25.10.2022 | Universität | Staat & Wirtschaft

Mit Johnny Cash im Seminar

Martino Mona ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Bern. An seinem Fachgebiet schätzt er insbesondere, dass dieses gesellschaftlich relevant, aber auch intellektuell und philosophisch ist.

Text: Regula Werner

Martino Mona findet Forschungsideen im Strafrecht schon mal abends in der Bar beim Hören eines Countrysongs.
Martino Mona findet Forschungsideen im Strafrecht schon mal abends in der Bar beim Hören eines Countrysongs. © Universität Bern, Bild: Dres Hubacher

Forschung kann mitten in der Nacht beginnen. Wenn ein Professor mit seinem Freund in einer Bar strandet, in der Johnny Cash davon singt, dass er einen Mann in Reno erschossen habe – nur um ihn sterben zu sehen. «Uns wurde an diesem Abend bewusst, dass in diesen Countrysongs sehr viele strafrechtliche Themen wie Mord und Gewalt, Sühne, Vergeltung oder auch Rassismus behandelt werden», erklärt Martino Mona. Daraus entstand ein Seminar mit Studierenden, die Musiktexte auf ihren strafrechtlichen und rechtsphilosophischen Gehalt analysierten. Und dank der Initiative seines Doktoranden Jon Gashi werden Martino Mona und seine Assistierenden demnächst gemeinsam mit dem Berner Rapper Tommy Vercetti ein Seminar über strafrechtliche Ambivalenzen im US-amerikanischen Rap anbieten.

Martino Mona ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie und Mitdirektor des Instituts für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern. Er besitzt einen schier überquellenden digitalen Ordner mit Themen, die er gern wissenschaftlich unter die Lupe nehmen würde.

Schliesslich tauchen in Alltagsereignissen sehr häufig strafrechtlich relevante Aspekte auf – nicht nur in der Musik, sondern auch in den Medien, in der Literatur, in Filmen und in Gesprächen mit Menschen. Mona möchte herausfinden, ob ein Bedarf nach Analyse und Veränderung der rechtlichen Lage besteht. «Die Vielfalt und das ständige mentale Angeregtsein finde ich sehr schön. Dass ich nicht genug Zeit habe, um über alles vertieft nachzudenken, was mich interessiert, ärgert mich allerdings extrem.» Es gehe bei Weitem nicht nur darum, noch einen Aufsatz oder noch ein Buch zu publizieren: Für die Wissensvermittlung mindestens so ergiebig – und ohnehin viel angenehmer und erfreulicher – seien Seminare, Vorlesungen oder Gesprächsrunden.

Empirischer oder normativer Zugang

In der Rechtswissenschaft gibt es nicht nur eine Art des wissenschaftlichen Vorgehens. «Wir können sehr empirisch arbeiten, Daten sammeln, Phänomene beschreiben», erklärt Mona. «Es gibt aber auch eine methodisch ganz andere, normative Zugangsweise, die Ähnlichkeiten mit der Philosophie oder Theologie aufweist und die mir auch viel näher ist.» Seine Aufgabe als Rechtswissenschaftler ist dann im Wesentlichen argumentativ: Man definiert ein Problemfeld und argumentiert für eine bestimmte Auslegung des Gesetzes oder für dessen Veränderung. Man versucht auf Unzulänglichkeiten oder Widersprüche hinzuweisen, um so die Weiterentwicklung des Rechtswesens und den Fortschritt zu fördern.

Jahr für Jahr muss Mona gegenüber der Universität ausweisen, wie viele Prozent seiner Arbeitszeit er für die Forschung und wie viel für die Lehre aufwendet. Das genau zu beziffern, sei für ihn alles andere als einfach, da sich die genannten Bereiche überlappten: «Wenn ich an einem Aufsatz arbeite, bastle ich nebenher an einer Powerpoint Präsentation für Vorlesungen. Umgekehrt kann sich im Rahmen eines Seminars mit Studierenden auch eine Forschungsgemeinschaft bilden.» Kontakte zu anderen Fachgebieten entstünden harmonisch, «ohne grosse Anstrengung».

«Mein Fachgebiet zeichnet sich dadurch aus, dass es einerseits gesellschaftlich höchst relevant ist und die Menschen direkt betrifft und andererseits intellektuell anregend, theoretisch tiefgründig und philosophisch ist.» Diese Kombination finde sich in keinem anderen Bereich. In Bezug auf die Qualität der Forschung befürchtet Mona, dass irgendwann die Wissenschaftlichkeit unter die Räder geraten könnte. Zumal von aussen regelmässig der Vorwurf auftauche, die Universitäten würden ihre Studierenden zu theoretisch ausbilden. «Es besteht zunehmend die Gefahr, dass die Universitäten zu Anwaltsschulen verkommen, die einseitig auf vermeintlichen Praxiswert fokussieren. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Bern hat Angriffe in diese Richtung immer wieder abgewehrt. Unser Selbstverständnis als Stätte von Theorie und Wissenschaft ist zum Glück sehr stark.»

Die grosse Frage

Zu all den Themen, denen Professor Mona gern nachgehen würde, gehört auch diese eine offene Frage: Was ist eigentlich eine gerechte Strafe? «Diese Frage konnte leider noch nicht geklärt werden, weil sich die Menschen dabei ständig von anderen Interessen und Bedürfnissen ablenken lassen und sich nicht auf das Wesentliche beschränken, nämlich Gerechtigkeit. Dabei würde die Antwort jedes bedeutende Problem im Strafrecht lösen.»

Wichtig ist für Mona nicht nur der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, etwa bei Kongressen, sondern auch mit der Politik, wenn es beispielsweise darum geht, neue Phänomene sinnvoll zu regulieren. Nicht unterschätzen dürfe man dabei, dass mit Wissenschaft und Politik zwei Welten aufeinanderprallen, die nicht nur sprachlich-kommunikativ sehr unterschiedlich funktionierten. Richtiggehend ins Schwärmen gerät der Professor, wenn er von seinen Studierenden und Doktorierenden spricht. «Sie sind extrem gut ausgebildet, intelligent, zuvorkommend und engagiert. Sie haben mehr Grund, sich über uns zu beklagen als umgekehrt.» Komme es mit den Studierenden zu Problemen, sei dies in der Regel strukturell bedingt: Über das ganze Studium hinweg drangsaliere man sie unnötig. Wenn sie nicht ständig Angst hätten rauszufallen, könnten sie ihre Bestleistungen eher abrufen, ist er überzeugt. «Sie wären dann auch mutiger und origineller und würden eher mal ein gewagtes Argument oder eine Kritik riskieren, als nur das zu rezipieren, was andere schon hundertfach gesagt haben.» Dieser kontinuierliche Druck hindere sie oftmals auch an einer frühwissenschaftlichen Karriere. «Eigentlich wären das gescheite Köpfe, die Grosses abliefern könnten. Während des Studiums sollten wir deshalb dafür sorgen, dass sie sich wohler fühlen, dass sie respektiert werden.» Dafür setze man sich in seiner Fakultät bereits sehr ein, sagt Mona, man könne aber sicher noch mehr tun.

Im Verlauf seiner Karriere wurde Mona von Professor Karl-Ludwig Kunz an der Universität Bern und Professor Kurt Seelmann an der Universität Basel sehr gefördert. «Ich war gleichzeitig Assistent an beiden Universitäten und habe extrem davon profitiert.» Schon früh durfte Mona sie bei Vorlesungen vertreten. Auch seine Promotion ging gut über die Bühne, und er konnte im Ausland forschen. Selbst finanziell sei er unterstützt worden. Als schwierig empfand
er die Zeit, als er nicht wusste, ob er jemals Professor werden würde. «Lange war ich im Mittelbau aktiv und habe dort schlimme Geschichten von Menschen mit Existenzängsten miterlebt. Die Uni Bern ist bei der Nachwuchsförderung mittlerweile aber sehr fortschrittlich unterwegs.»

Am liebsten wäre Martino Mona nicht nur Professor, sondern auch Bauer.
Am liebsten wäre Martino Mona nicht nur Professor, sondern auch Bauer. © Universität Bern, Bild: Dres Hubacher
Erst unbeholfen, dann lustvoll

Er habe Glück gehabt, resümiert Mona. In vielerlei Hinsicht. Beim Unterrichten fühlte er sich zu Beginn unbeholfen: «Ich war bestimmt kein Naturtalent!» Aber irgendwann sei ihm «der Knopf aufgegangen». Jetzt ist das Unterrichten derjenige Teil seiner Tätigkeit, der ihn am glücklichsten stimmt. Seine Habilitation halte er selbstverständlich immer noch für «grossartig». Auch habe er ein paar wissenschaftliche Preise gewonnen, doch am wichtigsten sei ihm, dass er ein guter Professor, ein guter Lehrer ist.

Aus dem Tessin stammend, wuchs Mona in der Nähe von Zürich auf. «Als ich als Kind mit meiner Mutter manchmal Bern besuchte, wollte ich abends immer dortbleiben und nicht zurück nach Zürich fahren.» Nach diversen Stationen, unter anderem im Ausland, ist Mona nun in Bern angekommen. Und fühlt sich wohl in seinem kleinen Büro, in dem er die nötige Ruhe findet, um zu arbeiten, in dem er hin und wieder aber auch nichts macht oder einfach nachdenkt. Im gleichen Gebäude, das einst als Frauenspital diente, sei seine älteste Tochter zur Welt gekommen. Ja, manchmal stehe er auf derlei «atmosphärische Dinge». Auch mit seinen Kindern – die älteste Tochter studiert Philosophie, der älteste Sohn wird Primarlehrer – und seiner Frau Anna Coninx, die selbst auch Strafrechtsprofessorin ist, tauscht er sich gern über allerlei Fragen und Probleme aus, die man wissenschaftlich erforschen könnte. Wäre Mona nicht Professor für Strafrecht geworden, wäre er übrigens Bauer. Mit Tieren auf dem Land zu leben, Felder zu bewirtschaften, stellt er sich sehr schön vor. «Ich spiele nach wie vor mit dem Gedanken, diese Idee eines Tages umzusetzen. Am liebsten wäre ich ja Landwirt und Professor zugleich.»

Über Martino Mona

Prof. Dr. Martino Mona ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie und Mitdirektor des Instituts für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern.

Kontakt: martino.mona@krim.unibe.ch

Zur Autorin

Regula Wenger ist freie Journalistin, Autorin und Kolumnistin und Mitglied im Basler Pressebüro Kohlenberg.

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