12.08.2022 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Wenn Kunst Wissenschaft transportiert

Forschende der Universität Bern haben zusammen mit Lernenden der Schule für Gestaltung Bern und Biel den öffentlichen Lernpfad «Vitaport» über Transportwege im Körper erstellt. Kunst und Gestaltung haben als Form der Wissenschaftskommunikation viel Potenzial, glauben Wissenschaftlerin Valentina Rossetti und Designerin Juliane Wolski.

Interview: Katharina Wecker

Valentina Rossetti, Sie sind Projektleiterin von Vitaport. Wie kam es zur Idee, Forschung künstlerisch zu erzählen?

Valentina Rossetti: Es ist ein alter Traum von mir. Ich wollte schon lange etwas für die Öffentlichkeit machen und wissenschaftliche Inhalte mal anders präsentieren. Die konkrete Idee ist im Lockdown entstanden, wo man viel Zeit hatte zum Nachdenken. Ich habe es im Team vorgeschlagen und alle waren begeistert. Der Forschungsschwerpunkt NCCR TransCure, der Membrantransportproteine erforscht, geht dieses Jahr zu Ende und da passt der Lehrpfad gut als Abschluss.

Was steckt hinter dem Namen Vitaport?

Valentina Rossetti: Membrantransporter sind die Türsteher unserer Zellen. Sie transportieren verschiedene Substanzen, Moleküle, Nährstoffe und Medikamente durch die Zelle. Membrantransporte sind von fundamentaler Bedeutung für viele lebenswichtige Prozesse im Körper. Der Name Vitaport setzt sich aus dem lateinischen «vita» für «Leben» und «port» für «Tor» zusammen.

Juliane Wolski, was hat Sie und die Lernenden der Schule für Gestaltung Bern und Biel an dem Projekt interessiert?

Juliane Wolski: Uns hat es gereizt, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in eine einladende, allgemein verständliche Sprache zu übersetzen und in einem Ausstellungsparcours umzusetzen. Dass das ganze fächerübergreifend passiert, also nicht nur mit den Forschenden von NCCR TransCure, sondern auch schulintern zwischen den verschiedenen Designdisziplinen, war eine spannende Herausforderung. Insgesamt waren etwa zehn Forschende sowie 40 Lernende aus Polydesign 3D, Grafik-Design, Keramik-Design und Interaction-Design beteiligt.

Wie ist es für Sie, Forschung auf künstlerische Art zu vermitteln?

Valentina Rossetti: Wissenschaftskommunikation bedeutet, Inhalte für ein Publikum zugänglicher zu machen – also eine Vereinfachung. Man muss Kompromisse eingehen zwischen Verständlichkeit und Korrektheit. Künstlerisch Wissenschaft zu kommunizieren geht noch einen Schritt weiter. Der Prozess der Vereinfachung ist noch extremer, man muss noch offener sein für Abstraktion und Interpretation. Diese Art der Kommunikation ist komplexer, hat aus meiner Sicht aber grosses Potenzial.

Juliane Wolski: Ich glaube, dass diese Art der Vermittlung über Gestaltung oder künstlerische Objekte ganz neue Zugänge zu den Inhalten schafft. Wir haben zum Beispiel keramische Objekte in den Parcours eingebaut. Das kann sehr sinnlich und veranschaulichend sein, es kann spielerisch wirken. Es kann auch auf etwas hinweisen, das wissenschaftlich vielleicht noch nicht abschliessend geklärt ist beziehungsweise was sich unserer Erkenntnis noch entzieht.

Wie war die gemeinsame Arbeit für die Lernenden und für die Forschenden?

Juliane Wolski: Die Lernenden und Studierenden haben es extrem geschätzt, im Austausch mit dem Wissenschaftsteam zu stehen. Das war fast wie eine «Kundenbeziehung». Sie haben direktes Feedback von aussen bekommen, also nicht nur von uns Lehrpersonen. Auf etwas hinarbeiten, das auch realisiert werden soll, motiviert noch mal besonders.

Valentina Rossetti: Es war ein mutiger Schritt von den Forschenden, neue, eher ungewohnte Synergien zu kreieren. Aber es hat sich gelohnt. Die Ergebnisse sind kraftvoll. Es gibt noch viel Raum in der Wissenschaftskommunikation, neue Wege zu entdecken. Wichtig ist, Vorurteile auf der Seite zu lassen und sich erst kennenzulernen, den Dialog zu suchen und neue Wege zu gehen.

Gab es auch «Verständnisschwierigkeiten»?

Juliane Wolski: Es braucht eine grosse Übersetzungsleistung für sehr komplexe Inhalte, die für uns ohne Vorwissen nicht einfach zu verstehen sind. Das Wissenschaftsteam hat das ganz toll gemacht und hat viel veranschaulicht. Man muss in den Arbeitsprozessen trotzdem immer wieder überprüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist oder etwas falsch interpretiert. Da war das enge Pingpong zwischen den Lernenden und Forschenden wichtig, damit die Ergebnisse auch gestützt sind.

Jetzt wird der NCCR TransCure abgeschlossen. Wie geht es mit der Forschung weiter?

Valentina Rossetti: Viele Forschungsleiter und Forschungsleiterinnen des NCCR TransCure bleiben am Institut für Biochemie und Molekularmedizin und forschen weiter. Vom NCCR TransCure bleibt die «Screening, Profiling and Analytical Facility», die verschiedene Dienstleistungen für Forschende in dem Bereich anbietet. Darüber hinaus gibt es die neue Sektion «Ion Channels and Membrane Transporters» im Rahmen des «Life Sciences Switzerland»-Netzwerks, wo die Forschenden weiterhin zusammenkommen und sich austauschen können.

Am 12. August wird Vitaport eröffnet – worauf freuen Sie sich am meisten?

Juliane Wolski: Ich freue mich sehr auf das Gesamtbild vor Ort. Wir kennen bisher nur die einzelnen Komponenten. Wir haben zwar Vorstellungskraft und haben auch Visualisierungen gemacht, aber es ist doch immer etwas anderes, wenn man vor Ort den gesamten Aufbau sieht. Ich bin auch sehr gespannt auf Rückmeldungen des Publikums.

Valentina Rossetti: Ich freue mich, dass Leute mitten im Park unerwartet auf Wissenschaft treffen können. Ich hoffe, es gibt viele Wow-Momente.

ÜBER NCCR TRANSCURE

Der NCCR TransCure ist an der Universität Bern angesiedelt (Leading House) und erforscht Membrantransportproteine. Mit den gewonnenen Erkenntnissen sollen neue Medikamente und Therapien für weit verbreitete Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und neurologische Erkrankungen entwickelt werden. NCCR steht für National Centres of Competence in Research (Nationale Forschungsschwerpunkte) und sind Förderinstrumente des Schweizerischen Nationalfonds. NCCR TransCure wird Ende Oktober 2022 abgeschlossen.

VITAPORT

Vitaport ist ein öffentlicher Lern- und Kunstpfad über den Transport von Molekülen und Nährstoffen durch den menschlichen Körper. Der Parcours steht in der Elfenau vom 12. August bis 16. Oktober 2022 und ist kostenlos. Eine Reihe von öffentlichen Vorträgen findet zusätzlich im Botanischen Garten statt.

Über die Autorin

Über die Autorin

Katharina Wecker ist freie Journalistin in Bern.