Schweizer Energiezukunft gemeinsam gestalten

Über 600 Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich am 7. Mai am Spirit of Bern im Berner Kursaal ausgetauscht. Thema war die Energiezukunft der Schweiz.

Die Moderatorinnen Sonja Hasler und Andrea Vetsch im Gespräch mit Daniel Buser (Initiator und Stiftungsratspräsident des Spirit of Bern), Sebastian Wörwag (Rektor der Berner Fachhochschule) und Christian Leumann (Rektor der Universität Bern) über das Engagement der beiden Hochschulen als wissenschaftliche Partner beim Spirit of Bern.

Man sieht Daniel Buser den Stolz an, als er kurz nach 13 Uhr auf die Bühne des Berner Kursaals tritt und die über 600 Gäste begrüsst. Seit nunmehr neun Jahren setzt er sich unermüdlich für diesen Anlass ein und hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist: Einer gut besuchten Plattform, bei der sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu aktuellen Themen auf Augenhöhe austauschen. Buser ist emeritierter Professor für Zahnmedizin an der Universität Bern sowie Initiator und Stiftungsratspräsident des Spirit of Bern.

Interdisziplinäre Dialoge als Schlüssel für Lösungen

«Wir wollen eine Plattform schaffen, bei dem der Dialog zwischen Wirtschaft und Wissenschaft unter Einbezug der Politik, die die Dinge dann umsetzen muss, stattfindet», hatte Buser in einem vorgängigen Interview auf der «Plattform J» erklärt: «Denn es geht nur im Dialog. Wir müssen das Silodenken aufbrechen.» Wie wichtig dies gerade beim Thema der diesjährigen Ausgabe ist, wird sich im weiteren Verlauf immer wieder zeigen. Denn alle Referenten und Podiumsteilnehmerinnen sind sich einig: Erfolgreich können wir die Energiezukunft der Schweiz nur gemeinsam gestalten.

Bevölkerung ist ambivalent

Den Vortragsreigen eröffnet Michael Hermann, Politologe und Geschäftsführer des Forschungsinstituts «Sotomo». Umfragen zeigten klar, dass zwar gut zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung die Energiewende befürworteten, verschiedene Hürden – etwa die Bodenknappheit, unsere basisdemokratischen Instrumente und die Landschaftsliebe – diese aber verzögern könnten. «Gemäss Umfragen sorgt sich die Bevölkerung mehr um die Ästhetik der Landschaft als um den Erhalt der Biodiversität», führt Michael Hermann aus. Zugleich sind 76 Prozent der Bevölkerung gegen Stromimporte aus dem Ausland: Michael Hermann zeichnet ein ambivalentes Bild von einem Land zwischen «Autarkie-Ideal und Autarkie-Illusion».

Wissenschaft soll informieren

Was ist in dieser Debatte die Rolle der Wissenschaft? Christian Rüegg, Direktor des Paul Scherrer Instituts (PSI) vom ETH-Bereich, hat dazu eine klare Haltung: «In einer so komplexen Fragestellung wie die der Energiewende, die sehr politisch und wirtschaftlich getrieben ist, ist die Rolle der Wissenschaft zuallererst, neutral zu informieren.»

Mehr als 600 Besucherinnen und Besucher nahmen am diesjährigen Spirit of Bern im Kursaal Bern teil.

Sein Vortrag und die zwei folgenden Vorträge zeigen sehr eindrücklich auf, woran heute an den Schweizer Hochschulen und Forschungsanstalten geforscht wird. Setzt Rüegg seinen Fokus vor allem darauf, was der Umbau des Energiesystems kosten wird und welche Faktoren diese Kosten beeinflussen können – er konstatiert hierbei ganz klar, dass die in der Schweiz in weiten Kreisen vorherrschende Technologiefeindlichkeit die Kosten um den Faktor zwei erhöhen – stellt Andrea Vezzini von der Berner Fachhochschule die Speicherung von Energie ins Zentrum. Er präsentiert das Projekt CircuBAT, das sich zum Ziel gesetzt hat, ein Kreislaufwirtschaftsmodell für Lithium-Ionen-Autobatterien über ihre gesamte Lebensdauer hinweg zu etablieren, und bricht eine Lanze für die interdisziplinäre Forschung: «Wir müssen diese systemisch betreiben, über verschiedenste Kompetenzen und Disziplinen hinweg – auch zusammen mit den Sozialwissenschaften, damit wir die Akzeptanz für diese Lösungen erzielen können.»

Mensch geht vergessen in der Debatte

Genau hier setzt die Forschung von Doina Radulescu an. Sie ist Professorin für Staat und Markt am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern. Sie setzt den Begriff des Energietrilemmas in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Im Dreieck von Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und sozialer Gerechtigkeit komme es immer wieder zu Zielkonflikten – und es sei schwierig, mit einem Instrument mehrere Ziele gemeinsam zu erreichen. Aber in der technologielastigen Energiediskussion gehe der Mensch tendenziell vergessen.

Doina Radulescu, Professorin für Staat und Markt am Kompetenzzentrum für Public Management an der Universität Bern, spricht über ökonomische Fragestellungen rund um die Energiestrategie 2050, die sie mit ihrem Team erforscht.

«Wir sind es, die wir die Entscheidungen fällen und die dann von deren Auswirkungen betroffen sind – als Individuen und als Mitglieder der Gemeinschaft», so Radulescu. Hier stellen sich viele Fragen: «Was ist die Rolle des Staates? Wie viel Staat, wie viel Markt wollen wir? Mit welchen Instrumenten – mit Steuern, Subventionen oder dem Durchsetzen von Verboten – nehmen wir Einfluss auf das System? Wie sieht es mit der Verbreitung und Akzeptanz von neuen Technologien aus?»

Das Publikum konnte über Slido – einer digitalen Plattform für die Interaktion in Echtzeit – direkt Fragen an die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer stellen.

Sie veranschaulicht diese Fragen und den Umgang mit Zielkonflikten an einem konkreten Forschungsprojekt im Zusammenhang mit der Elektromobilität: Wie kann der Mix an Instrumenten aussehen, damit wir gleichzeitig die Elektromobilität fördern und die Strasseninfrastruktur, die vor allem durch Abgaben auf Treibstoffe finanziert wird, auch weiterhin sichern können?

«Politik und Wissenschaft haben viel gemeinsam»

Zwischen den Vorträgen und Präsentationen von konkreten Projekten finden spannende und durchaus auch kontrovers geführte Paneldiskussionen mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Interessensgruppen, Parteien und Organisationen statt, und es werden  Parallelen zwischen den einzelnen Disziplinen festgestellt: «Politik und Wissenschaft haben viel gemeinsam: Gewisse Dinge brauchen lange, bis sie sich durchsetzen», sagt etwa Jürg Grossen, Nationalrat und Präsident der Grünliberalen Partei Schweiz.

Zum Abschluss des Spirit of Bern trat Bundesrat Albert Rösti auf. Er ist bereits der dritte Bundesrat, der an der Veranstaltung teilnahm.

Bundesrat Rösti wirbt für Energiegesetz

Zum Abschluss wird ein Bundesrat auf der Bühne des Spirit of Bern begrüsst: Energieminister Albert Rösti engagiert sich – wie andere Politikerinnen und Politiker auf den verschiedenen Podien auch – für ein Ja zum Strommarktgesetz, über das die Stimmbevölkerung Anfang Juni abstimmen wird. Er hebt aber auch den Aspekt der Sicherheit und Unabhängigkeit hervor: «Der Gesamtbundesrat beurteilt eine Strommangellage als höchstes Risiko. Sie hätte für unser Land verheerende Konsequenzen.»

Zum Spirit of Bern

The Spirit of Bern ist als breit abgestützte Stiftung organisiert. An der einmal jährlich stattfindenden Veranstaltung versammeln sich Vertreterinnen und Vertreter, Führungspersonen sowie Meinungsmacherinnen und Meinungsmacher aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Die eintägige Veranstaltung fördert den Dialog zwischen den drei Bereichen und ergründet, wie unsere Gesellschaft mit grossen Fragestellungen umgeht – heute und in Zukunft. Die Universität Bern und die Berner Fachhochschule sind wissenschaftliche Partner des Spirit of Bern.

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