20.01.2022 | Forschung | Umwelt & Materie

Tsunamis in der Schweiz auf der Spur

Katrina Kremer untersucht Unterwasserhangrutschungen in Seedeltas, um Rückschlüsse über die Prozesse zu gewinnen, die selbst in Schweizer Seen zu Tsunamis führen können. Da die Prozesse denen mariner Systemen ähneln, könnten die Erkenntnisse auch auf Warnsysteme für Meeresküsten übertragen werden.

Interview: Maura Widmer

Die Förderinstrumente Eccellenza und PRIMA des Schweizerischen Nationalfonds SNF ermöglichen hochqualifizierten Forschenden, ihre Projekte im Rahmen einer Assistenzprofessur an einer Schweizer Universität umzusetzen. In einer Serie von Interviews stellen wir sechs ausgezeichnete Forschende und ihre Projekte vor.

Sie haben eine «PRIMA-Beitrag» vom Schweizerischen Nationalfonds empfangen. Was bedeutet es für Sie, dieses Forschungsstipendium zu erhalten?
Durch den PRIMA Grant habe ich die Möglichkeit, meinen eigenen Forschungsbereich zu entwickeln, eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen und vor allem weiter unabhängig forschen zu können. Ausserdem erlaubt mir der Grant eine Vorbildfunktion für meine Kinder, aber auch für junge Forscher und Forscherinnen auszuüben, in der ich zeigen kann, dass sich Familie und wissenschaftliche Karriere nicht ausschliessen.

Sie wurden vom SNF für Ihr Forschungsprojekt «Unterwasserhangrutschungen in sublakustrinen Deltas» ausgewählt. Worum geht es in dem Projekt?
In diesem Projekt werde ich Unterwasserhangrutschungen in Deltas auf der Spur sein. Diese Unterwasserhangrutschungen können, wenn sie grosse Sedimentvolumen mobilisieren und sich schnell bewegen, Tsunamis auslösen. Auch in Seen! In der Schweiz gibt es dafür historische Beispiele wie im Jahr 1687 am Muota Delta im Vierwaldstättersee, als eine bis zu vier Meter hohe Welle dokumentiert wurde. Durch den hohen Partikeleintrag von Flüssen werden die Spuren dieser Ereignisse in Deltas jedoch schnell wieder verwischt. Deshalb fehlen uns die Erkenntnisse, um diese Rutschungen und die daraus folgende Gefährdung besser zu verstehen. In diesem Projekt werden wir unterschiedliche Methode kombinieren, um die Unterwasserprozesse zu «beobachten» und Rückschlüsse über die Prozesse zu entwickeln.

Weshalb haben Sie die Universität Bern für Ihr Projekt gewählt?
An der Universität Bern gibt es eine sehr aktive Seeforschung. Die Kollegen am Institut für Geologie in Bern, wie auch an meinem Gastinstitut an der EAWAG, waren von Anfang an sehr unterstützend. Ausserdem besitzt die Universität Bern notwendige Infrastruktur, die ich für die Durchführung meines Projektes benötige. Zusätzlich erlaubt mit der Standort Bern, weiterhin mit meiner Familie in Zürich zu wohnen, wo meine Kinder zur Schule gehen.

Worin besteht Ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Relevanz Ihres Projekts?
Die Erkenntnisse aus diesem Projekt sollen dazu dienen, die mögliche Gefährdung durch Wellen, die durch Unterwasserhangrutschungen ausgelöst werden, besser zu verstehen.
Da Seen ausserdem kleiner und zugänglicher sind als marine Systeme, aber die Prozesse ähnlich sind, könnte man die gewonnenen Erkenntnisse auf Ozeane zu übertragen.

 

Über Katrina Kremer

Dr. Katrina Kremer hat von 2004 bis 2009 Geowissenschaften in Göttingen studiert. Für ihr Doktorat zog sie 2010 nach Genf und promovierte im Jahr 2014. Anschliessend war sie Postdoc, erst am Institut für Geologie (2014-2016), anschliessend Postdoc/Oberassistentin am Schweizer Erdbebendienst (2016-2022) der ETH Zürich. Dabei wurde ihre Forschungsarbeit unter anderem durch einen Marie-Heim-Vögtlin Beitrag des SNSF (2017-2019) finanziert. Ab Juni 2022 wird Katrina Kremer als Assistenz-Professorin (SNSF PRIMA) am Geologischen Institut der Universität Bern arbeiten. Sie interessiert sich vor allem für Seesedimente und die Geschichte, die sie uns hinsichtlich der Naturgefahren erzählen (z.B. Rutschungen, Erdbeben, Tsunamis etc.), aber auch über den Einfluss vom Menschen auf unsere Umwelt (z.B. Mikroplastikverschmutzung).

SNF PRIMA

PRIMA-Beiträge richten sich an hervorragende Forscherinnen, die ein hohes Potenzial für eine Professur aufweisen. PRIMA-Beitragsempfängerinnen sind mindestens auf dem Niveau einer Gruppenleiterin angestellt und führen ein Forschungsprojekt mit einem eigenen Team an einer Schweizer Forschungsinstitution durch. Ein PRIMA-Beitrag umfasst das Salär der Beitragsempfängerin sowie Projektmittel für eine Dauer von fünf Jahren. Während des PRIMA-Beitrags ist es möglich, einen Aufenthalt an einer anderen Institution zu planen. Mit diesem kompetitiven Beitrag profilieren sich die PRIMA-Beitragsempfängerinnen für die nächste Stufe ihrer akademischen Karriere: Eine Professur. Wird eine PRIMA-Beitragsempfängerin während der Beitragsdauer auf eine Professur berufen, können die verbleibenden Mittel an den neuen Arbeitsort transferiert werden. Im Jahr 2021 wurden vom PRIMA Programm zwei Forschende an der Universität Bern ausgewählt.

SNF Eccellenza Professorial Fellowships

SNSF Eccellenza Professorial Fellowships richten sich an hoch qualifizierte Forschende, die eine permanente Professur anstreben. Eccellenza ermöglicht ihnen, ihr Ziel als Assistenzprofessorin oder Assistenzprofessor mit einem grosszügig ausgestatteten Forschungsprojekt unter ihrer Leitung und einem eigenen Team an einer Hochschule in der Schweiz zu erreichen. Eccellenza deckt das Salär der Beitragsempfängerin oder des Beitragsempfängers auf dem Niveau einer lokalen Assistenzprofessur und Projektmittel von bis zu 1'000'000 Franken für fünf Jahre ab. Im Jahr 2021 wurden vom Eccellenza-Programm vier Forschende an der Universität Bern ausgewählt.

Zur Autorin

Maura Widmer ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.