Hohe Ehre für Pioniere der Klimaforschung

Die Berner Klimaforscher Thomas Stocker und Jakob Schwander werden mit einem der wichtigsten und höchstdotierten Wissenschaftspreise Europas ausgezeichnet, dem BBVA Foundation Frontiers of Knowledge Award. Geehrt werden sie insbesondere für ihre Arbeit mit Eisbohrkernen aus der Antarktis.

Text: Kaspar Meuli 10. Januar 2024

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Die fünf Ausgezeichneten im Videoporträt (Englisch): Dorthe Dahl-Jensen (Universität Kopenhagen), Jean Jouzel und Valérie Masson-Delmotte (Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement, Université Paris Saclay), Jakob Schwander und Thomas Stocker (Universität Bern).

Die wissenschaftliche Laufbahn von Thomas Stocker neigt sich ihrem Ende zu, im Sommer dieses Jahres wird der Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern und Präsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung emeritiert. Doch gerade erlebt die Karriere des prominenten Klimaforschers noch einmal einen Höhepunkt, er erhält – zusammen mit einer internationalen Gruppe von Forschenden – eine prestigeträchtige Auszeichnung aus Spanien, den BBVA Foundation Frontiers of Knowledge Award. Hinter dem Kürzel BBVA versteckt sich die zweitgrösste spanische Bank, die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria, ein global tätiges Unternehmen mit 115'000 Mitarbeitenden.

Thomas Stocker und Jakob Schwander 2019 am Little Dome C in der Antarktis. Bild: zvg
Thomas Stocker und Jakob Schwander 2019 am Little Dome C in der Antarktis. Bild: zvg

Die BBVA Stiftung engagiert sich unter anderem mit diversen Preisen und Unterstützungsprogrammen in der Wissenschaftsförderung. Mit dem Frontiers of Knowledge (Grenzen des Wissens) Preis werden nach Angaben der Stiftung «Forschungsarbeiten von Weltrang» gewürdigt, die sich durch «grosse Tragweite, Originalität und theoretische Bedeutung» auszeichnen. Der Name des seit 2008 jährlich verliehenen Preises stehe für Arbeiten, die den Umfang unseres derzeitigen Wissens erweiterten. Mit 400'000 Euro zählt der Frontiers of Knowledge zu den am höchsten dotierten Wissenschaftspreisen Europas. Entsprechend gross ist sein Renommee, das zusätzlich dadurch gestützt wird, dass aus den ehemaligen Preistragenden mehrere Nobelpreisträgerinnen und -träger hervorgegangen sind.

Eingeschworene Gruppe von Eiskernforschenden

Den Preis für das Jahr 2023 in der Kategorie Klimawandel teilen sich fünf Ausgezeichnete: Neben Thomas Stocker sind dies Jakob Schwander ebenfalls von der Universität Bern, sowie Valérie Masson-Delmotte und Jean Jouzel vom Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement in Frankreich und Dorthe Dahl-Jensen von der Universität Kopenhagen. Diese Gruppe Forschender kennt sich bestens von gemeinsamen Projekten in der Antarktis. «Mich macht es besonders glücklich, dass ich zusammen mit diesen Kolleginnen und Kollegen ausgezeichnet werde, mit denen mich Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit verbindet», sagt Thomas Stocker.

Das Grossprojekt, in dem die Gruppe eng zusammengearbeitet hat, nannte sich EPICA (European Project for Ice Coring in Antarctica) und verfolgte das Ziel, aus Eisbohrkernen in der Antarktis das Klima der Vergangenheit zu rekonstruieren. Zu diesem Zweck wurden Anfang der 2000er Jahre zwei Bohrungen an unterschiedlichen Standorten durchgeführt. Auf der Station Dome Concordia wurde 2004 eine Tiefe von 3270 m erreicht. Dieser Eisbohrkern enthielt das älteste je geförderte Eis und einen nie dagewesener Datenschatz zur Klimageschichte.

Der Bohrstandort Little Dome C in der Antarktis. © EPICA
Der Bohrstandort Little Dome C in der Antarktis. © EPICA

Berner Weltrekord der Klimarekonstruktion

Aus der in den Eisproben eingeschlossenen Luft wurden an der Universität Bern die ältesten Konzentrationen von Kohlendioxid gemessen und eine Zeitreihe der vergangenen 800’000 Jahre rekonstruiert – ein Weltrekord. Die entsprechende Studie wurde im Fachmagazin «Nature» als Titelgeschichte publiziert. Sie zeigte, dass die heutigen CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre über 28 Prozent höher sind als je zuvor in den letzten 800'000 Jahren (Stand 2008)

Mit Hilfe von Eisbohrkernen rekonstruierte die Abteilung für Klima- und Umweltphysik am Oeschger Centre for Climate Change Research (OCCR) das Klima der letzten 800'000 Jahre, insbesondere die Konzentrationen der Treibhausgase Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas. Bild: Universität Bern
Mit Hilfe von Eisbohrkernen rekonstruierte die Abteilung für Klima- und Umweltphysik am Oeschger Centre for Climate Change Research (OCCR) das Klima der letzten 800'000 Jahre, insbesondere die Konzentrationen der Treibhausgase Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas. Bild: Universität Bern

Inzwischen läuft das Nachfolgeprojekt dieser gemeinsamen Anstrengung der europäischen Forschungsgemeinschaft, an der zehn Länder beteiligt waren. Es nennt sich Beyond EPICA, und wieder ist die Universität Bern mit Hubertus Fischer, Professor für Experimentelle Klimaphysik, und Thomas Stocker eine Schlüssel-Partnerin dieses Forschungskonsortiums. Ziel des Vorhabens ist es, 1,5 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückzublicken und Daten über die Entwicklung der Temperatur, die Zusammensetzung der Atmosphäre und den Kohlenstoffkreislauf zu gewinnen. Vor etwa 1 Million Jahre haben sich die Eiszeitzyklen von 40'000 Jahre Dauer auf rund 100’00 Jahre verlangsamt und sind wesentlich stärker geworden. Das ist eines der grossen Rätsel der Klimaforschung, das dieses Projekt lösen will. Dazu muss im antarktischen Eisschild eine Tiefe von rund 2700 Metern erreicht und ein Eiskern geborgen werden. Läuft alles wie geplant, sollte dies 2025 der Fall sein.

Aktuelles Projekt Beyond EPICA: Die in Stücke geschnittenen Eiskerne sind bereit zum Transport nach Europa. © PNRA/IPEV
Aktuelles Projekt Beyond EPICA: Die in Stücke geschnittenen Eiskerne sind bereit zum Transport nach Europa. © PNRA/IPEV

Gegenwärtig ist die dritte Bohrsaison im Gang, und die Bohrung ist mittlerweile auf einer Tiefe von rund 1605 m angelangt. Die Abteilung für Klima- und Umweltphysik der Universität Bern spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der neuen Analysetechnologien, die es braucht, um dem ältesten Eis der Erde möglichst viele Informationen zur Klimageschichte zu entlocken. 

Terminkollision mit Abschiedsvorlesung

Thomas Stocker ist an diesem neuen Grossprojekt noch bis zu seiner Emeritierung beteiligt; Jakob Schwander, sein ebenfalls ausgezeichneter Mitstreiter, der EPICA mit seiner technischen Expertise zum Erfolg verhalf, ist bereits seit einigen Jahren in Pension, war jedoch noch an den Feldexpeditionen 2019/2020 und 2021/2022 beteiligt.

Apropos Pensionierung: Bei aller Freude über den Frontiers of Knowledge Award bereitet Thomas Stocker die Ehrung auch etwas Kopfzerbrechen – die Preisübergabe mit Galakonzert findet Mitte Juni in Bilbao statt, ausgerechnet auf diese Zeit hat der Professor für Klima- und Umweltphysik seine Abschiedsvorlesung angesetzt. Mit anderen Worten: Es drohen Terminkollision und Feierstress.

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