11.01.2023 | Studium | Geist & Gesellschaft

Studierende schreiben männerlastige Wikipedia um

Frauen sind auf Wikipedia stark untervertreten. Ein Seminar der Germanistik geht dagegen an: Die Studierenden erstellten und bearbeiteten 60 Artikel zu schreibenden Frauen im 17. und 18. Jahrhundert. Nun sieht die Geschichte der deutschen Literatur bei Wikipedia deutlich anders aus als zuvor.

Von Nicolas Detering und Nathalie Emmenegger

 

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist als Informationsquelle weitgehend etabliert und wird von einem Grossteil der Öffentlichkeit sowie von Studierenden öfter konsultiert als ältere Standardwerke. Obwohl diverse Studien zeigen, dass Wikipedia als freie Enzyklopädie hinsichtlich der Zuverlässigkeit und der fachlichen Korrektheit der Artikel vergleichsweise gut abschneidet, hat dieser Trend auch Nachteile. Einerseits werden ältere gedruckte Fachlexika von Studierenden immer seltener genutzt, wodurch wertvolles Wissen verloren geht. Andererseits hängt die Qualität von Wikipedia wesentlich von der Mitarbeit durch Expertinnen und Experten ab, die Spezialwissen gezielt einspeisen und aktualisieren.

Frauen sind sowohl inhaltlich auf der Ebene der Artikel als auch auf der Ebene der Mitwirkenden massiv unterrepräsentiert – rund 90 Prozent der Wikipedia-Artikel weltweit stammen von Männern; fast ebenso hoch ist der Anteil der biographischen Artikel über Männer in der deutschsprachigen Wikipedia.

Wikipedia, Frauen und Kanon

Ein literaturwissenschaftliches Seminar am Institut für Germanistik setzte im vergangenen Herbstsemester bei diesem Problem an. Unter fachlicher Betreuung und in Zusammenarbeit mit Wikimedia CH verfassten und bearbeiteten die Kursteilnehmenden insgesamt 60 Wikipedia-Artikel über deutschsprachige Autorinnen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts.

 

Obwohl schreibende Frauen aus diesem Zeitraum gerade in den letzten Jahren vermehrt in den Blick der literaturwissenschaftlichen Forschung gerückt sind, erscheinen sie bei Wikipedia selten: Für die meisten Autorinnen bestanden vor Kursbeginn gar keine Einträge, bei anderen waren die Einträge veraltet, zu knapp oder fehlerhaft. Auf der Wikipedia-Seite «Liste deutschsprachiger Autorinnen» waren für das 17. Jahrhundert gerade einmal sechs Namen aufgeführt; der Artikel «Barockliteratur» nannte unter der Rubrik «Bedeutende Vertreter» zwei Frauen neben 23 Männern.

Das Seminar setzte es sich zum Ziel, die deutschsprachige Literatur zu rekanonisieren. Barock und Aufklärung zählen zu den zentralen Epochen der deutschsprachigen Literatur. Die Studierenden wollten schreibende Frauen aus diesem Zeitraum in der öffentlichen Wahrnehmung sichtbarer machen und zuverlässige Informationen über ihr Leben, ihre Vernetzung und ihre Werke bereitstellen.

Ein innovatives Kursformat

In anfänglichen Plenumssitzungen wurden die Studierenden in das Thema weiblicher Autorschaft im 17. und 18. Jahrhundert eingeführt und machten sich mit verschiedenen bibliographischen Hilfsmitteln vertraut. Die Arbeit an den Artikeln erfolgte individuell, wobei wöchentliche Sprechstunden in Kleingruppen dazu dienten, mit der Kursleitung den jeweiligen Arbeitsstand zu besprechen und Schwierigkeiten zu diskutieren. Gerahmt wurde das Seminar von zwei halbtägigen Workshops mit einem Vertreter der Wikimedia CH. Dafür wurde der Kurs vom Vizerektorat Lehre mit der Massnahme «Förderung Innovative Lehre» (FIL) finanziell unterstützt.

Die Erarbeitung der Artikel erfolgte in vier Phasen. Auf Basis eines 1984 publizierten Katalogs gelehrter Frauen der Barockzeit erstellten die Studierenden zunächst eine Liste von über 200 Schriftstellerinnen, die auf ihre Wikipedia-Präsenz überprüft und gruppiert wurden: Zu welchen Autorinnen gab es bereits einen Artikel, welche davon waren qualitativ hinreichend, welche mussten überarbeitet werden? Und welche Schriftstellerinnen waren noch gar nicht bei Wikipedia vertreten? Die Studierenden übernahmen dann jeweils mehrere Autorinnen, zu denen sie Wikipedia-Artikel neu zu verfassen oder zu bearbeiten hatten.

Eine zweite, mehrwöchige Arbeitsphase galt der Recherche und Redaktion. Im Workshop lernten die Kursmitglieder die Funktionsweise von Wikipedia kennen und eigneten sich die praktischen Grundlagen zur Erstellung eines Artikels an. Mithilfe verschiedener bibliographischer Hilfsmittel suchten sie sodann Informationen zum Leben und Werk der Autorinnen. Dafür konsultieren sie ältere Bibliographien und biographische Nachschlagewerke, Fachjournale und Standardmonographien, aber auch Online-Kataloge und Datenbanken.

In einer dritten Phase lasen und korrigierten die Studierenden ihre Texte gegenseitig und überarbeiteten sie nach dem Feedback ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen. Abschluss und Höhepunkt des Seminars war ein Launch-Workshop, bei dem sie ihre Funde präsentieren, Erfahrungen austauschen und die Artikel gemeinsam veröffentlichen konnten.

 

Vergessenes wieder sichtbar machen

Das Ergebnis lässt sich sehen: 42 neue und 18 ergänzte Wikipedia-Artikel bieten Informationen zum Leben und Schaffen schreibender Frauen des Barock und der Aufklärung – darunter einige Verfasserinnen von nur einzelnen Gelegenheitsschriften oder geistlichen Liedern, aber auch mehrere Schriftstellerinnen mit einem beeindruckenden Oeuvre.

Auch kuriose Lebensgeschichten und überraschende Werke gab es zu entdecken: zum Beispiel den Fall der Eleonore von dem Knesebeck, die als Kammerjungfrau die Stelldicheins ihrer Kurprinzessin arrangierte, für den Ehebruch ihrer Herrin mitverantwortlich gemacht und inhaftiert wurde und ihre Gedichte während der Haft mit Kohle an die Wände ihrer Zelle schrieb. Oder die bislang ganz unbekannte Autorin Rosina Schilling-Ruckteschel, die 1697 mit ihrer Streitschrift Das Weib auch ein wahrer Mensch «gegen die unmenschlichen Lästerer weiblichen Geschlechts» wetterte und argumentierte, Frauen sollten in der Öffentlichkeit auftreten dürfen, da sie nicht weniger wert seien als Männer.

Andere Frauen schrieben Satiren, in denen sie ihre Freiheit verteidigten oder ihre Rolle als Autorinnen reflektierten. Und wieder andere erfanden gleich eine ganz neue Gattung, wie die bislang ebenfalls unbekannte Schriftstellerin Marie Sophie von Hopffgarten, die sich rühmte, das Genre des gedruckten Tableau vivant entwickelt zu haben.

 

Im Seminar erarbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur gemeinsam einen Forschungsstand zu ihren Autorinnen – soweit es ihn gab –, sondern lernten auch einen kritischen, aber konstruktiven Umgang mit Wikipedia. Sie setzten sich aktiv mit Fragen der Kanon- und Machttheorie auseinander. Mit der Publikation ihrer Forschungsarbeiten als Wikipedia-Artikel tragen die Studierenden der Universität Bern wesentlich dazu bei, vergessene Dichterinnen vergangener Jahrhunderte wieder sichtbar zu machen.

Eine Übersicht über die im Seminar bearbeiteten Artikel findet sich auf der Projektseite.

Über das Institut für Germanistik

Die Germanistik ist das Studium der deutschen Sprache und Literatur. Sie erforscht, dokumentiert und vermittelt deren historische und gegenwärtige Formen. An der Universität Bern gliedert sich die Germanistik in die beiden Teilfächer Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft (mit den Abteilungen der Älteren deutschen Literatur und der Neueren deutschen Literatur). Darüber hinaus setzt das Institut für Germanistik an der Universität Bern einen Schwerpunkt im Bereich der Komparatistik und ist – in Kooperation mit dem Walter Benjamin Kolleg – an den Studienprogrammen Soziolinguistik, World Literature und Editionsphilologie beteiligt.

Über den Autor und die Autorin

Nicolas Detering ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik sowie geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik an der Universität Bern. Nathalie Emmenegger promoviert am Institut für Germanistik zur Schweizer Literatur des 17. Jahrhunderts.