalte zuerst erklären und die Schüler oder Studentinnen das neue Wissen anschliessend anwenden, versuchen diese eine neue Problemstellung zunächst eigenständig zu lösen, bevor ihnen die Lehrperson den korrekten Lösungsweg präsentiert. «Productive Failure» stellt also «Praxis vor Theorie» und nicht «Theorie vor Praxis».

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Manu Kapur von der ETH Zürich ist Begründer des Konzepts «Productive Failure» (produktives Scheitern).

Während des Lernprozesses werden Studierende zwar zwangsläufig Fehler machen, neue Inhalte so aber langfristig besser verinnerlichen. «Man muss erst festsitzen, bevor man richtig lernen kann», so die Botschaft von Kapur. Voraussetzung für produktives Scheitern sei, die Aufgabe so zu wählen, dass sie herausfordernd, aber noch zugänglich sei und Lernende ihr Vorwissen aktivieren können.

«Man muss erst festsitzen, bevor man richtig lernen kann.»

- Manu Kapur

In dieser «Zone der proximalen Entwicklung» können die Studierenden zwar scheitern, bleiben aber motiviert, wenn die Problemaufgaben entsprechend gestaltet werden. Verschiedene weltweit durchgeführte Studien und Meta-Analysen zeigen, dass Lernende nach «Productive-Failure»-Phasen oft besser abschneiden als bei direkter Instruktion.

Umgang mit Fehlern in der Medizin

In manchen Disziplinen kann Scheitern sehr gefährlich werden. Das zeigte der erste Kurzbeitrag des Tages, als die Ärztin Anina Pless vom Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) über den Umgang mit Fehlern in der Medizin sprach. Solche Fehler sind häufig – und können schwerwiegende Folgen haben: «In der Schweiz gibt es jedes Jahr 2’000 bis 3’000 Todesfälle aufgrund von vermeidbaren medizinischen Fehlern», so Pless. 
 

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Ärztin Anina Pless vom Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) über den Umgang mit Fehlern.

Am BIHAM startet deshalb im April ein Pilotkurs, in dem Teilnehmende in Peer-Gruppen die Kommunikation von Fehlern anhand von Simulationen üben und ihre eigene Fehlerkultur reflektieren.

Forschendes Lernen: Den eigenen Weg finden

Vom Ansatz des «forschenden Lernens» handelten die beiden folgenden Kurzpräsentationen. Bryan Charbonnet, Postdoktorand am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern, berichtete von seinen Erfahrungen aus einem Mastermodul, in dem er Studierende mit der Frage konfrontierte, was für eine nachhaltige Talentförderung besser sei: Kinder durch frühzeitige Spezialisierung oder durch eine polysportive Ausbildung zu trainieren. 
 

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Die Studierenden arbeiteten problemorientiert, analysierten die Fragestellung aus verschiedenen Perspektiven, sammelten Pro- und Contra-Argumente. Der abschliessende Praxistransfer erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Sportverbänden in Form eines nationalen Symposiums mit zentralen Akteuren des Schweizer Nachwuchsleistungssports.

Natalie Ceperley wählte für den Kurs «Geosensing of the Environment», den die Dozentin am Geographischen Institut der Universität Bern zusammen mit ihrem Kollegen Peter Leiser bisher zweimal durchgeführt hat, ein projektbasiertes Vorgehen. Ähnlich wie bei Charbonnet war die Aufgabenstellung offen: Die Masterstudierenden sollten ein Projekt ausarbeiten, in dem sie Geosensoren in für sie passenden Kontexten implementierten, weiterentwickelten oder einfach nutzten. Ziel dieses «Workshop-Kurses» ist es, Studierenden durch aktives, eigenständiges Lernen einen vertieften Zugang zu geographischen Fragestellungen zu ermöglichen.
 

«Die Fähigkeit des erfolgreichen Scheiterns muss man erst erlernen.»

- Maria Tulis-Oswald

Viel Applaus ernteten die beiden Studierenden Helen Schär und Lamare Heins, die das «Lernen an Herausforderungen» aus studentischer Perspektive beleuchteten. Beide hatten als sogenannte «eCoaches» Dozierende in der digitalen Lehre unterstützt. Der Grat zwischen Heraus- und Überforderung sei schmal, so die Erfahrung von Heins: «Um eCoach zu werden, musste ich nicht viel leisten. Umso mehr hatte ich später das Gefühl, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein.» In seinem Fall hat das aber zu einem positiven Lerneffekt geführt: «Ich habe nicht etwas geleistet, um Verantwortung zu bekommen, sondern weil ich Verantwortung bekam.»

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Der 14. Tag der Lehre war mit rund 230 Teilnehmenden ausgebucht.

Helen Schär erlebte in der eCoach-Gruppe eine offene Fehlerkultur: «Die Hemmschwelle, Fragen zu stellen und Fehler zu machen, war hier deutlich niedriger als im grossen Plenum.» Auch Dozierende stünden in der Pflicht: «Ergreifen Sie die Initiative – eine gesunde Fehlerkultur entsteht nicht von selbst.»

Erfolgreiches Scheitern als Future Skill

In ihrer Abschlussrede bezeichnete Maria Tulis-Oswald von der Pädagogischen Hochschule Weingarten (D) die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, als eine der zentralen «Future Skills»: «Erfolgreiches Scheitern muss man lernen», betonte sie.

Hochschulen seien gefordert, entsprechende Kompetenzen zu fördern – etwa durch innovative Lehrformate wie «Productive Failure», forschendes Lernen oder begleitetes Peer-Learning sowie durch sichere Lernräume, wo niemand Angst haben muss, sich zu blamieren. Voraussetzung für all das zuvor Erwähnte sei aber eine klare Trennung von Lern- und Prüfungssituationen. «Vermeintliche Irrwege tragen zu einem langfristigen Lernerfolg bei», so Tulis. «Fehler zeigen Wissenslücken auf und bieten so Anlass für weiteres Lernen.»