«Gerechtigkeit und Fairness sind für mich zentrale Werte»

Christoph Pappa prägte 21 Jahre lang als Generalsekretär und Leiter des Rechtsdienstes die Universität Bern – als juristischer Rahmengeber, politischer Lotse und erster Ansprechpartner in Krisen. Nun tritt er kürzer – und bleibt der Uni dennoch verbunden.

Christoph Pappa prägte 21 Jahre lang als Generalsekretär und Leiter des Rechtsdienstes die Universität Bern. © Universität Bern, Bild: Dres Hubacher

Christoph Pappa, wenn Sie an Ihre ersten Monate an der Universität Bern denken: Welche Bilder, Menschen oder Sätze sind Ihnen bis heute präsent? Was waren damals Ihre Erwartungen – und was hat Sie in den ersten Monaten am meisten überrascht?

Christoph Pappa: Das Generalsekretariat war die erste Zeit im Hauptgebäude West untergebracht. Alles war wesentlich kleiner und fast schon gemütlich – beim Rektor wurde noch geraucht. Da die Funktion als Generalsekretär neu geschaffen worden war, musste ich mich zuerst zurechtfinden, zumal der Abgang des akademischen Direktors, meines nominellen Vorgängers, ziemlich abrupt war. Ich kam vom Bund und stellte fest, dass es an der Uni viel weniger eingeschliffene Prozesse und Vorgaben gab, an die man sich halten konnte oder sollte. Mir gefielen diese kreative Atmosphäre und die grosse Vielfalt in der Universität, aber es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich wirklich zurechtgefunden und eine Linie gefunden hatte.  

Die Rolle des Generalsekretärs und Leiters des Rechtsdienstes sind nicht für alle immer selbsterklärend. Wie würden Sie Ihre Aufgabe in wenigen Sätzen umschreiben?

Für die einen mehr General, für die anderen mehr Sekretär ... Es ist die zentrale Drehscheibenfunktion für die Universitätsleitung, welche deren Geschäfte bearbeitet und koordiniert. Sodann übernimmt die Funktion die Verantwortung für den gesamten rechtlichen Bereich der Universität, also die rechtliche Beurteilung und Prüfung der universitären Vorgänge sowie die Ausarbeitung ihrer rechtlichen Grundlagen. Dazu kommen weitere Aufgaben wie Archiv, Frankophoniedienst oder Lebenslanges Lernen, sodann Kommunikation oder Kontakte zur SUB oder zur Politik. Und wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, oder Probleme auftreten, ist der Generalsekretär oft die erste Anlaufstelle.

Christoph Pappa blieb bei offiziellen Anlässen oft im Hintergrund: Bundeskanzlerin Angela Merkel holt ihren Ehrendoktortitel an der Universität Bern ab. © Universität Bern

Gibt es eine Anekdote oder Begegnung aus Ihren 21 Jahren, die Sie nie vergessen werden – vielleicht eine scheinbar kleine Episode, die viel über die Universität erzählt?

Was mir einfällt, ist das Ehrendoktorat für Bundeskanzlerin Merkel: Die Unileitung entwickelte diese Idee, und ich rief den Schweizer Botschafter in Deutschland an, um zu sondieren, ob so etwas für Frau Merkel überhaupt in Frage kommen würde. Das war so; wir schrieben also eine Laudatio und brachten das Geschäft in den Senat. Die Studierenden waren nicht wirklich begeistert, und aus den Fakultäten kamen diverse Rückfragen. Als dann die nötige Mehrheit im Senat nach gewalteter Diskussion letztlich klar zustande kam, mussten wir für den Dies academicus teils kritische Fragen aus Öffentlichkeit und Medien beantworten. Frau Merkel hielt dann Wort und beehrte die Uni mit einem denkwürdigen Besuch.

In 21 Jahren verändert sich eine Institution stark. Welche drei Entwicklungen der Universität Bern liegen Ihnen persönlich besonders am Herzen – und warum?

Da gibt es einige Entwicklungen; wenn ich drei herausgreifen müsste: die gute Lehre – dass junge Menschen eine solide Ausbildung für ihr Leben bekommen und die Institution ein Angebot hat, das dies ermöglicht. Zweitens die Rahmenbedingungen für die Forschung, um die Uni an der Spitze zu halten und innovative Forschung zu ermöglichen, was unter den gegenwärtigen Umständen keine Selbstverständlichkeit ist. Dies gilt für Fakultäten und strategische Zentren. Und dann die Verankerung der Universität in «ihrem» Kanton, wo sie nicht ein Kostenfaktor im Budget darstellen darf, sondern ein volkswirtschaftlicher Player sein soll, der dem Kanton kluge Köpfe, Innovation und Einnahmen bringt.

Christoph Pappa war oft ein gefragter Interviewpartner, auch oder gerade in Krisensituationen. © zvg

Hochschulen stehen immer stärker im Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Vor welchen rechtlichen und politischen Weichenstellungen wird die Universität Bern stehen – und wo sehen Sie die grössten Risiken aber auch Chancen?

Na ja, zunächst und vor allem die Finanzen. Man wird sich vermutlich mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass die Mittel zumindest in naher Zukunft knapper werden und der Verteilkampf härter. Da wird Flexibilität gefragt sein, wie die Universität sich aufstellt, welche strategischen Entscheidungen sie trifft und wie die Politik hier mitmacht. Sodann erachte ich die Entwicklungen durch KI als grosse Herausforderung – sowohl für die Lehre (in etwa: was können unsere Leute, was KI nicht kann? Was brauchen sie, um für den Arbeitsmarkt von morgen attraktiv zu sein?) als auch für die Forschung, weil KI zwar Chancen bietet (etwa Prozesse vereinfachen), aber auch Forschungsbereiche «umpflügen» kann.

Wie hat sich die politische und rechtliche Umgebung für Hochschulen in Ihrer Amtszeit grundsätzlich verändert?

Die rechtliche Umgebung ist meiner Wahrnehmung nach recht stabil geblieben – Jurist:innen sind ihrem Naturell nach ja eher konservativ (im Sinne von bewahrend), was auch Sicherheit vermittelt. Politisch haben die Hochschulen längere Zeit viel Rückenwind in der Politik gehabt, was sich auch in grösseren finanziellen Ressourcen ausgedrückt hat. Das ist nun kein Selbstläufer mehr, da einerseits weniger Geld zur Verfügung steht und andererseits auch andere Anspruchsgruppen Ansprüche am nicht mehr grösser werdenden Kuchen geltend machen.

Universitäten sind hochkomplexe Experten-Organisationen mit vielfältigen Interessen. Welche Situationen waren für Sie juristisch und politisch die grössten Herausforderungen?

Die Diversität der Universität ist in der Tat eine Herausforderung: Man kann einfach nicht alles über den gleichen Leist schlagen, weil beispielsweise die Kulturen der Fakultäten unterschiedlich sind. Dann kommen noch die Zentren hinzu oder die Politik. Hier eine für die Gesamtinstitution stimmige Linie zu finden, ist schon anspruchsvoll. Dann ist auch das Verhältnis zwischen Universitätsleitung und Fakultäten ein besonderes: Fakultäten haben ihre eigene Logik und vertreten ihre Interessen. Aber es braucht zentrale Vorgaben und Steuerung, um die Uni als Ganzes voranzubringen und nicht in Partikularinteressen stecken zu bleiben. Das ist ein Balanceakt, der ein gutes Verständnis, klare Kommunikation und eine adäquate politische Einschätzung erfordert. Und wenn Einzelgeschäfte gefragt sind, dann wohl die Entlassung von Professorinnen oder Professoren, die zwar nicht oft vorkommt; wenn der Fall aber eintritt, dann sind sie sehr aufwändig und juristisch anspruchsvoll.

«Für die Einen mehr General, für die Anderen mehr Sekretär.»

Christoph Pappa

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz – und gibt es auch etwas, was Sie heute anders machen würden?

Ich denke, die Universität hat einen guten rechtlichen Rahmen – man weiss, was gilt und was nicht –, darauf bin ich schon etwas stolz. Und auch auf die Anerkennung, die der Rechtsdienst immer wieder erfährt, weil man sich auf seine Arbeit verlassen kann und den dienstleistungsorientierten Ansatz schätzt. Und ich glaube, dass die Angehörigen der Uni Vertrauen haben in das, was ich tue und sich ernst genommen fühlen – auch wenn eine Antwort möglicherweise nicht immer in ihrem Sinn ist. Was ich anders machen würde: das Ganze etwas gelassener angehen.

Die Rolle des Generalsekretärs verlangt Loyalität zur Institution, aber auch die Fähigkeit, intern zu widersprechen. Wo haben Sie diese Spannung am stärksten erlebt – und wie haben Sie Ihre eigene Grenze gezogen?

Ich habe nicht das Gefühl, dass dies ein Gegensatz ist: Die interne Auseinandersetzung um Positionen kann tatsächlich kontrovers und gelegentlich emotional sein. Wenn aber ein Entscheid getroffen und eine Position gefunden ist, dann ist die Erwartung, dass sich alle loyal verhalten. Ich hätte gewisse Entscheide nicht in der Art gefällt, wie es geschah, aber ich hatte auch nie das Gefühl, ich könnte eine Entscheidung überhaupt nicht mittragen.

Die Funktion, die Sie innehatten, bringt auch grosse Belastungen mit sich. Wie haben Sie für Ausgleich gesorgt?

Der Aufwand ist in der Tat oft hoch gewesen, besonders in Krisensituationen, von denen wir ja diverse gehabt haben. Ich kann unter Druck speditiv arbeiten, priorisieren und delegieren (auch wenn das nicht immer so den Anschein machte). Für mich war es wichtig, mich abzugrenzen und für die Familie da zu sein oder soziale Kontakte zu pflegen. Den Kopf «verlüften» und abschalten kann ich auch gut in den Bergen, beim Sport oder in der Meditation.

Welche persönlichen Werte haben Ihr Handeln an der Universität am stärksten geprägt – und woher stammen diese Werte?

Gerechtigkeit und Fairness sind für mich zentrale Werte: Für alle gelten die gleichen Bedingungen und alle werden nach gleichen Massstäben behandelt; sodann gilt es, faire Lösungen suchen und Interessen ausgleichen. Zudem ist es mir ein Anliegen, Menschen ernst zu nehmen und gradlinig und verlässlich zu sein. Denn auch ich möchte so behandelt werden.

Wenn ehemalige Mitarbeitende oder Kolleginnen und Kollegen beschreiben würden, was Sie als Chef und Kollege ausgezeichnet hat: Was hoffen Sie, würden sie sagen?

Ich kann einige Echos wiedergeben, die ich im Hinblick auf den Abschied hören beziehungsweise lesen durfte: Ein ehemaliger Dekan schrieb, dass ich es immer irgendwie geschafft hätte, eine Lösung zu finden. Mitarbeitende meinten, dass ich immer ein offenes Ohr gehabt, ihnen Vertrauen geschenkt und mich für ihre Anliegen eingesetzt hätte. Und dann wurden meine Qualitäten als «Troubleshooter» und meine Fairness anerkennend erwähnt.

Hoher Besuch des Dalai Lama an der Universität Bern im Jahr 2013. © Universität Bern

Ganz loslassen können Sie ja trotzdem nicht, Sie bleiben der UniBE als Präsident der Rekurskommission ab Sommer 2026 erhalten. Haben Sie sonst noch andere berufliche Pläne?

Ein «Vollstopp» wäre für mich tatsächlich schwierig. Ich werde aber zuerst eine Pause machen, wirklich loslassen (versuchen), mehr Zeit mit meiner Frau verbringen, beim Reisen Abstand gewinnen und innerlich und äusserlich aufräumen. Ab August werde ich mich dann als Berater bei Res Publica Consulting engagieren. Und sonst werde ich versuchen, das Leben auf mich zukommen zu lassen.

«Ich verhehle nicht, dass mir der Abschied nicht ganz leichtfällt.»

Christoph Pappa

Trotz der beruflichen Aussichten ist es ja ein Abschied von einem lange ausgeübten Arbeitsalltag. Wie blicken Sie nun auf diesen Übergang in eine neue Zeit, eher mit Wehmut, mit Vorfreude oder mit Neugier – und welche Pläne möchten Sie sich jetzt erfüllen?

Ich verhehle nicht, dass mir der Abschied nicht ganz leichtfällt. Ich habe sehr gern in diesem universitären Umfeld und mit all den engagierten und klugen Menschen zusammengearbeitet. Dann freue ich mich aber auch auf Neues: weniger getaktet zu sein und mehr Zeit für die (scheinbar) kleinen Dinge im Leben zu haben, meine Fähigkeiten da einsetzen, wo sie gebraucht werden, Sport und Reisen mit meiner Frau, vielleicht nochmals eine Sprache lernen oder ein Buch schreiben.

Unter anhaltendem Applaus verlieh Rektorin Virginia Richter am Dies academicus im Dezember 2025 Christoph Pappa eine Ehrenurkunde für seine jahrzehntelange Arbeit und sein unermüdliches Engagement für die Universität Bern. © Universität Bern, Bild: Manu Friederich
Ansprache von Dr. Christoph Pappa am Abschiedsanlass vom 26.3.2026 (PDF, 207KB)

Zur Person

Dr. Christoph Pappa war seit 1. Dezember 2004 als Leiter Rechtsdienst und seit 1. April 2005 auch als Generalsekretär an der Universität Bern tätig.