28.09.2022 | Forschung | Geist & Gesellschaft

«Wie es im Iran weitergeht, ist ungewiss»

Im Iran breiten sich die Proteste nach dem Tod der jungen Mahsa Amini weiter aus. Ob diese eine nachhaltige Wirkung erzielen könnten, hänge von verschiedenen Faktoren ab, sagt Elika Palenzona-Djalili, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Studien zum Nahen Osten der Universität Bern.

Interview: Janna Nussbaumer und Sylvia Löwe

Gemäss Medienberichten finden im Iran derzeit grossflächige Proteste gegen die iranische Regierung statt. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Es ist nicht das erste Mal, dass es im über 40-jährigen Bestehen der Islamischen Republik Iran zu Protesten kommt. 2019 war es die Benzinpreiserhöhung. Entscheidend für die jetzigen Proteste ist, dass der Auslöser der Tod von Mahsa Amini ist, welche sich angeblich nicht an die geltenden Kleidervorschriften gehalten hat. Im Zusammenhang mit diesem Todesfall haben die Behörden viele widersprüchliche Angaben gemacht. Mittlerweile gehen Menschen in 80 Städten auf die Strassen, Tendenz steigend.

Welche Kleidervorschriften gelten im Iran?

Vor 80 Jahren war es üblich, dass Frauen in den Städten eine andere Kleidung trugen. Die Kleidung, die den ganzen Körper und sogar das Gesicht bedeckte, hiess Tschador. Diese wurde dann in Folge der Reformen von Reza Shah, dem Gründer der Pahlavi Dynastie, 1936 radikal verboten. Von da an mussten die Frauen von einem Tag auf den anderen unverschleiert in die Öffentlichkeit treten. Nach der Revolution 1979, als vieles im Land «islamisch» wurde, wurde den Frauen wieder eine neue Kleidervorschrift auferlegt. Dies war aber nicht der Tschador, sondern ein Kopftuch, das die Haare bedeckt, und ein Umhang oder Mantel, der Körper, Arme und Beine bedeckt.

Was passiert, wenn man diese Kleidervorschrift nicht einhält?

Innerhalb der iranischen Polizei gibt es die Sittenpolizei. Diese hält Personen auf den Strassen an und büsst sie, wenn sie sich nicht an die geltenden Sitten oder Vorschriften halten. Im Fall von Mahsa Amini griff die Polizei wohl übermässig hart durch: Auf Videoaufnahmen im Internet ist zu sehen, wie die junge Frau Widerstand leistete, die Polizei sie schlug und in einem Auto abtransportierte. Es ist anzunehmen, dass sie im Auto weiter geschlagen wurde – und zwar so stark, dass sie schliesslich an den daraus resultierenden Hirnblutungen starb.

In den sozialen Medien avanciert Mahsa Amini zur Märtyrerin. Kann ihr Tod einen Umbruch ins Rollen bringen?

Hier kommt es sehr stark darauf an, wie die Behörden nun reagieren. Aber auch, wie mutig die Menschen im Iran sind, also wie weit sie zu gehen bereit sind. Mahsa Amini gilt ihnen als Märtyrerin, weil sie als junge Frau ihre Tochter, ihre Partnerin oder ihre Freundin hätte sein können. Die Regierung hat daher mit einer zu starken Reaktion im Falle von Mahsa Amini eine starke Reaktion der Bevölkerung hervorgerufen. Ob Ihr Tod einen Umbruch bringt, wird sich zeigen.

Wie wird sich die Lage Ihrer Einschätzung nach also weiterentwickeln?

Dies ist leider sehr schwierig zu sagen. Es gab und gibt im Iran immer wieder Proteste, welche aufgetaucht und wieder abgeflacht sind. Daher ist die Lage sehr ungewiss. Damit der Protest von Seiten der Bevölkerung weitergehen kann, muss eine Mobilisierung stattfinden. Ob diese gelingt, ist jedoch wiederum abhängig davon, wie stark die Regierung nun reagiert.

Was könnte bei diesen Protesten einen Unterschied ausmachen?

Was den Menschen im Iran Hoffnung gibt, ist die internationale Aufmerksamkeit, welche die Proteste in den vergangenen Tagen erhalten haben. Dies könnte mögliche internationale Sanktionen nach sich ziehen. Während der UNO-Vollversammlung in New York in der letzten Woche, bei der auch die iranische Regierung anwesend war, gingen tausende Exil-Iranerinnen und Exiliraner auf die Strasse und protestierten. In diversen Städten weltweit, auch in Bern, sind Proteste geplant oder haben bereits stattgefunden. Die Iranerinnen und Iraner wollen zeigen, dass sie nicht wehrlos sind und dass die Regierung unter Druck gesetzt werden muss.

Über Elika Palenzona-Djalili

Dr. Elika Palenzona-Djalili ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Persischunterrichts am Institut für Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften (ISNO).

Kontakt

E-Mail: elika.palenzona-djalili@islam.unibe.ch

Über das Institut für Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften (ISNO)

Das ISNO verbindet die fachliche Stringenz der textorientierten Islamwissenschaft mit der Expertise der Area Studies und postkolonialer Ansätze. Das Institut ist auf historische, sozial- und politikwissenschaftliche Methoden spezialisiert und befasst sich insbesondere mit Gender- und Sexualitätsforschung, Rechtsgeschichte, Arbeitsgeschichte, Forschung zu Medien und politischen Bewegungen, Transnationalismus und Migrationsstudien. Wir konzentrieren uns nicht nur auf die «normativen» Aspekte des Islams, sondern auch auf die Geschichte, die Kultur und das Alltagsleben in islamisch geprägten Gesellschaften. Geographisch liegt der Schwerpunkt auf dem Nahen Osten, chronologisch auf der Moderne und der Gegenwart.

Über die Autorinnen

Janna Nussbaumer ist Mitarbeiterin in der Abteilung für Kommunikation & Marketing.

Sylvia Löwe ist Social Media Managerin im Online Marketing der Abteilung Kommunikation & Marketing.