17.01.2022 | Forschung | Umwelt & Materie

Pflanzenschutzmittel in der Umwelt nachverfolgen

Die Chemikerin Aurea C. Chiaia-Hernández erforscht den Transport von Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt, um deren Auswirkungen auf die Ökosysteme zu untersuchen und Gefahren für die menschliche Gesundheit zu erkennen.

Interview: Maura Widmer

Die Förderinstrumente Eccellenza und PRIMA des Schweizerischen Nationalfonds SNF ermöglichen hochqualifizierten Forschenden, ihre Projekte im Rahmen einer Assistenzprofessur an einer Schweizer Universität umzusetzen. In einer Serie von Interviews stellen wir sechs neu ausgezeichnete Forschende und ihre Projekte vor.

Sie haben einen «PRIMA Grant» vom Schweizerischen Nationalfonds empfangen. Was bedeutet es für Sie, dieses Forschungsstipendium zu erhalten?
Ich freue mich sehr, weil es mir ermöglicht, meine Forschung zu erweitern, und zwar über alles hinaus, was ich bisher im Rahmen begrenzter Arbeitsverträge und Ressourcen habe leisten können. Der Grant wird mir helfen, mich als Forscherin zu etablieren und meine eigenen Forschungsfragen zu stellen. Dieses Stipendium gibt mir die Möglichkeit, mein eigenes Team zu leiten, interdisziplinäre Zusammenarbeiten auszubauen und meine Karriere weiter voranzutreiben.

Sie wurden vom SNF für Ihr Forschungsprojekt «Tracking von Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt - Quelle, Transport, Senke und Relevanz für die Risikobewertung (TraPPP)» ausgewählt. Worum geht es in dem Projekt?
Pflanzenschutzmittel (PPPs) gefährden nicht nur die Ackerböden, auf denen sie angewendet werden, sondern auch andere Ökosysteme und die menschliche Gesundheit, und zwar durch den Transport in die atmosphärische und aquatische Umwelt. Die Verbreitung von Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt findet auf lokaler und internationaler Ebene zunehmend Beachtung und wirft eine Reihe von wissenschaftlichen Fragen auf.

Bislang haben sich viele Studien mit dem Auftreten von Pflanzenschutzmitteln in Oberflächengewässern wie Flüssen und Bächen und dem Grundwasser befasst. Jedoch fehlt bis heute ein umfassendes Bild über die Anwendung, den Transport und die Ablagerung von derzeit verwendeten Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt. In hohen Sediment-Konzentrationen stellen sie eine Gefahr für die Süsswassersysteme dar, da die Sedimente in ständigem Austausch mit ihnen stehen. Das Ziel von TraPPP ist es deshalb, den Transport und die Transformation von derzeit verwendeten Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt von den Quellen bis zu den Senken besser zu verstehen.

Weshalb haben Sie die Universität Bern für Ihr PRIMA-Projekt gewählt?
Weil ich dort bereits enorme Unterstützung und Interesse für meine Forschung erfahren habe: Der Kontakt zu interdisziplinären Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Geographischen Instituts, des Oeschger Centre for Climate Change Research und der Interfakultären Forschungskooperation «One Health» ermöglicht mir Kooperationen etwa mit dem Institut für Pflanzenwissenschaften und dem Universitätsspital Bern Inselspital. Auch kann ich meine Lehrfähigkeiten und die interdisziplinäre Kommunikation an der Universität Bern weiterentwickeln. Ausserdem hat mich die Universität Bern bei der Organisation von Sommerschulen und internationalen Konferenzen sehr unterstützt. Diese Aktivitäten haben zu einer engeren Zusammenarbeit mit verschiedenen Schweizer Forschungsinstitutionen geführt und nationale und internationale Netzwerke gefördert.

Worin besteht die gesellschaftliche Relevanz Ihres Projekts?
Die Ergebnisse dieses Projekts werden der politischen Debatte über den Einsatz oder das Verbot von Pflanzenschutzmitteln nutzen, da sie eine solide wissenschaftliche Grundlage für fundierte Entscheidungen liefern. Daher ist meine Forschung von wesentlicher Bedeutung für die Umwelt und damit für die öffentliche Gesundheit.

Über Aurea C. Chiaia-Hernández

Dr. Aurea C. Chiaia-Hernández erwarb ihren Bachelor- und Masterabschluss in Chemie an der Oregon State University (USA) und promovierte 2013 an der ETH Zürich. Anschliessend war sie Postdoktorandin an der EAWAG, der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz. Seit 2018 ist sie Mitglied der Paläolimnologie-Gruppe an der Universität Bern und seit 2019 stellvertretende Gruppenleiterin. Chiaia-Hernández hat die beiden Forschungsbereiche Umweltchemie und Paläolimnologie miteinander verknüpft und dabei neuartige Analysemethoden entwickelt. Sie ermöglichen ein breites Spektrum an organischen Schadstoffen in natürlichen Archiven der letzten 100 Jahre zu identifizieren, die zuvor nicht nachgewiesen werden konnten. Zudem helfen sie Ablagerungssysteme besser zu verstehen und die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf aquatische Ökosysteme zu untersuchen.

Medienmitteilung zum Projekt

Pflanzenschutzmittel schädigen auch Ökosysteme in Seeböden

Eine Studie der Universität Bern zeigt anhand von Sedimenten aus dem Moossee, dass ein Verbot einzelner Pflanzenschutzmittel wirkt: Ihre Konzentration in der Umwelt nimmt ab. Hingegen nimmt die Belastung durch weiterhin bewilligte Pflanzenschutzmittel stetig zu. Insgesamt belasten Pestizide den Lebensraum für Pflanzen und Tiere heute so stark wie noch nie.

SNF PRIMA

PRIMA-Beiträge richten sich an hervorragende Forscherinnen, die ein hohes Potenzial für eine Professur aufweisen. PRIMA-Beitragsempfängerinnen sind mindestens auf dem Niveau einer Gruppenleiterin angestellt und führen ein Forschungsprojekt mit einem eigenen Team an einer Schweizer Forschungsinstitution durch. Ein PRIMA-Beitrag umfasst das Salär der Beitragsempfängerin sowie Projektmittel für eine Dauer von fünf Jahren. Während des PRIMA-Beitrags ist es möglich, einen Aufenthalt an einer anderen Institution zu planen. Mit diesem kompetitiven Beitrag profilieren sich die PRIMA-Beitragsempfängerinnen für die nächste Stufe ihrer akademischen Karriere: Eine Professur. Wird eine PRIMA-Beitragsempfängerin während der Beitragsdauer auf eine Professur berufen, können die verbleibenden Mittel an den neuen Arbeitsort transferiert werden. Im Jahr 2021 wurden vom PRIMA-Programm zwei Forscherinnen an der Universität Bern ausgewählt.

SNF Eccellenza Professorial Fellowships

SNF Eccellenza Professorial Fellowships richten sich an hoch qualifizierte Forschende, die eine permanente Professur anstreben. Eccellenza ermöglicht ihnen, ihr Ziel als Assistenzprofessorin oder Assistenzprofessor mit einem grosszügig ausgestatteten Forschungsprojekt unter ihrer Leitung und einem eigenen Team an einer Hochschule in der Schweiz zu erreichen. Eccellenza deckt das Salär der Beitragsempfängerin oder des Beitragsempfängers auf dem Niveau einer lokalen Assistenzprofessur und Projektmittel von bis zu 1'000'000 Franken für fünf Jahre ab. Im Jahr 2021 wurden vom Eccellenza-Programm vier Forschende an der Universität Bern ausgewählt.