23.11.2022 | Universität | Geist & Gesellschaft

Stop Hate Speech! Aber wie?

Hate Speech kann jede Person treffen. Ein erhöhtes Risiko, Ziel von Online-Hass zu werden, haben Personen, die sich öffentlich exponieren – zum Beispiel Forschende. Bei einer Podiumsdiskussion sprachen Expertinnen über den Umgang mit Hassrede und über die aktuelle strafrechtliche Lage.

Von Emilie Casale und Sylvia Löwe

 

«Hate Speech kann Forschende persönlich betreffen», stellte Sozialwissenschaftlerin Laurenzia Karrer zum Auftakt der Veranstaltung «Stop Hate Speech! Aber wie?» diese Woche fest. Die öffentliche Podiumsdiskussion hat die Abteilung für Chancengleichheit organisiert – mit einer Universität im Rücken, die jeglichen Hate Speech verurteilt und ihre Forschenden unterstützt, dagegen vorzugehen.

 

Einige Forschende der Universität Bern haben Hate Speech bereits erlebt: Schlagzeilen gemacht hat etwa der Fall von Susanne Wampfler, als sie im letzten Jahr Zielscheibe von Online-Hass wurde. Nach einem Auftritt in der SRF-Sendung «Einstein» – ausgerechnet zum Thema Frauen in der Wissenschaft – sah sich die Astrophysikerin mit Hasskommentaren und Sexismus konfrontiert. Die Universität Bern stellte sich in einem offiziellen Statement klar hinter ihre Forscherin («uniaktuell» berichtete).

Dies war der Beginn der Arbeitsgruppe Hate Speech, die ab diesem Jahr ein umfangreiches Massnahmenpaket lanciert. Den Start machte in der vergangenen Woche die Podiumsdiskussion, an der ausser Laurenzia Karrer auch Ineke Pruin, Assistenzprofessorin für Strafrecht an der Universität Bern, und Jolanda Spiess-Hegglin, Geschäftsführerin des Vereins Netzcourage, diskutierten.

Das Strafrecht ist zu Hatespeech noch unscharf

Hate Speech sei aus juristischer Sicht kein einfaches Thema, stellte Ineke Pruin in der Diskussionsrunde fest. Denn Hassrede unterliege keiner allgemeingültigen Definition. Daher sei eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Gesetz gefordert. Auch Jolanda Spiess-Hegglin erklärte, dass sie und ihr Verein Netzcourage oftmals an ihre Grenzen stiessen, wenn sie Betroffenen Hilfe leisten würden: «In Bezug auf den Online-Raum ist das Gesetz veraltet.» Ausserdem könne es nicht sein, dass Betroffene so viel Arbeit aufwenden müssten, um sich gegen Hate Speech Angriffe zu wehren, sagte Spiess-Hegglin und fügte hinzu: «Die grosse Aufgabe ist, dass die Mitmenschen zu diesem Thema sensibilisiert werden».

Studienmodul zu «Hate Speech»

Die Sensibilisierung soll ein Lern-Modul zum Thema Hate Speech für Studierende im Rahmen der (digitalen) Kompetenzen für die Zukunft leisten. Ein solches wird zurzeit von Laurenzia Karrer und Ineke Pruin an der Universität Bern erarbeitet. Das Modul ist so aufgebaut, dass die Studierenden die verschiedenen Formen von Hate Speech kennenlernen, erfahren, welche rechtlichen Möglichkeiten Betroffene haben und wann eine direkte Reaktion wie «Counter Speech» Sinn macht. Das Modul soll nicht nur Studierenden, sondern auch der Öffentlichkeit als Sensibilisierungstool zur Verfügung stehen: ab Januar 2023 auf der Webseite der Universität Bern.

Nicht selten werden Mitarbeitende der Universität mit Hassrede angegriffen, wenn sie sich in den sozialen Medien exponieren. Ineke Pruin spricht beim Angriff gegen Forschende von einer Doppelbelastung. Nicht nur werde ihre Arbeit angegriffen, sondern oft auch ihre Person. Die Expertinnen waren sich andererseits einig, dass die sozialen Medien bei der Wissenschaftskommunikation eine wichtige Rolle erfüllen. Ineke Pruin ergänzte: «Es wäre schade, wenn Forschende aus Angst vor Angriffen auf Auftritte in der Öffentlichkeit verzichten würden.» Es sei aber wichtig, dass die Hochschulen da Unterstützung leisteten, zum Beispiel auch mit Medientrainings, welche neu an der Universität Bern angeboten werden.

Wie die UniBE ihre Forschenden unterstützt

Ineke Pruin empfiehlt, sich im Falle von Hate Speech an die Ansprechstellen der Universität Bern zu wenden und im Arbeitskollegium über den Vorfall zu sprechen. Zudem seien Strafanzeigen ein wichtiges Instrument bei der Bekämpfung von Hate Speech. Die Universität Bern will diese Praxis zukünftig verfolgen. Ein Knackpunkt sei allerdings, so Pruin, dass die heutige Gesetzgebung nicht auf die neuen Formen der Diskriminierung und Anfeindung via Hate Speech ausgerichtet sei. Da Änderungen im Strafrecht in der Regel viel Zeit in Anspruch nähmen, müssten sich Betroffene auf die bestehenden Gesetze beziehen: insbesondere auf Artikel 261bis im Strafgesetzbuch, dem sogenannten Diskriminierungsartikel.

Generell wirke bei Hate Speech der Schutz durch die Arbeitgeberin ermutigend, waren sich die Podiums-Gäste einig. Ineke Pruin unterstrich dabei das Engagement der Universität Bern: Sie nehme mit ihrer neu geschaffenen Ansprechstelle für Hate Speech und dem Notfallangebot «Netz-Ambulanz» eine Pionierrolle in der Schweizer Hochschullandschaft ein.

Über die Arbeitsgruppe Stop Hate Speech

Die Arbeitsgruppe Stop Hate Speech an der Universität Bern bildet sich aus Mitarbeitenden der Abteilung Kommunikation und Marketing, der Abteilung für Chancengleichheit, des Rechtsdienstes und des Risikomanagements. Zudem nehmen Vertretende besonders exponierter Fakultäten Einsitz.

Über den Verein NetzCourage

Der Verein NetzCourage stellt sich aktiv gegen digitale Gewalt. Er unterstützt Betroffene durch Sofortmassnahmen der NetzAmbulanz. NetzCourage setzt sich für einen menschenwürdigen gegenseitigen Umgang im digitalen Raum ein. Mit juristischer Expertise sowie psychosozialer Beratung und Recherche unterstützt NetzCourage Betroffene von digitaler Gewalt.

Über die Autorinnen

Emilie Casale ist Praktikantin in der Abteilung für Chancengleichheit der Universität Bern.

Sylvia Löwe ist Social Media Managerin im Online Marketing der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern