07.05.2021 | Universität |

Dem Hass im Internet begegnen

Wenn sich Forschende in der Öffentlichkeit exponieren, sind sie teilweise gehässigen Reaktionen ausgesetzt, so wie Christian Althaus oder Susanne Wampfler. Die Universität Bern stellt sich hinter ihre Forschenden.

Von Isabelle Aeschlimann und Brigit Bucher

«Fresse halten» oder «Unkreative Bürokraten»: So tönt es in manchen Kommentarspalten über Forschende der Universität Bern, die sich öffentlich äussern. Einer, der spätestens seit Beginn der Coronapandemie aufgrund seiner Einschätzungen immer wieder mit solchen Kommentaren konfrontiert ist, ist Dr. Christian Althaus vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin. «Auf Twitter kommt es immer wieder mal zu heftigen Reaktionen», sagt er. Die Kommentare stören ihn zwar selbst nicht weiter: «Solange es sich nicht um Gewaltandrohungen handelt, kann ich das gut ignorieren.» Er bestätigt aber, dass Hate Speech im Internet unter den Forschenden ein Thema sei.

Prof. Dr. Susanne Wampfler vom Center for Space and Habitability (CSH) hat keinen Twitter-Account und nur private Facebook- und Instagram-Profile. Sie musste sich aber dennoch mit Hasskommentaren und Sexismus abgeben, nachdem sie in der SRF-Sendung «Einstein» einen Auftritt – ausgerechnet zum Thema Frauen in der Wissenschaft – hatte: «Negative Kommentare sind nur ein Aspekt. Ich habe zum Beispiel auch Freundschaftsanfragen mit einem Profilbild zweier sich paarender Frösche erhalten, oder Emails in angriffigem Ton.»

Als Gleichstellungsbeauftragte am CSH musste Susanne Wampfler schon in der Vergangenheit bei solchen Kommentaren gegenüber anderen Forschenden intervenieren und weiss, dass dies keine Einzelfälle sind. Sie spricht auch mit anderen Forschenden über Hate Speech: «Dabei haben wir zum Beispiel festgestellt, dass unterschiedliche Aspekte, die nicht dem typischen Bild eines Astrophysikprofessors entsprechen, zu negativen Äusserungen führen. So etwa rassistische Kommentare bei Forschenden aus dem Ausland, sexistische Kommentare gegenüber Forscherinnen oder Bezweifeln der Kompetenz bei jüngeren Forschenden.»

Wo fängt Hate Speech an?

Sophie Achermann, Geschäftsführerin von alliance F, dem überparteilichen Dachverband von über 100 Frauenorganisationen, und Leiterin des Projektes «Stop Hate Speech», verortet den Ursprung dieses Phänomens bei der Einführung von Kommentarmöglichkeiten auf den sozialen Medien und seitens Medienhäusern: «Es gibt sicher Algorithmen, die das begünstigen, dass gerade in den sozialen Medien Hass zu mehr Traffic und Interaktion führt. Das ist für die sozialen Medien auch finanziell sehr spannend.» Dabei ist es jedoch schwierig zu definieren, wo Hate Speech beginnt und wie viel man dulden muss. Sophie Achermann: «Grundsätzlich ist der Umgang mit üblen Kommentaren sehr subjektiv. Entsprechend ist auch die Grenze, ab wann eine Beleidigung nicht mehr tolerierbar ist und die sogenannte Hate Speech beginnt, bei allen Betroffenen unterschiedlich. Gesetzlich ist in der Schweiz relativ wenig verboten. Das ist ein Problem, zum Beispiel gerade im Bereich Sexismus.»

Was kann man also tun, wenn man selber von Hate Speech betroffen ist? Der Rat von Sophie Achermann: «Grundsätzlich würde ich empfehlen, sich nicht selber einzuschalten. Ein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Social-Media-Kanäle vorübergehend an eine Person abgeben, die die Kommentare sichtet und strafrechtlich Relevantes speichert. Gleichzeitig nützt es auch, das eigene Umfeld für aktive Gegenrede («Counter Speech») zu mobilisieren. Sich gegen Hate Speech zu stellen ist eine wirksame Strategie, die aber noch viel zu wenig passiert.» Dazu hat alliance F im Rahmen des Projekts «Stop Hate Speech» einen Algorithmus entwickelt: den Bot Dog. Er wird von Freiwilligen zum Aufspüren von Hasskommentaren trainiert, welche dann entsprechend gekontert werden.

Klare Zeichen setzen

Christian Althaus und Susanne Wampfler sagen, dass sie sich von Hate Speech im Internet nicht einschüchtern lassen. Wampfler findet es wichtig, dass Hate Speech öffentlich thematisiert wird und fügt hinzu: «Ich würde zwar lieber wieder meine Forschung im Fokus sehen. Andererseits will ich mich auch nicht durch solche Kommentare zum Schweigen bringen lassen – denn das ist ja genau eines der Ziele dieser Kommentarschreibenden.»

Die Universität Bern unterstützt diese Haltung und stellt sich hinter die Forschenden. Die negativen Reaktionen auf die SRF-Sendung hat die Universität auf dem offiziellen Twitterkonto verurteilt. Rektor Christian Leumann äusserte sich ebenfalls auf Twitter: «Ich bin schockiert über diese primitiven und erniedrigenden Reaktionen gegen unsere Forscherinnen, die exzellente Wissenschaft betreiben. Sie haben meine volle Unterstützung.» Neben dieser medialen Rückendeckung bietet die Universität auch verschiedene Anlaufstellen für Personen, die von Beleidigungen und Diskriminierungen betroffen sind (siehe Infobox). In besonders gravierenden Fällen können die Mitarbeitenden der Universität auch auf die Unterstützung des Rechtsdienstes zählen. Zudem wurde aufgrund der aktuellen Vorfälle eine interne Aktionsgruppe gegründet mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Abteilungen und Fakultäten. Die Arbeitsgruppe wird in einem ersten Schritt unter anderem eine Webseite entwickeln, auf der Betroffene zahlreiche Tipps zum Umgang mit «Hate Speech» und gesammelte Adressen von Anlaufstellen an der Universität Bern finden.

Auch die beiden befragten Forschenden haben sich gefreut, dass sich die Universität des Problems bewusst ist. Susanne Wampfler: «Wenn nämlich niemand etwas sagt, ist zu befürchten, dass sich die Grenze des Akzeptablen langsam immer weiter ausdehnt. Es ist daher aus meiner Sicht für die öffentliche Wahrnehmung wichtig, dass eine angesehene Institution wie die Universität Bern ein klares Zeichen gegen Hassrede gesetzt hat.»

Zu den Autorinnen

Isabelle Aeschlimann ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin Media Relations in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.