18.02.2021 | Forschung | Gesundheit & Medizin

«Arbeiten, arbeiten und noch mehr arbeiten»

Mit dem lebensrettenden Medikament CAL02 revolutioniert die Combioxin SA die Behandlung von schweren Infektionen wie Lungenentzündungen. Geschäftsführerin Dr. Samareh Azeredo da Silveira Lajaunias erklärt, wie das Spin-off die am Institut für Anatomie der Universität Bern entwickelte Innovation erfolgreich in ein marktreifes Pharmaprodukt umsetzt.

Interview: Lisa Fankhauser

Frau Azeredo da Silveira Lajaunias, in welchem Bereich ist Ihr Unternehmen tätig?

Samareh Azeredo da Silveira Lajaunias: Combioxin ist ein Biotechnologie-Unternehmen, das Medikamente gegen schwere und tödliche Infektionen für die Intensivmedizin entwickelt. Unser führender Medikamentenkandidat, CAL02, ist ein First-in-Class-Medikament mit einer neuartigen Technologie und nachgewiesener Sicherheit für den Menschen. Die patentierte Technologie von CAL02 setzt neu entwickelte Liposomen – winzige Fettkügelchen – ein, um bakterielle Toxine, sogenannte Virulenz-Effektoren, einzufangen und zu neutralisieren. Herkömmliche Behandlungen von Infektionen führen einen «chemischen Krieg», indem sie versuchen, die Erreger zu zerstören, meist nachdem bereits gefährliche Toxine freigesetzt wurden, die Zellen zerstören, lebenswichtige Organe schädigen, das Immunsystem ausser Gefecht setzen und bei der Patientin oder dem Patienten eine potenziell tödliche Entzündungsreaktion auslösen.

Unsere jüngsten klinischen Ergebnisse haben gezeigt, dass Patientinnen und Patienten, die wegen einer Lungenentzündung mit CAL02 behandelt werden – sie werden an einen Tropf mit dem Medikament angeschlossen –, weniger schwer erkranken, sich schneller erholen und die Intensivstation eine Woche früher verlassen als Patientinnen und Patienten, die nur mit herkömmlichen Standardtherapien wie Antibiotika behandelt werden. CAL02 bietet eine drastisch verbesserte Therapie für schwere Infektionen.

Lungenentzündungen sind die zweithäufigste Ursache für Spitalaufenthalte, die häufigste Infektion, die eine Einweisung in die Intensivstation erfordert und oft zu einer kostspieligen und langwierigen Behandlung führt. CAL02 ermöglicht den Patientinnen und Patienten eine schnellere Genesung und führt zu einer früheren Entlassung aus der Intensivstation und aus dem Krankenhaus allgemein, wodurch sie von langwierigen Nachsorgemassnahmen befreit werden. Dieses neue Medikament wird daher die wirtschaftliche Krankheitslast verringern und einen globalen wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Können Sie erklären, wie CAL02 genau funktioniert?

Wenn Bakterien in unseren Körper eindringen, produzieren sie Toxine, die weitreichende Schäden an unseren Geweben und Organen verursachen, Entzündungsreaktionen auslösen und unsere Immunzellen angreifen und zerstören, bevor diese ihre Arbeit tun können, nämlich die Bakterien zu eliminieren. CAL02 funktioniert wie ein Köder: Anstatt sich auf unsere Immunabwehr zu stürzen und Organversagen und Entzündungen zu verursachen, werden die Toxine von den CAL02-Liposomen eingeschlossen und neutralisiert. Die Immunzellen haben dann freie Bahn und können Bakterien bekämpfen und abbauen.

Dieser Ansatz verändert den Kampf gegen schwere Infektionen grundlegend: Da das Medikament nicht direkt mit den Bakterien in Kontakt kommt, führt es nicht zur Entstehung von Resistenzen – ganz im Gegensatz zur Wirkungsweise von Antibiotika, die unweigerlich zu neuen Resistenzen führt.

Wie hat Ihnen die Universität Bern die Gründung Ihrer eigenen Firma ermöglicht?

Die Beziehung zwischen Combioxin und der Universität Bern beruht auf zwei Säulen. Die eine ist die hervorragende Qualität der Arbeit der Technologietransferstelle Unitectra, die zu einer exklusiven Lizenz auf das im Universitätslabor generierte geistige Eigentum und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit über die Jahre hinweg führte. Die andere Säule ist die vertrauensvolle und positive Zusammenarbeit mit der Erfinderin und dem Erfinder, der verstorbenen Professorin Annette Draeger und Dr. Edik Babiychuk vom Institut für Anatomie der Universität Bern. Ihr Wissen und ihre Expertise sind das Rückgrat der Technologie, die unser Unternehmen entwickelt.

Was hat Sie an der Selbstständigkeit gereizt?

Mehrere Elemente haben den Sprung von der akademischen Forschung zum unternehmerischen Wagnis motiviert: Die Entschlossenheit, auf Laborergebnissen aufzubauen und sie zu medizinischen Hilfsmitteln zu entwickeln, die Millionen von Patientinnen und Patienten helfen, sowie das Interesse, die vielen anderen Facetten einer Erfindung zu erforschen – einschliesslich geistiges Eigentum, Herstellung, regulatorische Anforderungen, klinische Entwicklung und auch Marketing.

Wie kam es von der Idee, ein Unternehmen zu gründen, zur tatsächlichen Gründung von Combioxin?

Um von der Idee des Unternehmens zur tatsächlichen Gründung zu kommen, haben wir uns zunächst auf das geistige Eigentum, die Formulierung des Medikamentenkandidaten, die Bestätigung der Wirksamkeit und den Herstellungsprozess konzentriert. Wir wurden von der Technologietransferstelle Unitectra auf die Erfindung von Professorin Draeger und Dr. Babiychuk aufmerksam gemacht und begannen eine Zusammenarbeit mit dem Universitätslabor, um deren erste Ergebnisse zu bestätigen sowie das Profil des Wirkstoffs zu verfeinern.

Die Gründer von Combioxin brachten die notwendigen Mittel auf, um die Erfindung in die klinische Phase zu bringen und nutzten ihre Expertise und ihr Netzwerk, um alle operativen wissenschaftlichen, medizinischen, produktionstechnischen, regulatorischen und kommerziellen Aufgaben sowie Fragen zum geistigen Eigentum für die Entwicklung des Produkts zu übernehmen.

Was ist Ihre Vision?

Die innovativsten Konzepte und die genialsten Erfindungen kommen vielleicht von Universitätsforschenden und Krankenhausärztinnen und -ärzten. Die Entwicklungsschritte, damit diese Kleinode zu anwendbaren medizinischen Werkzeugen werden, sind noch zu erfinden. Vor allem aber werden noch nie dagewesene Ansätze einen wirklich lebensverändernden medizinischen Fortschritt bewirken. Im Fall von Combioxin erscheint die Erfindung der Universität Bern nun als ein Ansatz, der den Bereich schwerer Infektionen wie einer Lungenentzündung revolutioniert. Eine Lungenentzündung ist die tödlichste Infektionskrankheit, bei der es immer noch so viele Komplikationen und Todesfälle gibt wie vor Jahrzehnten und bei der die Sterblichkeitsrate bei schwer erkrankten Patientinnen und Patienten trotz bester Antibiotika bei 30 bis 50 Prozent liegt. CAL02 wurde von der Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases zum medizinischen Durchbruch erklärt. Die neuartige Strategie von CAL02 besteht darin, die bakterielle Virulenz zu neutralisieren, so dass Bakterien wie Soldaten ohne Waffen dastehen.

CAL02 wurde entwickelt, um eine medizinische Lücke zu schliessen und kann jährlich Millionen von Patientinnen und Patienten verabreicht werden, allein oder in Kombinationstherapie, ohne die Resistenzbelastung zu erhöhen. Nach positiven Gesprächen mit den europäischen und US-amerikanischen Zulassungsbehörden starten wir eine ehrgeizige klinische Phase, in der CAL02 als empirische Erstlinientherapie bei Komplikationen im Zusammenhang mit einer schweren Lungenentzündung geprüft wird. Wir erwarten die Zulassung des Produkts in einem Zeitrahmen von vier Jahren.

Welchen Rat würden Sie Ihrem studentischen Ich aus heutiger Sicht geben?

Eine wichtige Lektion, die ich im Laufe der Jahre gelernt habe, ist, die Balance zwischen zwei extrem unterschiedlichen Welten zu finden und zu managen: den akademischen Laboren und der pharmazeutischen Industrie. Die wissenschaftliche Erforschung in den Universitätslaboren spiegelt die Grossartigkeit der Forschung wider und kann zu bahnbrechenden Erkenntnissen und Erfindungen führen. Sie kollidiert jedoch oft mit dem Fokus und der Kontinuität, die für die vielen stark regulierten Entwicklungsschritte – sei es in der Präklinik, in der Klinik, bei der Herstellung oder bei der Zulassung – erforderlich sind, damit aus der Erfindung ein marktreifes pharmazeutisches Produkt werden kann.

Welchen Rat würden Sie Studierenden geben, die den Schritt in die Selbstständigkeit erwägen?

Folgen Sie Ihren Träumen, haben Sie Vertrauen in Ihre Kompetenz, seien Sie konsequent und bewerten Sie Ihre Ergebnisse mit einem objektiven Auge. Aber vor allem: arbeiten, arbeiten und noch mehr arbeiten.

SPIN-OFF UNTERNEHMEN

Unter einem Spin-off wird die Abspaltung einer Geschäftseinheit eines Unternehmens und die darauffolgende Gründung eines eigenständigen Unternehmens mit dieser Geschäftseinheit verstanden. Im Universitätsumfeld versteht man unter Spin-offs Firmen, die von Universitätsangehörigen gegründet wurden und auf den Forschungen aufbauen, die an der Universität geleistet wurden.

UNIAKTUELL-REIHE SPIN-OFFS

In einer losen Reihe porträtiert das Online-Magazin «uniaktuell» aus der Universität Bern hervorgegangene Spin-offs. Damit soll aufgezeigt werden, wie der Wissenstransfer von der Universität in die Praxis geschaffen wird. Haben auch Sie an der Universität Bern Forschungsergebnisse realisiert und mit einer entsprechenden Spin-off-Gründung den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt? Melden Sie sich bei uniaktuell@unibe.ch, damit wir auch Ihr Unternehmen vorstellen können.

Unitectra

Unitectra ist die Technologietransfer-Organisation der Universitäten Basel, Bern und Zürich. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie Forschende bei Kooperationen mit der Privatwirtschaft und anderen privaten oder öffentlichen Institutionen. Unitectra kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit den Forschenden um die praktische Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte und Dienstleistungen. Die Umsetzung erfolgt in Kooperation mit bestehenden Firmen oder durch Unterstützung der Gründung von universitären Spin-off-Firmen. Die Dienstleistungen von Unitectra stehen auch den Angehörigen der mit den drei Universitäten assoziierten Spitäler sowie weiteren Kooperationspartnern zur Verfügung.

Zur Person

Dr. Samareh Azeredo da Silveira Lajaunias gründete 2007 die LASCCO SA mit dem Ziel, grundlegend innovative akademische Entdeckungen für die medizinische Anwendung auszuwählen und auf den Markt zu bringen. Sie baute das Portfolio des Unternehmens auf, das sich auf Entdeckungen in den Bereichen Intensivmedizin und Infektionskrankheiten konzentriert. Von 2011 bis 2019 war sie Partnerin bei Sepstone Diagnostics, einem Spin-off von LASCCO, das sich der Entwicklung neuartiger Biomarker für Sepsis widmet. Seit 2015 ist sie General Manager bei der Combioxin SA und verantwortlich für die Entwicklung von CAL02, dem Hauptprodukt des Unternehmens. Samareh hat einen Doktortitel in Neurowissenschaften von der EPFL. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen und Meinungsbeiträge und wurde zu einer der 100 herausragenden Persönlichkeiten ernannt, die zur Dynamik und zum Innovationsgeist in der Schweiz beitragen.

Zur Autorin

Lisa Fankhauser ist Redakteurin in der Stabsstelle Kommunikation & Marketing der Universität Bern.