Erste Women & Leadership Conference an der UniBE

Am 12. November 2026 feiert eine internationale Konferenz Premiere, welche die Herausforderungen in Führungsrollen thematisiert – vor allem für Frauen. Initiatorin und Co-Organisatorin Kellie Gonçalves spricht im Interview über die Hintergründe und die Relevanz des Anlasses.

Dr. Kellie Gonçalves
Dr. Kellie Gonçalves

Kellie Gonçalves: Braucht es 2026 an der UniBE noch einen Event zum Thema «Women & Leadership»?

Kellie Gonçalves: Leider ja. Die Zahlen sprechen für sich: im Allgemeinen verdienen Männer nach wie vor mehr als Frauen und im akademischen Kontext sind Frauen bei den Professuren weiterhin in der Minderheit, auch wenn in den letzten Jahren Fortschritte gemacht wurden. Begriffe wie «Leaky Pipeline» oder «Glass Cliff» beschreiben diese strukturellen Ungleichheiten: Leaky Pipeline steht für die abnehmende Zahl von Frauen, je weiter der akademische Karriereweg führt; «Glass Cliff» für die Tendenz, Frauen gerade in Krisenzeiten in Führungspositionen zu berufen, in denen ein erhöhtes Risiko zu scheitern besteht, was sich daher negativ auf die Karriere auswirken kann. Hinzu kommt, Familie und Karriere zu vereinbaren. Mit der von mir co-organisierten Konferenz möchte ich jüngere Wissenschaftlerinnen darin bestärken, dass sich Mutterschaft und eine erfolgreiche Karriere verbinden lassen, dass es vielfältige Wege für eine akademische Laufbahn gibt und es kein Entweder-oder sein muss.

Was hat Sie anfangs überhaupt motiviert, eine Konferenz zum Thema «Women & Leadership» zu organisieren?

Neben meiner Forschung und Lehrtätigkeit in der Soziolinguistik engagiere ich mich seit geraumer Zeit für die Gleichstellung der Geschlechter in der Wissenschaft, insbesondere für die Förderung von Frauen in Führungspositionen. Von 2017 bis 2020 forschte ich als Postdoktorandin an einem Center of Excellence an der Universität Oslo. Mein Arbeitsplatz dort war stark von Frauen geprägt. Die meisten hatten Führungspositionen inne, vor allem die Senior-Kolleginnen. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt. Ich finde es wichtig, dass der wissenschaftliche Nachwuchs von den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen frühzeitig erfährt, was es braucht, um später eine Führungsrolle zu übernehmen und darin erfolgreich zu sein. Das war der Anstoss für zwei internationale Workshops zum Thema «Women and Leadership», die ich 2018 und 2019 an der Universität Oslo organisiert habe.

Wie entstand die Idee, das Format von Oslo an die UniBE zu bringen?

Im Rahmen des UniBE-Veranstaltungsformats «Coffee with Virginia Richter» lernte ich Elsa Callini kennen, die am Innovation Office als Senior-Beraterin für Innovation und Start-ups arbeitet und dort die Initiative zur Förderung der Vielfalt im Bereich des akademischen Unternehmertums gegründet hat. Ich sah in ihr eine perfekte Co-Organisatorin. Durch ihre Arbeit im Vizerektorat Forschung und Innovation bringt sie viel Erfahrung im Umgang mit Frauen in Start-ups und im Unternehmertum ein. Ich fragte sie, ob sie mitmachen möchte, und sie war sofort begeistert: «Let’s do it.»

Soll die Konferenz künftig jedes Jahr stattfinden?

Auch dieses Mal verstehen wir die erste Ausgabe als Pilotprojekt und hoffen, dass sich das Format an der UniBE etabliert und jährlich durchgeführt wird.

An der Konferenz wird der «Emilie Jäger Preis» der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultätverliehen. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Der «Emilie Jäger Preis» würdigt besonderes Engagement für Gleichstellung in Wissenschaft, Universität und Bildung. Die Preisverleihung verbindet unsere Konferenz mit dem langjährigen Bekenntnis zur Chancengleichheit an der Universität Bern.

Über die erste Women & Leadership Conference

Die Konferenz findet am 12. November 2026 an der Universität Bern statt. Die international ausgerichtete Veranstaltung bringt Akademikerinnen und Akademiker sowie die interessierte Öffentlichkeit zusammen, um die Herausforderungen von Personen mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten, aber insbesondere von Frauen in Führungsrollen zu thematisieren. Führungskräfte aus Wissenschaft, Wirtschaft, Tech und Unternehmertum berichten über ihre Erfahrungen und reflektieren Geschlechterhierarchien und Gleichstellung. Die Konferenz fördert den Austausch und bietet vor allem der nächsten Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Möglichkeiten für Networking und Mentoring.

Zur Website: https://womenleadership.unibe.ch/

Zur Anmeldung: Registration Women & Leadership Conference 2026

Wo liegen heute Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für Frauen auf dem Weg in Führungspositionen an den Universitäten?

Zunächst ist es wichtig, dass Unterstützungsangebote an den Universitäten sichtbarer und bekannter werden. Gerade Postdocs konzentrieren sich auf die nächste Anstellung, forschen, unterrichten, schreiben Förderanträge, nehmen an Konferenzen teil und veröffentlichen Studien in internationalen, peer-reviewed Fachzeitschriften – für die eigentliche Karriereentwicklung bleibt oft wenig Zeit. Dabei gibt es zum Beispiel an der UniBE grossartige Angebote und Initiativen wie COMET oder FELS. Viele Frauen kennen sie gar nicht. Wer eine Führungsrolle anstrebt, sollte sich deshalb aktiv informieren und Unterstützung suchen; ich bin der Meinung, dass gute Führung gelernt sein will.

«Macht euch sichtbar!»

Kellie Gonçalves

Die akademische Leistung bildet das Fundament, reicht für eine erfolgreiche Karriere aber nicht aus. Ebenso wichtig sind Themen wie Networking und Mentoring sowie die Bereitschaft, sich mit den eigenen Führungskompetenzen auseinanderzusetzen. Genau hier möchte die Konferenz ansetzen: Wissen vermitteln, Vernetzung ermöglichen und Frauen so auf ihrem Weg in Führungspositionen unterstützen.

Welche Botschaft möchten Sie den Teilnehmenden der Konferenz mitgeben?

Macht euch sichtbar! Wenn es um Bewerbungen geht: Bewerbt euch, denn man weiss nie, wonach ein Auswahlgremium tatsächlich sucht. Studien zeigen, dass Frauen Anforderungen in Stellenausschreibungen oft strenger auslegen als Männer und eher von einer Bewerbung absehen, wenn sie das Profil nicht vollständig erfüllen. Ich möchte Frauen deshalb ermutigen, an ihre Fähigkeiten zu glauben, Grenzen zu setzen und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln. Sichtbarkeit, Führungswillen und eine gute Ausbildung sind wesentliche Voraussetzungen, um Verantwortung zu übernehmen und Führung aktiv mitzugestalten.

Bisher sind keine Männer im Programm der Konferenz vertreten. Steht sie Männern denn offen?

Der Anlass richtet sich an alle interessierten Personen – unabhängig vom Geschlecht. Im Fokus stehen insbesondere Postdocs und Personen in einer frühen Karrierephase. Für das diesjährige Pilotjahr haben wir uns bei den Referierenden bewusst auf Frauen konzentriert. Das kann sich in künftigen Ausgaben selbstverständlich ändern. Das Format soll sich von Jahr zu Jahr weiterentwickeln. Wir wollen aus den Erfahrungen lernen.

Programme für Chancengleichheit an der UniBE

Das COMET-Programm stärkt über Coaching, Mentoring und Training die Kompetenzen und die Motivation weiblicher Postdocs und Habilitandinnen aller Fakultäten, die von ihnen angestrebte akademische Laufbahn erfolgreich zu realisieren.

Das Generationentandem fördert den gegenseitigen Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen erfahrenen und jüngeren Mitarbeitenden. Die jüngeren profitieren von Expertise, Mentoring und Netzwerken der älteren, während die älteren von neuem Wissen und Kompetenzen der jüngeren profitieren.

Die Universität Bern beteiligt sich zudem am H.I.T.-Programm, das ordentliche und ausserordentliche Professorinnen verschiedener Partneruniversitäten mit Workshops und Netzwerkaktivitäten unterstützt, um sich auf Leitungsfunktionen im Hochschulbereich vorzubereiten.

Der 120%-Care-Grant ermöglicht Nachwuchsforschenden mit Betreuungspflichten und einem Beschäftigungsgrad von 80 bis 100 Prozent, ihr Pensum für maximal zwölf Monate auf mindestens 60 Prozent zu reduzieren und eine Supportperson an der UniBE anstellen zu lassen, deren Arbeitspensum sich mit dem eigenen in der Regel um maximal 20 Prozent überlappen kann.

Mehr erfahren:
vereinbarkeit.unibe.ch/arbeitszeitmodelle
Infos zur Nachwuchsförderung

Über den «Emilie Jäger Preis»

Emilie Jäger (1926–2011) war Geologin und die erste Professorin an der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern. Die Gleichstellungskommission der Fakultät verleiht jährlich den «Emilie Jäger Preis» an Personen, die sich für Gleichstellungspolitik im Kontext von Wissenschaft, Universität und Bildung auf besondere Art und Weise eingesetzt haben.

Zur Person

Dr. Kellie Gonçalves

ist Initiatorin und Co-Organisatorin der «Women & Leadership Conference» sowie Dozentin für Sociolinguistics and Discourse Studies am English Department der Philosophisch-historischen Fakultät an der Universität Bern. Kontakt: kellie.goncalves@unibe.ch