02.09.2019 | Personen | Geist & Gesellschaft

«Ein Informationskrieg, den wir nicht verlieren dürfen»

Psychologieprofessor Stephan Lewandowsky untersucht, wie sich Des- und Fehlinformation verbreiten und schliesslich unsere Gesellschaften verändern. Am Mittwoch, 11. September hält er an der Uni Bern am Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie die öffentliche Keynote. Im Interview erklärt er, was wir in Zeiten von «fake news» tun können, um die Desinformation zu bekämpfen.

Interview: Lisa Fankhauser, übersetzt aus dem Englischen

uniaktuell: Lügen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak 2003, die Beeinflussung der US-Wahlen durch Russland 2016 oder Donald Trump, der es mit Fakten nicht immer so genau nimmt: Haben Des- und Fehlinformation in den letzten Jahren zugenommen?

Stephan Lewandowsky: Online gab es eine Zunahme an Desinformation: Es gibt Belege dafür, dass «fake news» nun die Agenda bestimmen. Was ich aber als weitaus wichtiger erachte, ist die Veränderung der Art von Fehlinformationen: Von sorgfältig kuratiert – wie es etwa in Zusammenhang mit den Massenvernichtungswaffen im Irak der Fall war – zu sorglosem Verbreiten solcher Informationen. Als Beispiele für Letzteres können etwa Donald Trump oder der Brexit herangezogen werden: Beanspruchten Tony Blair und George W. Bush noch die Realität für sich, interessiert es Boris Johnson und Donald Trump offensichtlich überhaupt nicht, wenn ihre Lügen auffliegen. Menschen von ihrem ideologischen Kaliber erklären ziemlich offen, dass «Wahrheit nicht Wahrheit ist» und, dass Fakten ein «altmodisches Konzept» sind. Diese Sorglosigkeit kombiniert mit einem Sturm von Desinformation hat den öffentlichen Diskurs völlig verändert.

Welches sind «perfekte» Bedingungen, damit sich Mythen und Fehlinformationen schnell verbreiten?

Das Internet hilft sehr dabei. Auch konforme Medien, die es ablehnen, Politikerinnen und Politiker zur Rechenschaft zu ziehen, tragen ihren Teil dazu bei. Das ist etwa in Grossbritannien der Fall. Ausserdem muss ein grosser Teil der Bevölkerung dazu bereit sein, lügende Politikerinnen und Politiker zu akzeptieren – und sie zu wählen.

Warum verbreiten Menschen Fehlinformationen?

Früher ging es darum, Menschen von irgendetwas zu überzeugen – etwa, dass Massenvernichtungswaffen im Irak existieren. Heutzutage besteht das Ziel mehr darin, die Idee einer realisierbaren Wahrheit an und für sich zu untergraben. Sobald Menschen den Glauben an das Konzept der Wahrheit verlieren, wird Demokratie unmöglich, weil es nur noch darum geht, wer am lautesten schreit.

Welche Effekte haben Des- und Fehlinformation auf unsere Gesellschaften? Gibt es kulturelle Unterschiede?

In den USA haben Des- und Fehlinformation dazu geführt, dass es die Menschen nicht mehr sehr kümmert, ob Politiker lügen oder nicht. Dies konnten wir in einigen Studien aufzeigen. In anderen Ländern – ich habe nur Australien untersucht – ist dies (noch) nicht der Fall.

Wie wird das Gedächtnis von Personen verändert, wenn sie herausfinden, dass Dinge, an die sie bis anhin geglaubt haben, falsch sind?

Die Menschen können sich an eine Korrektur erinnern und ihr Gedächtnis entsprechend dieser Fakten anpassen. Aber dies bedeutet leider nicht, dass sie die ursprüngliche Desinformation gänzlich vergessen. Ganz im Gegenteil: Es existieren viele Belege, dass sich Menschen – ironischerweise – weiterhin auf Informationen beziehen, von denen sie wissen, dass sie falsch sind.

Stichwort Informationsflut: Wie können wir als Individuen mit Des- und Fehlinformation umgehen?

Ich denke, dass wir uns bewusst sein müssen, dass es Menschen gibt, die uns falsch informieren wollen. Wir müssen lernen, wie sie dies machen.

Sie sagen, man könne Personen gegen Fehlinformation impfen: Wie gelingt dies?

Dies wird Inokulation genannt und funktioniert ziemlich gut. Gemäss der Inokulationstheorie können Menschen gegen Fehlinformation geimpft werden, wenn sie vorher einer widerlegten Version der Mitteilung ausgesetzt werden. Wenn wir zum Beispiel Probanden ein Werbeplakat aus den 50er Jahren zeigen, auf der ein Arzt sagt, dass er «Lucky Strike»-Zigaretten raucht, weil diese geröstet und deshalb besser für seine Lungen sind, tun die Probanden dies als Blödsinn ab. Erklärt man ihnen dann, dass Politiker, die den Klimawandel als Lüge darstellen, dasselbe tun und falsche Experten nutzen, sind sie danach von klimawandelskeptischen Mitteilungen weniger beeindruckt. Wie auch Impfungen Antikörper bilden, um zukünftigen Viren standzuhalten, statten Inokulationsmitteilungen das Individuum mit Gegenargumenten aus. Diese führen bei zukünftiger Fehlinformation möglicherweise zu Resistenz, sogar wenn die Fehlinformation mit schon bestehenden Einstellungen übereinstimmt.

Was können wir tun, um nicht zu Des- oder Fehlinformation beizutragen?

Wir müssen uns verpflichten, Informationen sorgfältig zu überprüfen, bevor wir diese weiterverbreiten. Demokratien liegt zugrunde, dass die Bürgerinnen und Bürger zum Allgemeingut beitragen müssen – dies ist Bürgerpflicht. Weil die Wahrheit von Menschen, die Desinformation und Täuschung praktizieren, bedroht wird, liegt diese Bürgerpflicht heutzutage darin, der «post-truth»-Gesellschaft Widerstand zu leisten und «fake news» zu bekämpfen. Journalistinnen und Journalisten sind an der vordersten Front im Kampf gegen die Desinformation und sollten ihre Bürgerpflicht erfüllen, die Wahrheit zu erzählen. Wir müssen aber alle unseren Teil leisten: Wir können es zu unserer Bürgerpflicht machen, unsere Freundinnen und Freunde, Mitarbeitenden oder Nachbarn über die Gefahren von Desinformation zu warnen. Schippten wir früher Schnee beim alten Nachbarn, so sollten wir ihn heute daran hindern, jeder schockierenden Headline Glauben zu schenken. Diese Bürgerpflicht wird jeden Tag dringender, da sich falsche Informationen schnell verbreiten. Natürlich braucht es dazu Menschen, die diese streuen. Bevor wir also irgendetwas auf den Sozialen Medien teilen, sollten wir die Fakten checken. Dies bedeutet, dass wir unsere eigenen Rechte und Freiheiten beschützen – jeder kann ein investigativer Journalist werden mit seinem Laptop. Wenn wir unsere derzeitigen Freiheiten schätzen, sollten wir erkennen, dass wir uns in einem Informationskrieg befinden, den zu verlieren wir uns nicht leisten können. Dies ist unsere neue Bürgerpflicht.

ZUR PERSON

Psychologieprofessor Stephan Lewandowsky ist Kognitionswissenschaftler mit Spezialgebiet computergestützte Modellierung an der University of Bristol. Er versucht zu verstehen, wie der Geist funktioniert, indem er Computersimulationen unseres Gedächtnisses und von Entscheidungsprozessen schreibt. Seit kurzem interessiert er sich dafür, wie Menschen ihr Gedächtnis aktualisieren, wenn Dinge, an die sie bis anhin geglaubt haben, sich als falsch herausstellen. Dies führte ihn dazu, die Beständigkeit von Fehlinformation in der Gesellschaft zu untersuchen und wie Mythen und Fehlinformation sich verbreiten. Insbesondere interessieren ihn die Variablen, die bestimmen, ob Menschen wissenschaftliche Beweise akzeptieren oder nicht – etwa in Zusammenhang mit Impfungen oder dem Klimawandel.

Stephan Lewandowsky hält am 11. September 2019 um 17.15 Uhr im Rahmen des 16. Kongresses der SPS SGP SSP in Bern die öffentliche Keynote.

Kontakt:

Professor Stephan Lewandowsky

Chair in Cognitive Psychology, School of Psychological Science

University of Bristol

E-Mail: stephan.lewandowsky@bristol.ac.uk

16. Konferenz der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie

Psychologische Forschung leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft – etwa wie ein friedliches Zusammenleben zwischen verschiedenen Gruppen oder Ethnizitäten möglich ist. Die 16. Konferenz der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie bringt Forschende verschiedener Gebiete der Psychologie zusammen, damit diese ihre neuesten Erkenntnisse austauschen können. Das Thema der diesjährigen Konferenz, der Beitrag der Psychologie zur Gesellschaft, soll aufzeigen, wie Psychologie zur erfolgreichen Entwicklung einer Gesellschaft beitragen kann.

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Zur Autorin

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing bei der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern. Sie ist Themenverantwortliche «Interkulturelles Wissen».