02.12.2022 | Universität | Gesundheit & Medizin

«Ich möchte aus Schnittstellen Nahtstellen machen»

Lücken in der Versorgung von Patientinnen und Patienten schliessen und Studierende für den Beruf als Apothekerin und Apotheker begeistern: das treibt Carla Meyer-Massetti an, Stiftungsprofessorin für Klinische Pharmazie. Ein Interview.

Interview: Nathalie Matter

Was macht Ihren Fachbereich aus, die Klinische Pharmazie?

Carla Meyer-Massetti: Sie ist in der Schweiz häufig ein Spezialgebiet der Spitalpharmazie, kann aber in allen klinischen Settings zur Anwendung kommen, wo es darum geht, die Medikation von Patientinnen und Patienten oder einer Patientengruppe mit ähnlichen Risikofaktoren zu verbessern, ihre Gesundheit zu fördern und Prävention zu betreiben. Unser Kerngeschäft am Inselspital ist es, die Patientensicherheit bezogen auf die Medikation über Schnittstellen hinweg zu verbessern, also eine gute Versorgung auch nach dem Spitalaustritt zu gewährleisten. Dabei unterstützen wir einerseits die Ärztinnen, Ärzte und das Pflegefachpersonal. Andererseits sind wir auch mit dem ambulanten Bereich in Kontakt – also mit den Hausärztinnen und Hausärzten, den öffentlichen Apotheken, der Spitex, den Heimen oder Hospizen.

Sie sind seit einem Jahr Stiftungsprofessorin in Bern. Wie haben Sie Ihr erstes Jahr erlebt?

Ich hatte schon lange den Wunsch, in meinem Alltag Klinik, Lehre und Forschung zu kombinieren. Dass ich das hier mit meiner Stelle sehr gut verwirklichen kann, ist für mich ein grosses Privileg. Alle diese Bälle in einem neuen Umfeld in der Luft zu halten, war in meinem ersten Jahr sehr spannend, aber auch eine Herausforderung. Ein wichtiger Teil war der Aufbau meines Teams und die Vernetzung in der Klinik.

Stark beschäftigt war ich auch im Rahmen des ersten, nun abgeschlossenen Durchgangs unseres Masterstudiums Pharmazie, bei dem unsere Studierenden zu unserer grossen Freude sehr erfolgreich waren. Speziell in Bern ist nämlich, dass die Pharmazie als bifakultärer Studiengang sowohl naturwissenschaftlich als auch medizinisch ausgerichtet ist. Das reflektiert sehr gut, was uns klinische Pharmazeutinnen und Pharmazeuten ausmacht: dass wir nämlich einen Fuss in der Forschung und einen in der Klinik haben.

Schweizweit einzigartig: Der Studiengang Pharmazie ist eine Kombination aus naturwissenschaftlicher und medizinischer Ausbildung. © Isabelle Schönholzer
Worauf gründet für Sie der Erfolg dieses ersten Abschlusses des Masterstudiengangs?

Der Erfolg basiert hauptsächlich auf der Vision und dem Einsatz unserer Studienleitung, Professorin Verena Schröder und dem interprofessionellen Pharmazie-Team, und dass alle bereit waren, viel Zeit und Herzblut zu investieren. Wir haben versucht, das, was uns in der Klinik und Forschung wichtig ist, in den Studiengang einzubringen: die Zusammenarbeit und auch den Mut, Neues zu wagen, wenn wir überzeugt sind, dass es für die Zukunft wichtig ist. Dass beispielsweise die Studierenden im fünften Jahr gleichzeitig unterrichtet werden von einer Ärztin und einem Apotheker oder einer Pflegeexpertin oder jemandem von der Ernährungsberatung. Diese Interprofessionalität aus unserem Klinikalltag möchten wir in die Lehre mitnehmen.

Ist diese Art der Zusammenarbeit spezifisch für Bern?

Hier bin ich vielleicht etwas «biased», aber ich finde, dass uns das in Bern wirklich auszeichnet: einerseits haben wir den Pharmazie-Studiengang mit vielen engagierten Partnerinstitutionen aufgebaut, zum Beispiel mit dem BIHAM, wo die Doppelprofessur mit der Pharmazeutin Alice Panchaud und dem Hausarzt Sven Streit schon interprofessionell besetzt ist. Dasselbe haben wir am Inselspital mit der Klinischen Pharmakologie in der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, wo ich angesiedelt bin. Das ist ein Novum für die Klinische Pharmazie und bietet mir sehr viele Möglichkeiten: als Teil einer Klinik gehöre ich automatisch zum interprofessionellen Behandlungsteam.

Die Kommunikation zwischen Fachleuten zu verbessern ist ein Ziel der Forschung von Carla Meyer-Massetti. © istock
Woran forschen Sie aktuell?

Meine Forschung ist sehr praxisorientiert und befasst sich derzeit vor allem mit der Schnittstelle Spitalaustritt. Dabei beziehen wir auch die Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen ein. Zum Beispiel möchten wir herausfinden, wie die Angehörigen von kognitiv eingeschränkten Personen gut eingebunden werden können, damit die Versorgung auch nach dem Spitalaustritt zuhause gut klappt. Oder wir versuchen, Risikopatientinnen und -patienten, die allenfalls wieder ins Spital zurückkehren müssen, frühzeitig zu erfassen, damit wir sie gemeinsam mit den Pflegefachpersonen und Ärztinnen und Ärzten sowie unseren Partnerinnen im ambulanten Setting besser auf die Zeit nach dem Austritt vorbereiten können. Wir fragen: Wie müssen wir dafür kommunizieren mit unseren Partnerinnen und Partnern im ambulanten Bereich?

Ich möchte aus Schnittstellen wie dem Ein- und Austritt ins Spital Nahtstellen machen. Das neue Patienteninformationssystem, das die Insel 2024 einführen wird, sehe ich dafür als grosse Chance. Wichtig in der Forschung ist mir auch die schweizweite Vernetzung, wie in einem aktuellen Projekt zur Darmkrebs-Prävention, bei dem das BIHAM, die Uni Zürich und das Zentrum für Hausarztmedizin und Community Care in Luzern beteiligt sind.

Sterile Herstellung einer Chemotherapie in der Spitalpharmazie. © zvg
Was sind eigentlich die Hauptprobleme, wenn es um Medikationssicherheit und Sicherheit von Patientinnen und Patienten geht?

Oft ist der Informationsfluss ungenügend. Das fängt schon beim Spitaleintritt an: Welche Medikamente hatte die Patientin oder Patient zuhause? Bei einem Eintritt im Notfall oder in der Nacht oder wenn die Person nicht gut ansprechbar ist und die Medikamente nicht dabei hat – dann muss viel «Fussarbeit» geleistet werden, um die nötigen Angaben zu erhalten. Und beim Spitalaustritt gibt es wiederum viele Informationsbrüche. Vieles läuft noch direkt über die Patientinnen und Patienten, die oft sehr kurzfristig entlassen werden und vielleicht – gerade in der Geriatrie – kognitiv etwas eingeschränkt sind.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?

Indem einerseits bereits während einem Spitalaufenthalt der Austritt gut vorbereitet wird und Unterstützung da ist für Personen, bei denen es zu Problemen kommen könnte – zum Beispiel, indem das Medikamentenrezept in die Apotheke gemailt und dort von der versorgenden Person abgeholt wird. Oder indem sichergestellt wird, dass Nachfolgetermine beim Hausarzt oder der Hausärztin stattfinden. Dies ist zeitaufwändig. Wer ist dafür zuständig? Und schlussendlich: wer zahlt dafür? Darum ist es wichtig, schlanke Prozesse zu haben, um vieles automatisiert ablaufen zu lassen. Hier könnten wir aus der Klinischen Pharmazie die Ärztinnen und Ärzte und Pflegefachpersonen entlasten und die nötigen Informationen zusammentragen sowie Tools oder Schulungen entwickeln.

Da wir aber zu wenig Fachkräfte haben, stellt sich auch die Frage nach der Rollenverteilung: was ist sinnvoll, wer übernimmt was? Solche Fragen interessieren alle im Gesundheitswesen, und entsprechend herrscht hier eine grosse Motivation, gemeinsam Lösungen zu finden.

Was möchten Sie Ihren Studierenden für die Zukunft vermitteln?

Mein grosses Ziel ist es, sie für den Beruf als Apothekerin und Apotheker zu begeistern. Wir möchten sie fachlich sehr gut auf die Zukunft vorbereiten und sie mit dem «Mindset» ins Berufsleben entlassen, interprofessionell zu arbeiten – unter Einbezug von Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen. Ich hoffe, dass wir das mit unserem Studiengang Pharmazie vermitteln können, und auch das Interesse an der Klinischen Pharmazie und der Spitalpharmazie wecken. Der Fachkräftemangel beschäftigt uns auch in der Pharmazie sehr. Deshalb ist es mir wichtig, unseren Studierenden zu zeigen, wie vielfältig, zukunftsfähig und spannend dieser Beruf ist.

Ein weiteres grosses Anliegen: wir haben sehr viele Frauen, die in der Pharmazie abschliessen. Wir sollten ihnen in Zukunft flexiblere Arbeitsmodelle bieten können, auch in der Akademie –  wie es mir selber mit dieser Stelle ermöglicht wurde, was man nicht häufig findet. Damit wir am Ende Apothekerinnen und Apotheker haben, die mit Begeisterung und Engagement im Beruf bleiben.

Über Carla Meyer-Massetti

Prof. Dr. phil. II Carla Meyer-Massetti ist Stiftungsprofessorin für Klinische Pharmazie der Universität Bern. Sie ist an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals im Team von Prof. Drahomir Aujesky und Prof. Manuel Haschke tätig und mit dem Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) assoziiert.

Über die Stiftungsprofessur für Klinische Pharmazie

Die Universität Bern konnte 2020 dank Unterstützung des Schweizerischen Apothekerverbands pharmaSuisse eine Stiftungsprofessur für Klinische Pharmazie errichten. Diese soll dazu beitragen, die Sicherheit der Arzneimitteltherapie bei Patientinnen und Patienten zu verbessern. Angesiedelt ist sie in der Abteilung Klinische Pharmakologie der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin am Inselspital, Universitätsspital Bern.

Vollstudium in Pharmazie

Dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Seit 2020 bietet die Universität Bern ein schweizweit einzigartiges, bifakuItäres Vollstudium in Pharmazie an. Der Studiengang betont die Pharmazie als Brücke zwischen Naturwissenschaften und Medizin und trägt dazu bei, den Mangel an Apothekerinnen und Apothekern in der Schweiz zu bekämpfen. Im Herbst 2022 schloss der erste Jahrgang das Pharmazie-Studium erfolgreich ab.

Über die Autorin

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.