30.11.2022 | Universität | Geist & Gesellschaft

Die Macht des Musiktheaters

Lena van der Hoven erforscht Musiktheater auf der ganzen Welt. Dabei interessiert sich die 40-jährige Berlinerin vor allem für bisher marginalisierte Bevölkerungsgruppen, die Musiktheater machen.

Interview: Regula Wenger

Lena van der Hoven will wissen, welche Funktionen Musiktheater in unserer Gesellschaft übernehmen kann.
Lena van der Hoven will wissen, welche Funktionen Musiktheater in unserer Gesellschaft übernehmen kann. © Universität Bern, Bild: Dres Hubacher
Sie arbeiten seit Februar in Bern, sind Sie gut angekommen?

Lena van der Hoven: Am Institut schon, ich arbeite gern mit meinen Kollegen und Kolleginnen zusammen. Die einzelnen Professuren verflechten sich thematisch, das ist der Luxus dieses Instituts. Aber ausserhalb der Uni ist das Berndeutsche für mich als Berlinerin ein Problem. Manchmal bitte ich darum, einen Satz zu wiederholen – und beim zweiten Hin­hören tönt es für mich wieder genau gleich.

Als wir mit Ihnen Kontakt aufgenommen haben, waren Sie gerade an der Transnational Opera Studies Conference in Bayreuth. Worum ging es dort?

Die tosc@bayreuth ist die grösste internationale Konferenz zu Oper und Musiktheater. Fachleute kommen zusammen, um Vorträge zu halten und sich zu vernetzen. Für mich war diese Zeit besonders bereichernd, weil ich vor meiner Professur in Bern in Bayreuth tätig war und an der Konferenz mitgearbeitet hatte.

Organisieren Sie auch hier in Bern Veranstaltungen?

Ja, in der neuen Veranstaltungsreihe «Musiktheater – Macht –Gesellschaft» diskutieren wir mit Wissenschaftlerinnen und Künstlern die Funktionen des Musiktheaters in unserer Gesellschaft. Wir untersuchen sowohl historische als auch zeitgenössische Phänomene, Werke und Produktionen. Dabei gehen wir etwa der Frage nach, welche Macht Musiktheater auf unsere Gesellschaft hat. An der nächsten Veranstaltung am 29. September moderiere ich mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas und der Performerin Mollena Williams-Haas – übrigens künstlerisch und privat ein Paar – ein Gespräch über die Uraufführung von «Sycorax». Das Werk wirft aktuelle Fragen nach Besitz, Aneignung und Selbstermächtigung auf.

Sie waren in Berlin und Bayreuth und hielten sich in Südafrika auf. Was hat Sie nun an die Universität Bern geführt?

Zu einer Professur mit Tenure-Track mit Schwerpunkt Musiktheater kann man schlecht Nein sagen. Das Angebot ist einmalig im deutschsprachigen Raum, ich musste mich einfach bewerben. Dazu kommt die besondere Konstellation hier am Institut: Mich interessieren ja nicht nur Oper und Musiktheater, sondern ich arbeite spezifisch zum südafrikanischen Musiktheater nach der Apartheid. Diesen transkulturellen Aspekt greift die Kulturelle Anthropologie für Musik auf, die hier am Institut gepflegt wird. Gleichzeitig gibt es auch wunderbare Überschneidungen zur historischen Musikwissenschaft.

Wie würden Sie einem Kindergartenkind Ihre Arbeit erklären?

Ich versuche, jungen Menschen beizubringen, über das Musik­theater nachzudenken. In meiner Forschung untersuche ich, welche Funktionen das Musiktheater in unserer Gesellschaft übernehmen kann.

Und wie funktioniert Wissenschaft in Ihrem Gebiet?

Je nach Gegenstand und Fragestellung wird mit unterschiedlichen Methoden und Quellen gearbeitet: Beim letzten Projekt in Bayreuth, an dem ich mitgearbeitet habe, ging es um die Opera buffa als europäisches Phänomen im 18. Jahrhundert. Uns haben insbesondere die Aspekte Migration, Mapping und Transformation interessiert. Wir haben mit Partituren gearbeitet, Libretti analysiert und andere historische Quellen beigezogen. Wir untersuchten, wie sich die komische Oper von Italien ausgehend in Europa verbreitete. Uns interessierten hierbei die Akteure und Akteurinnen, ihre Netzwerke und Wege sowie die Repertoireveränderungen im höfischen wie im kommerziellen Bereich.

Mit welchen anderen Methoden arbeiten Sie noch?

Bei meinem aktuellen Forschungsprojekt zu Opernpro­duktionen in Südafrika nach der Apartheid handelt es sich um ein zeitgenössisches Thema. Hier kann ich zusätzlich zur Auswertung von gedruckten Quellen auch die Proben neuer Opern begleiten, Aufführungsanalysen vor Ort vornehmen sowie Publikumsbefragungen und Interviews mit Komponis­ten, Sängerinnen und Leiten­den von Operngesellschaften durchführen.

Für Lena van der Hoven ist die Bühne  ein Teil des Forschungsgebietes, etwa für die Analyse von Aufführungen.
Für Lena van der Hoven ist die Bühne ein Teil des Forschungsgebietes, etwa für die Analyse von Aufführungen. © Universität Bern, Bild: Dres Hubacher
Wie finden Sie Ideen für Ihre Forschungsprojekte?

Manchmal inspiriert mich die Praxis. Häufig arbeite ich aber auch an einem Thema, und dabei entstehen immer neue Seitenzweige und Fragestellungen. Im Rahmen des geförderten Projektes kann ich nicht alles bearbeiten, und es würde sich lohnen, bestimmte Aspekte in einem nächsten Projekt aufzugreifen. Manchmal werden aber auch Fragestellungen direkt an mich herangetragen.

Welches ist Ihre grösste Sorge in Bezug auf die Qualität Ihrer Forschung?

Die Herausforderung bei zeitgenössischer Forschung ist die fehlende Distanz. Aktuelle Forschung ist wichtig, aber sie wird sicher dadurch reifen, dass in Zukunft weitere Ansätze und Perspektiven zusammenkom­men werden. Meine Forschung soll eine Basis bilden und Neues stimulieren.

Was ärgert Sie am meisten in Ihrem Forschungsgebiet?

Mich interessiert bei meiner Arbeit vor allem auch der Blick auf bisher marginalisierte Bevölkerungsgruppen, die Musiktheater machen. Der stark eurozentristische Fokus in der Opernforschung ist problematisch. Allerdings bewegt sich hier langsam etwas, wie ich an der tosc@bayreuth erfreulicherweise feststellen konnte.

Warum haben Sie sich für diesen beruflichen Weg entschieden?

Ich erhielt schon mit vier Jahren eine frühmusikalische Erziehung. Später faszinierte mich am Musiktheater der Zusammenhang zwischen Musik, Musiktheater und Politik. Als ich das Doktorat begann, war ich besonders angetan davon, weiterhin an eigenen Themen forschen zu können. Mit meinen Anstellungen an der Uni hat mich jedoch auch immer mehr die Bandbreite der verschiedenen Aufgaben in dieser Position begeistert. Ich schätze es, eigene Themen setzen zu können. Erfüllend sind auch die Lehre und der vielfältige Austausch mit Studierenden oder mit Kollegen und Kolleginnen auf internationalen Konferenzen. Daneben sind wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch in der Wissenschaftskommunikation tätig. Das führt zu einem Dialog mit der Öffentlichkeit. Und schliesslich dürfen wir eigene Veranstaltungen organisieren und hoffentlich gesellschaftsrelevante Diskurse mitgestalten.

Wem könnten Sie Ihre Arbeit weiterempfehlen?

Es braucht Durchhaltevermögen. Während einer langen Phase wird in Sachen Pensum viel von einem verlangt, dazu müssen wir örtlich flexibel und hoch innovativ sein, während die berufliche Zukunft nicht gewährleistet ist. Damit muss man umgehen können. Hat man das Glück, irgendwann eine sichere Stelle zu finden, kann der Beruf sehr erfüllend und vielseitig sein. Die immer neuen Herausforderungen geben enorm viele Gestaltungsmöglichkeiten.

Sind Sie mit einem akademischen Hintergrund aufgewachsen?

Nein, deshalb war es für meine Laufbahn auch so wichtig, dass ich Mentorinnen hatte. Sie zeigen einem, was möglich ist. Nun hoffe ich, Mentorin für meine Studierenden sein zu können.

Wie wurden Sie selbst gefördert?

Neben den Mentorinnen gab es Stipendien, und ich wurde für einen Preis vorgeschlagen, den ich dann auch erhielt. Mir half auch das Nachwuchsförderungsprogramm der Uni Bayreuth, das mit dem Berner «Comet» vergleichbar ist.

Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht in der Forschung gelandet wären?

Dramaturgin. Als Dramaturgin an einem Opernhaus hätte ich zum Teil ähnlich gearbeitet, nur praxisnäher.

Wie teilen Sie Ihre Arbeit auf?

Während der Vorlesungszeiten sind es zwischen 40 und 50 Prozent für Lehre und Betreuung, 20 Prozent für die Selbstverwaltung und 40 Prozent für die Forschung, in denen ich an meiner Habilitation schreibe, Veranstaltungen durchführe, forsche und Anträge stelle. Während der vorlesungsfreien Zeit kann ich 70 Prozent für die Forschung aufwenden. Dann reichen 20 Prozent für Betreuung und Vorbereitung der Lehre und 10 Prozent für die Selbstverwaltung.

Was war Ihr grösster Erfolg in Ihrer Laufbahn?

Diese Professur zu erhalten!

Und wo liegen neben der Forschung noch Ihre Interessen?

Als Musiktheaterwissenschaftlerin habe ich natürlich eine Passion für Musiktheater, Musik und Theater. Zum Ausgleich gehe ich sehr gern wandern. Seitdem ich in der Schweiz wohne, habe ich da ganz neue Möglichkeiten.

Über Lena van der Hoven

Prof. Dr. Lena van der Hoven ist Assistenzprofessorin für Musiktheater
an der Universität Bern.

Kontakt: lena.vanderhoven@unibe.ch

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