02.05.2022 | Studium | Staat & Wirtschaft

Verschiedenheiten zulassen: Die Essenz des Föderalismus

Die oberste Bildungschefin des Kantons Bern, Christine Häsler, besuchte am Donnerstag, 28. April 2022 die Vorlesung «Politisches System der Schweiz II» von Adrian Vatter. Die Regierungsrätin sprach über die Herausforderungen des Föderalismus in der Schweiz während der Coronapandemie aus Sicht der Bildungs- und Kulturdirektion und welche Erkenntnisse daraus gezogen werden können.

Von Flurina Werthmüller

«In Zeiten der Krisen ist es nicht selbstverständlich, dass ein Mitglied einer Kantonsregierung sich einen ganzen Morgen die Zeit nimmt, um sich mit Studierenden über aktuelle politische Fragen auszutauschen. Umso mehr freuen wir uns darüber». Mit diesen Worten begrüsste Adrian Vatter, Professor für Politikwissenschaft, Regierungsrätin Christine Häsler in seiner Vorlesung. Gerade in diesen Zeiten sei es besonders wichtig, sich auszutauschen, einander zuzuhören und so gegenseitiges Verständnis aufzubringen, erwiderte die Regierungsrätin. Denn nur so könne ein föderalistisches System, wie die Schweiz, funktionieren.  

Für diesen Austausch bietet die Universität Bern mit ihrem Standort in der Bundeshauptstadt eine einmalige Plattform. Die Nähe zum politischen Geschehen ist insbesondere für die Studierenden eine Chance, die nahe Verbindung von Wissenschaft und Praxis zu erfahren. Das Institut für Politikwissenschaft IPW mit Adrian Vatter als profundem Kenner der politischen Landschaft der Schweiz, macht einen auf Augenhöhe stattfindenden Austausch zwischen Studierenden und hochkarätigen Politikern und Politikerinnen möglich. Und das zeigte sich im Hörsaal des Von Roll Areals an diesem Tag.

«Verschiedenheiten zulassen – das ist der Kern des Föderalismus»

Zunächst sprach Häsler darüber, wie wichtig es sei, Dinge zuzulassen. Das bedeute aber nicht, untätig zu sein. Damit ein föderalistisches System funktioniert, brauche es Instrumente und Institutionen des Ausgleichs. Was das genau bedeutet, erläuterte Christine Häsler an den Auswirkungen der Coronapandemie auf das Bildungssystem.

Vor allem in der Anfangsphase sei es den Kantonen nicht leichtgefallen, sich abzustimmen. Während die einen schon früh Schulschliessungen verlangten, sahen andere noch keinen Handlungsbedarf. Die durch den Bundesrat verordnete Einstellung des Präsenzunterrichts hatte weitreichende Folgen. «Das Miteinander Lernen und Austauschen – dafür ist der Präsenzunterricht unglaublich wichtig». Diese Überzeugung habe den weiteren Umgang mit der Pandemie massgeblich geprägt. Ziel war es, alles zu unternehmen, dass die Schulen möglichst rasch wieder geöffnet werden konnten.

Die Pandemie sei eine sehr herausfordernde Zeit gewesen, meinte Häsler. Es habe immer wieder intensive, teilweise auch harte Diskussionen gegeben und die Belastung für die Regierungsmitglieder sei gross gewesen. Und trotzdem habe man immer gut zusammengearbeitet: «Rückblickend sind wir in der Regierung der Meinung, dass wir diese Herausforderung gar nicht so schlecht gemeistert haben». Dazu gehöre auch, die eigene Überzeugung zurückzustellen und zu akzeptieren, dass Dinge anders gelöst würden. Die Gesundheit der Bevölkerung stand immer an erster Stelle. Dem sei alles untergeordnet worden. Diese Prämisse sei immer von allen respektiert geworden.

«Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir Menschen viel voneinander profitieren, wenn wir unsere Verschiedenheit anerkennen, wenn wir voneinander lernen, wenn wir zusammenarbeiten und wir auch einmal Abstand nehmen von der eigenen Idee. Das ist für mich die Essenz des Föderalismus.»

Neue Krise, neue Herausforderungen

Angesichts der Ereignisse in der Ukraine kommen nun bereits neue Herausforderungen auf uns zu. Nun habe die Integration und Einschulung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen oberste Priorität.

Die an den Vortrag anschliessende Fragerunde zeigte, wie stark die aktuelle Kriegssituation die Studierenden beschäftigte. Corona wurde zur Nebensache. Der Fokus der Fragen lag hauptsächlich auf den Herausforderungen, welche die Flüchtlingskrise für das Bildungssystem mit sich bringt. So wurde gefragt, was aus der akuten Krisensituation bezüglich ähnlicher möglicher Ereignisse gelernt werden könne. Häsler meinte, dass sie die Solidaritätswelle, die man zurzeit verspüre, gerne weitertragen würde – auch gegenüber anderen Flüchtendengruppen. «Das müssen wir lernen», so Häsler. Wichtig seien ganz allgemein Integrationsprojekte für die ankommenden Menschen, besonders im Bildungsbereich. Und vor allem, dass auch sie als Bildungsdirektion noch mehr zum Gelingen beitragen könne.

Gute Wünsche für die Zukunft der Universität Bern

Auf die abschliessende Frage von Adrian Vatter, wo sie die Zukunft der Uni Bern sehe und was ihre längerfristigen Wünsche und Vorstellungen an die Universität seien, antwortet sie überzeugend, dass es ihr eine Freude sei, für einen Kanton mit einer so erfolgreichen Universität tätig zu sein. Die Universität Bern sei für Stadt und Kanton auch wirtschaftlich gesehen eine bedeutende Institution. Sie sei die Quelle von ganz vielen Prozessen, von viel Leben und davon profitiere der ganze Kanton Bern. Frau Häsler wünscht sich, dass der Austausch mit der Uni Bern weiterhin so intensiv und regelmässig bleibt wie jetzt. «Wir wollen der Universität Bern ihre Freiheit lassen. Wir wollen nicht sagen, was sie zu tun hat und was nicht. Und das können wir, weil wir uns auf sie verlassen können».

ZUR VORLESUNG «POLITISCHES SYSTEM DER SCHWEIZ II»

Im Mittelpunkt der jeweils im Frühlingssemester stattfindenden Vorlesung stehen die politischen Akteure und Institutionen auf Bundes- und Kantonsebene, die politischen Entscheidungsprozesse auf den verschiedenen Staatsebenen sowie die vertiefte Betrachtung ausgewählter Politikfelder. Einmal pro Vorlesungszyklus lädt Prof. Dr. Adrian Vatter vom Institut für Politikwissenschaft eine Vertreterin oder einen Vertreter des politischen Systems der Schweiz für ein Referat mit Diskussion ein.

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ZUR AUTORIN

Flurina Werthmüller ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.