15.06.2022 | Forschung | Umwelt & Materie

Smarte Lösungen für die grüne Stadt der Zukunft

Matthias Erb war frustriert darüber, dass es ihm als Pflanzenwissenschaftler nicht gelang, den eigenen Balkon schön und nachhaltig zu begrünen. Es war für ihn der Anstoss, das Spin-off Boum zu gründen, das mit intelligenten und vollautonomen Pflanzumgebungen den Weg für grünere und nachhaltigere Städte ebnen soll.

Interview: Ivo Schmucki

Seit kurzem ist das erste Produkt Ihres Spin-offs der Uni Bern erhältlich. Was erhalte ich, wenn ich das sogenannte «BOUM one»-Komplettsystem bestelle?

Matthias Erb: Wir haben eine Plattform gebaut, welche den Anbau von Pflanzen auf versiegelten Flächen einfach, effektiv und effizient macht. Die Plattform besteht aus einer Wachstumsumgebung mit einer smarten, solargesteuerten und vollautonomen Bewässerung, welche die Pflanzen in den ebenfalls von uns entwickelten Pflanztöpfen von unten mit Wasser versorgt. In den Töpfen haben wir ein speziell entwickeltes Substrat, welches für die Bewässerung optimiert wurde. Es ist komplett aus Nebenprodukten der Schweizer Forst- und Landwirtschaft und daher sehr nachhaltig und mehrjährig verwendbar. Und auf diesem Substrat wachsen dann verschiedene Kombinationen von Pflanzenarten, die speziell gut wachsen in der Stadtumgebung. Wir haben Pflanzengemeinschaften entwickelt, die einander ergänzen und so robust wachsen. Ergänzt wird die Plattform mit unserer App. Darüber erhalten die Nutzerinnen und Nutzer Angaben zum Wasserverbrauch und Balkonklima, werden benachrichtigt, wenn sie den Wassertank füllen oder einen Pflegeschritt durchführen müssen und sie erhalten Hinweise, welche Pflanzen sich für ihr Balkonklima besonders gut eignen. Unser Produkt ist eigentlich ein Dreieck bestehend auf Hardware, Biologie und Software. Das macht den Pflanzenbau effizienter und effektiver und ermöglicht ganz neue Lösungen für die Stadtbegrünung, sowohl für Privatpersonen als auch für Firmen. Ich persönlich finde das sehr spannend.

Wie ist die Idee zu diesem System entstanden?

Wie so oft, fing es im Kleinen an. Ich selbst wollte schon häufig mit meiner Familie unseren Balkon zu Hause begrünen und stand dann letztendlich im Sommer vor Töpfen mit vertrockneten Pflanzen. Das hat mich als Pflanzenwissenschaftler mit zehn Jahren Erfahrung in der Pflanzen-Stressphysiologie natürlich frustriert. Ich habe aber schnell festgestellt: Nicht nur ich habe dieses Problem – halb Bern hat dasselbe Problem! Und so stellte sich heraus, dass hinter diesem Problem, das ich und viele andere haben, eine spannende Entwicklung stehen könnte, die zu einer Vision gereift ist.

Worin besteht diese Vision?

Wir möchten mit Boum den Wandel hin zur grünen Stadt der Zukunft mitgestalten. Grünere Städte haben viele positive Auswirkungen: auf das Klima, auf die Biodiversität, aber auch auf die Lebensqualität, die Produktivität und die Gesundheit der Menschen in der Stadt. Alle möchten grünere Städte, aber letztendlich scheitert es an der Umsetzung. 50% der Privatpersonen sind unzufrieden mit ihrer Balkonbepflanzung, und professionelle Lösungen für Büro- und Firmengebäude sind oft zu teuer. Woran liegt das? Wir haben herausgefunden, dass es verschiedene Probleme gibt: Die Bewässerung ist schwierig,, das nötige Fachwissen fehlt oder ist teuer, und häufig werden eben auch die falschen Pflanzen verwendet, die sich nicht für ein bestimmtes Stadtklima eignen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben wir die Möglichkeit, innovative Lösungen zu entwickeln, um diese Probleme zu lösen. Boum ist unser Beitrag an die Transformation der Städte zu den grünen Städten der Zukunft. Es würde ein Traum in Erfüllung gehen, wenn man uns in Zukunft als Pioniere ansieht, die diesen Übergang mitgestaltet haben.

Wie ist eigentlich der Name Boum entstanden?

Wir sprechen Boum aus wie im Französischen. Dahinter versteckt sich die erste Komponente, weshalb uns er Name gefallen hat: es verkörpert das schon fast explosionsartige Wachstum, das Pflanzen an den Tag legen können, wenn es ihnen gut geht. Gleichzeitig lehnt sich Boum aber auch an das berndeutsche Wort für Baum an. Der Baum ist ein Symbol für Nachhaltigkeit und steht mit seinen tiefen Wurzeln auch für Stabilität. All das charakterisiert unser Spin-off.

Wie viel Universität Bern steckt in Boum?

Wir sind ein Spin-off der Universität Bern und haben ein Abkommen zur engen Zusammenarbeit. Anders als bei anderen Spin-offs ist es nicht so, dass wir Forschungsergebnisse aus meiner bisherigen Forschung direkt übertragen haben. Vielmehr haben wir ein Problem identifiziert, welches wir nun gemeinsam lösen wollen. Die Urbanisierung schreitet schnell voran, und immer mehr private, geschäftliche und öffentliche Akteure sind auf der Suche nach urbanen Begrünungslösungen. Gleichzeitig gibt es zu wenig belastbare Forschung auf diesem Gebiet. Deshalb ist diese Partnerschaft eine einmalige Gelegenheit, das Motto der Universität Bern, «Wissen schafft Wert», in die Tat umzusetzen. Ich freue mich sehr darauf.

Bei der Gründung des Spin-offs hat mich die Universität Bern kompetent unterstützt. Wir haben sehr früh das Gespräch gesucht mit der Verwaltungsdirektion und der Technologietransfer-Organisation Unitectra und konnten so ein sinnvolles Partnerschaftsabkommen schliessen. Auch das Innovation Office unterstützt uns tatkräftig. Wir haben viele offene Türen eingerannt. Das hat motiviert und dazu beigetragen, es überhaupt zu probieren.

Was raten Sie Studierenden, die den Schritt in die Selbstständigkeit erwägen?

Mein Rat ist: Mutig sein, und etwas ausprobieren. Gerade für Leute, die ihr Wissen einbringen und es kreativ einsetzen möchten, ist ein Spin-off der richtige Ort. Davon profitiert auch die Universität, denn so wird das erarbeitete Wissen direkt in Innovation umgesetzt – direkter als wenn jemand nach dem Studium in ein Anstellungsverhältnis mit einer Firma eintritt, die bereits etablierte Prozesse und Strukturen hat. Deshalb fände ich es sehr erfreulich, wenn noch mehr Studierende – gerade aus den Naturwissenschaften und der Ökologie – sich überlegen würden, ob ein Spin-off für Sie ein toller und spannender Weg sein könnte, um Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft zu nehmen.

ÜBER BOUM

Die Boum AG ist ein 2021 gegründetes Bio / Tech Spin-Off der Universität Bern. Das Kernprodukt von Boum ist eine innovative, skalierbare IoT Plattform für den effizienten Anbau von Pflanzen auf versiegelten urbanen Flächen.

Produkte für Privatkunden: https://boum.garden/home

Lösungen für Geschäftskunden: Auf Anfrage; jeremias.jurt@boum.garden

Kontakt

Jeremias Jurt
Boum AG
Telefon: +41 79 813 97 83
jeremias.jurt@boum.garden

ÜBER MATTHIAS ERB

Matthias Erb ist seit 2017 ausserordentlicher Professor für Biotische Interaktionen, Direktor der Interfakultären Wissenschaftskooperation One Health und Mitdirektor des Instituts für Pflanzenwissenschaften. Er ist im Berner Oberland aufgewachsen und hat an der ETH Zürich sowie dem Imperial College London Agrarwissenschaften studiert. Nach seiner Dissertation an der Universität Neuenburg im Jahr 2009 arbeitete er als unabhängiger Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena (Deutschland), bevor er 2014 an die Universität Bern berufen wurde. Für seine Forschung zu den Interaktionen zwischen Pflanzen und ihrer Umwelt wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Kontakt

Prof. Dr. Matthias Erb
Universität Bern
Institut für Pflanzenwissenschaften
Telefon: +41 31 631 86 68
matthias.erb@ips.unibe.ch

UNITECTRA

Unitectra ist die Technologietransfer-Organisation der Universitäten Basel, Bern und Zürich. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie Forschende bei Kooperationen mit der Privatwirtschaft und anderen privaten oder öffentlichen Institutionen. Unitectra kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit den Forschenden um die praktische Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte und Dienstleistungen. Die Umsetzung erfolgt in Kooperation mit bestehenden Firmen oder durch Unterstützung der Gründung von universitären Spin-off-Firmen. Die Dienstleistungen von Unitectra stehen auch den Angehörigen der mit den drei Universitäten assoziierten Spitäler sowie weiteren Kooperationspartnern zur Verfügung.

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ZUM AUTOR

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Media Relations und Corporate Publishing in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern. Er ist Themenverantwortlicher «Natur und Materie».