25.11.2022 | Universität | Geist & Gesellschaft

Wertvolle Impulse für die Chancengleichheit

Die Universität Bern vergab dieses Jahr den Chancengleichheitspreis «Prix Lux» an den Nationalen Forschungsschwerpunkt «RNA & Disease» – für neue Ansätze zur Unterstützung junger Mütter und Väter, die der Fortführung ihrer Karriere dienen.

Von Gaia Fortunato und Salomé Zimmermann

Der prämierte Nationale Forschungsschwerpunkt (NCCR) «RNA & Disease – Die Rolle von RNA in Krankheitsmechanismen» vereint mehr als 50 Schweizer Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der RNA Biologie befassen. Damit wurde zum ersten Mal seit der Einführung des Chancengleichheitspreises Prix Lux vor sechs Jahren ein Nationaler Forschungsschwerpunkt ausgezeichnet.

Für die Universität Bern und ihr Engagement für Chancengleichheit gebe der NCCR «RNA & Disease» wichtige Impulse, sagte Rektor Christian Leumann an der diesjährigen Preisverleihung. «Neue Ansätze werden ausprobiert, von denen die Universität als Ganzes profitieren kann», führte Leumann weiter aus. Er betonte, dass gerade in den Naturwissenschaften die «Leaky Pipeline» ein grosses Problem darstelle. Leaky Pipeline beschreibt das Phänomen, dass mit steigender akademischer Position der Anteil der Frauen sinkt – ein hoher Anteil von Frauen verlässt ab einer gewissen Karrierestufe die akademische Laufbahn. Christian Leumann betonte die Bedeutung eines ausgewogenen Geschlechterverhältnisses auf allen Qualifikationsstufen und deshalb die Wichtigkeit von Massnahmen, die es jungen Wissenschaftlerinnen, die Mütter werden, erlauben, ihre akademischen Karrieren weiterzuführen. Familiengründung und berufliches Vorwärtskommen sollten nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Wissenschaftliche Hilfskraft für junge Mütter

Um die Chancengleichheit im NCCR «RNA & Disease» aktiv zu fördern und die Leaky Pipeline zu schliessen, so dessen Co-Direktor Frédéric Allain, werde einerseits auf bewährte Massnahmen gesetzt: Dazu zählen Eins-zu-Eins-Mentoring, Peer Mentoring-Gruppen, Leadership-Kurse und Coachings für Wissenschaftlerinnen. Andererseits sind zwei gemäss Laudatio «innovative und einzigartige Massnahmen» entwickelt und umgesetzt worden. Frédéric Allain erläuterte, dass eine der Massnahmen darauf abzielt, die negativen Auswirkungen von Mutterschaftspausen auf die akademische Karriere abzufedern: «Die Schwangerschaft und Mutterschaft einer Wissenschaftlerin können ihre Forschungsarbeit um mehr als ein Jahr verzögern, während der männliche Kollege in der Zwischenzeit in der Karriere fortschreiten kann.» Um diesem Nachteil entgegenzuwirken, wurde am NCCR die «Pregnancy and Maternity Leave Compensation» eingeführt. Dies beinhaltet die Finanzierung einer wissenschaftlichen Hilfskraft während dem letztem Schwangerschaftsdrittel und dem Mutterschaftsurlaub. Die Hilfskraft führe die Projekte weitmöglichst fort und profitiere ihrerseits von diesen beruflichen Erfahrungen.

Auch nach dem Mutterschaftsurlaub sei es möglich, die Hilfskraft weiterhin anzustellen, und zwar mithilfe des «SNSF Flexibility Grant». Frédéric Allain: «So können junge Mütter in einer herausfordernden Phase unterstützt werden, damit sie in der Lage sind, ihre Forschungskarriere weiterzuverfolgen.» Seit der Einführung des Programms 2017 hätten bereits neun Wissenschaftlerinnen von diesem Programm profitiert. Zudem sei die Massname bereits vom Departement Biologie an der ETH Zürich mit acht Teilnehmerinnen im letzten Jahr übernommen worden. 

Erweiterter Elternurlaub für Väter

Die zweite Massnahme des NCCR «RNA & Disease» besteht aus einem erweiterten Elternurlaub für den anderen Elternteil (unabhängig davon, ob dieser gleich- oder gegengeschlechtlich ist). Zusätzlich zu den zwei Wochen dürfen weitere sechs Wochen bezogen werden. Das Gehalt wird dabei vollständig vom NCCR bezahlt. Es ist auch möglich, diesen zusätzlichen Elternurlaub in Teilzeit zu beziehen, also beispielsweise zu 50 Prozent während 12 Wochen. «So werden Mütter nach der Geburt entlastet und der Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtert», erklärte Frédéric Allain. Zudem solle die Massnahme dazu beitragen, dass der andere Elternteil auch langfristig eine aktivere Rolle in der Haus- und Betreuungsarbeit übernehme.

Der Erfolg dieser beiden Massnahmen zeigt sich vor allem darin, dass ein hoher Anteil der Mütter am NCCR «RNA & Disease» ihre akademische Karriere fortsetzen. «Beim Übergang zur unbefristeten Professur gibt es aber noch immer Handlungsbedarf», so Frédéric Allain. Mit konkreten Zielen wie einem obligatorischen Tenure-Track für Assistenzprofessorinnen und Jobsharing auf Stufe der ausserordentlichen und ordentlichen Professur (= Topsharing) werde sich der NCCR «RNA & Disease» künftig für noch mehr Chancengleichheit engagieren.  

Zuerst gehe es aber nun darum, die vorhandenen Chancengleichheits-Massnahmen über den eigenen NCCR hinaus bekannt zu machen: «Im Idealfall dienen unsere Massnahmen für andere als Vorbilder, innerhalb der Universität Bern und darüber hinaus», so Allain.

Der Prix Lux

Der «Prix Lux» der Universität Bern prämiert Engagement für die Chancengleichheit. Für den Preis nominiert werden können Gruppen, kleinere oder grössere Einheiten, die sich für die Gleichstellung im Bereich «Gender und Diversität» an der Universität Bern engagieren. Die dabei angewandten Massnahmen sollen eine Diskussion zu Gleichstellungs- und Chancengleichheitsthemen anregen, innovativ, originell und nachhaltig sein sowie Transferpotenzial aufweisen. Die nächste Ausschreibung für den Preis erfolgt im Frühjahrsemester 2023.

Der NCCR RNA & Disease

Der Nationale Forschungsschwerpunkt (NCCR) «RNA & Disease – Die Rolle von RNA in Krankheitsmechanismen» widmet sich der Untersuchung einer wichtigen Klasse von Molekülen. Die RNA (Ribonukleinsäure) definiert beispielsweise, wann und in welchen Zellen welche Gene aktiv oder inaktiv sind. Läuft bei dieser genetischen Regulation nicht alles rund, entstehen Krankheiten – etwa Herzerkrankungen, Krebs, Hirn- und Stoffwechselkrankheiten. Der NCCR vereint Schweizer Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der RNA-Biologie befassen. Indem der NCCR aufdeckt, welche regulatorischen Mechanismen während einer Erkrankung aus dem Ruder laufen, zeigt er auch neue therapeutische Angriffsziele auf. Die Universität Bern ist Leading house des NCCR, die ETH Zürich ist co-leading. Nationale Forschungsschwerpunkte sind ein Forschungsinstrument des Schweizerischen Nationalfonds SNF.

Zu den Autorinnen

Gaia Fortunato ist Mitarbeiterin bei der Abteilung für Chancengleichheit der Universität Bern und hat den Prix Lux 2022 mitorganisiert.

Salomé Zimmermann ist Redaktorin an der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern und vor allem in der internen Kommunikation tätig.