Mit Blick ins Gehirn das Umweltverhalten besser verstehen

Menschliches Verhalten treibt den Klimawandel voran. Deshalb ist es wichtig, besser zu verstehen, wie wir umweltbezogene Entscheidungen treffen. Zwei Berner Forscherinnen zeigen, warum der Blick ins Gehirn den Klimaschutz wirksamer machen könnte.

Text: Bettina Jakob 05. Februar 2026

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Sollen wir ans Meer fliegen oder mit dem Zug anreisen, verzichten wir heute auf Fleisch, kaufen wir den neuen Pullover oder wählen Secondhand? Unser Verhalten ist entscheidend, um den Klimawandel abzubremsen, denn gemäss Weltklimarat IPCC reichen technologische Innovationen allein nicht aus.

Somit steht das Gehirn als Schaltstelle unseres Entscheidungsverhaltens mit im Zentrum. Für die Forscherinnen Prof. Dr. Daria Knoch und Dr. Annika Wyss von der Universität Bern sind neurowissenschaftliche Methoden – wie etwa die funktionelle MRT-Bildgebung, EEG oder nicht-invasive Hirnstimulation – ein wertvoller neuer Ansatz, um umweltrelevante Entscheidungen besser zu verstehen, wie sie in ihrer kürzlich erschienenen Publikation in Nature Reviews Neuroscience erläutern.

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Daria Knoch ist Professorin für Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie und leitet die gleichnamige Abteilung. © Luca Christen

Verhalten mit echten Konsequenzen messen

Viel heutiges Wissen über Umweltverhalten gründet auf Selbstauskünften, Absichten, die wir haben und auch auf hypothetischen Szenarien. Das heisst: Die Versuchspersonen geben an, wie umweltfreundlich sie sich in Zukunft verhalten möchten. Gemäss Knoch und Wyss ist diese Art, Daten zu erheben, fehleranfällig: «Fragt man nur theoretisch ab, ob jemand umweltfreundlich leben will, gibt sich die Mehrheit nachhaltig, denn dies beabsichtigen ja eigentlich viele Menschen», so Annika Wyss. Auf dieser Basis lasse sich das Verhalten, wie es dann tatsächlich ist, oft nur schwer voraussagen, geschweige denn daraus Interventionen für Verhaltensänderungen planen.

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Annika Wyss ist Postdoktorandin an der Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie. © Rob Edgerley

Wie die Autorinnen ausführen, ist es unabdingbar, dass bei der Untersuchung des Umweltverhaltens eine Entscheidung reale Konsequenzen hat. Das bedeutet: Da nachhaltiges Verhalten oft einen höheren Preis hat, bleibt für Testpersonen in einem Untersuchungsdesign mit echten Ressourcen je nach ihrer Entscheidung unterschiedlich viel Geld übrig, das sie nach dem Experiment mit nach Hause nehmen können.

Erkenntnisse dank kombinierten Methoden

Mit neurowissenschaftlichen Methoden lassen sich Umweltentscheidungen mit realen Konsequenzen objektiv untersuchen. Man kann dem Gehirn mithilfe von MRT oder EEG sozusagen beim Entscheiden zusehen: «Da wir wissen, welche Hirnareale bei welchen Funktionen involviert sind und ebenfalls, wie diese Hirnareale in Netzwerken verbunden sind, lassen sich Rückschlüsse auf Prozesse und Mechanismen ziehen, die bei Entscheidungen über nachhaltiges Verhalten relevant sind», erklärt Daria Knoch. Dieser junge Forschungsansatz, den Knoch und Wyss in ihrem Artikel beleuchten, heisst in der Fachwelt «Environmental Decision Neuroscience».

Drei Kernmechanismen bei Umweltverhalten

Es kristallisieren sich drei Kernmechanismen für nachhaltiges Handeln heraus – nämlich, wie wertvoll wir eine Entscheidungsoption erachten, wie gut wir Perspektiven anderer Personen oder zukünftiger Generationen einnehmen können und wie fähig wir sind, Selbstkontrolle auszuüben.

  • Wer sich nachhaltig verhält, bewertet eine nachhaltige Option als wertvoll – obwohl man häufiger mehr bezahlen muss oder der Weg dahin unbequemer ist. Im Gehirn sind in diesem Fall Hirnregionen wie der sogenannte ventromediale Präfrontalkortex oder der Nucleus accumbens aktiv. Diese Areale repräsentieren den subjektiven Wert, den jemand einer Entscheidungsoption zuschreibt. 
  • Auch die Perspektivübernahme ist wichtig – also die Fähigkeit, eine Situation aus der Sicht anderer zu betrachten. «Wer sich besser in zukünftige Klimaopfer hineinversetzen kann, verhält sich nachhaltiger», so Annika Wyss. Auf neuronaler Ebene sind dabei der temporoparietale Übergang und der dorsomediale präfrontalen Kortex aktiv. «Die beiden Hirnareale sind bei Theory-of-Mind-Prozessen und sozialer Kognition, also wie wir andere verstehen, involviert.»
  • Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle wirkt als dritter Mechanismus: Klimafreundlich zu handeln bedeutet häufig, kurzfristige Vorteile – wie niedrigere Kosten oder Bequemlichkeit – hintanzustellen zugunsten langfristiger und oft abstrakter Ziele, wie beispielsweise in den nächsten 20 Jahren den CO2-Ausstoss, um einen bestimmten Wert zu senken. Bei diesem Prozess sind im Gehirn insbesondere Areale des dorsolateralen präfrontalen Cortex beteiligt.

Das Umweltverhalten zu verändern ist komplex

Zwar gibt es viele Massnahmen, nachhaltiges Handeln zu fördern. Wie gut diese aber wirken, hängt laut den beiden Forscherinnen stark vom konkreten Kontext ab und von den Ausprägungen der drei Kernmechanismen, die eine Person individuell mitbringt.

«Um Massnahmen möglichst effektiv zu gestalten, muss die Forschung über die Frage hinausgehen, ob Interventionen funktionieren: Sie muss klären, wie, für wen und unter welchen Bedingungen die Massnahmen wirken», fassen die Autorinnen zusammen. «Das bessere Verständnis der neuronalen Prozesse, die unsere Umweltentscheidungen steuern, ist ein möglicher Schlüssel dazu.»

Zur Person

Prof. Dr. Daria Knoch

ist seit 2014 Ordentliche Professorin für Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie und leitet die gleichnamige Abteilung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung der neurobiologischen Grundlagen sozialer Interaktionen und Entscheidungsprozessen.

Zur Person

Dr. Annika Wyss

ist Postdoktorandin an der Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie. Ihr Forschungsgebiet ist die Umweltpsychologie.

Angaben zur Publikation

Knoch, D., Wyss, A.M. Environmental decision neuroscience connects the brain to climate action. Nat. Rev. Neurosci. (2026). https://www.nature.com/articles/s41583-026-01026-4

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