03.12.2022 | Universität |

Freude und Sorgen am Dies academicus 2022

Nach zwei Pandemiejahren erstrahlte der Dies academicus wieder in gewohntem Licht: An der Stiftungsfeier der Universität Bern wurden sieben Ehrendoktortitel und fünf akademische Preise verliehen. Viel Applaus bekam die Ehrung der ersten Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss.

Von Manuel Steffen

Lange hatte die Universität Bern darauf gewartet: der 188. Dies academicus fand diesen Samstag wieder in persona statt. Nach einer digitalen Durchführung und einer kurzfristigen Absage in den beiden Vorjahren konnte die Stiftungsfeier 2022 wie zuvor im Casino Bern begangen werden. «Die Covid-Pandemie hat uns über zwei Jahre im Griff gehabt», resümierte Rektor Christian Leumann in seiner Eröffnungsrede, «doch das Virus hat seinen Schrecken verloren». Gleichwohl blieb das aktuelle Weltgeschehen nicht aussen vor – so ging die Berner Regierungspräsidentin Christine Häsler in ihrer Rede auf den Ausbruch des Krieges in der Ukraine, auf den Klimawandel und auf den Umstand ein, dass weltweit 500 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung haben.

Lichtblicke und Schattenseiten

Christian Leumann verortete den diesjährigen Dies academicus zwischen «Licht und Schatten». Zu den Lichtblicken zählte er die neuen Studienangebote der Universität, besonders den bifakultären Masterstudiengang in Pharmazie und den Master in Präzisionstechnik. «Freude bereitete auch die Tatsache, dass wir im renommierten THE-Ranking erstmals unter die hundert weltbesten Universitäten vordringen konnten», fuhr Leumann fort. Stolz zeigte sich der Rektor zudem auf die Ergebnisse der interfakultären Forschungskooperationen und auf die vielen strahlkräftigen Veranstaltungen – allen voran die ersten «Anna Tumarkin Lectures in Philosophy» und die vierte «Nacht der Forschung».

«Auf der Seite des Schattens» sah Leumann den Ausschluss der Schweiz aus dem Forschungsprogramm Horizon Europe: «Es sind wahrlich keine rosigen Aussichten», konstatierte der Rektor und gab zu bedenken, dass Forschungsgelder in der Folge reduziert werden könnten. Besorgt zeigte sich Leumann auch hinsichtlich der drohenden Energieknappheit und der Finanzierung der Universität durch den Kanton. Es gelte, ein strukturelles Defizit zu beheben und entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Angesichts der gegenwärtigen Krisen betonte der Rektor die Verantwortung der Wissenschaft: «Tragen wir ihr Sorge und handeln wir verantwortungsvoll. Nur so können wir das Vertrauen der Gesellschaft in unser Wirken aufrechterhalten.»

Forschungsfähigkeit unbedingt sicherstellen

«Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!». Mit diesem Zitat von Bertolt Brecht begann Regierungspräsidentin Christine Häsler ihre Rede. Auch angesichts der aktuellen Krisen, so Häsler, wage man oft nicht «über Bäume» zu sprechen. Doch die Angehörigen einer Schweizer Universität verfügten über das Privileg, nicht schweigen zu müssen und sich frei äussern zu können – nicht nur über Brechts Bäume, sondern auch über die Untaten.

Die Forschenden sollten dieses Privileg unbedingt wahrnehmen, betonte Häsler. Damit sie das auch könnten, müsse aber ihre Forschungsfähigkeit sichergestellt werden. «Unter Forschungsfähigkeit verstehe ich das Sicherstellen optimaler Rahmenbedingungen, damit die Forschenden ihr Potenzial ausschöpfen können», erläuterte die Bildungs- und Kulturdirektorin. Die Forschungsfähigkeit zu fördern sei unerlässlich, wenn die Universität Bern ihren Forschungsauftrag wahrnehmen wolle, so Häsler.

Dazu müssten die Plan- und Vereinbarkeit der akademischen Karriere, genügend Forschungsmittel und eine solide Infrastruktur gewährleistet werden. Die Regierungspräsidentin lobte alle bisherigen Bemühungen, sah aber wie bereits Christian Leumann Hindernisse nicht nur in der fehlenden Assoziierung mit Horizon Europe, sondern auch in den Priorisierungsentscheiden des Kantons hinsichtlich seiner Investitionen. Zuletzt dankte sie dem universitären Krisenmanagement und allen Mitarbeitenden – «besonders all den stillen Schafferinnen und Schaffern».

Innovation durch Bildung und Diversität

Dass der Dies academicus wieder in gewohnter Form stattfand, freute auch Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch. «Endlich darf ich meine Rede halten – beim dritten Anlauf», scherzte die langjährige Direktorin des SECO, und fügte hinzu, dass es ihr eine grosse Ehre und eine ganz besondere Freude sei, am Dies academicus ihrer Alma Mater die akademische Rede halten zu dürfen.

Ineichen-Fleisch reflektierte zunächst ihre eigene Studienzeit: «Wenn ich mir überlege, wo eigentlich der Ursprung meiner Leidenschaft für die Verhandlungstätigkeit lag, sehe ich einen kleinen Saal im Hauptgebäude der Universität.» Eine Vorlesung des Staatssekretärs Klaus Jacobi habe ihr Interesse geweckt, erzählte die Juristin, die später selbst Staatssekretärin werden sollte.

Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen hob sie schliesslich den Wert eines hohen Bildungsstandes hervor: «Eine hervorragende Ausbildung ist deshalb eine so wichtige Rahmenbedingung, weil sie eine Grundlage unserer Innovationsfähigkeit bildet.» Gerade die Schweiz, so die ehemalige SECO-Chefin, sei auf Innovation angewiesen, um «auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig und damit erfolgreich zu bleiben». Dabei werde es für eine ganzheitliche Sicht immer wichtiger, interdisziplinär zu denken und divers aufgestellt zu sein. Hier lobte Ineichen-Fleisch ‹ihre› Universität: Diese habe mit dem WTI, dem World Trade Institute, und seinem interdisziplinären MAS in International Law and Economics die Entwicklung sehr gut vorausgesehen.

«Qu’est-ce que c’est, le Mittelbau?»

Die letzte Ansprache hielt Emmanuel Büttler, Co-Präsident der Mittelbauvereinigung der Universität Bern (MVUB), welcher seine Rede auf Französisch begann – «Qu’est-ce que c’est, le Mittelbau?» – und auch beendete. «Gerade in einem zweisprachigen Kanton setzt sich die MVUB für einen gelebten und lebendigen Bilinguisme ein», erklärte der Philologe.

Büttlers Hauptanliegen war es aber zu erörtern, was der akademische Mittelbau eigentlich sei und leiste. «Diese Gruppe von Personen zwischen den Studierenden und den Professuren», betonte Büttler, «sorgt für einen Drittel der Forschungsproduktion und die Hälfte aller Drittmittel.» Zudem stemme sie einen Grossteil der Lehre. Daneben sei der Mittelbau «auch ein Ort des Austauschs und des Gesprächs». So habe die MVUB gemeinsam mit der Politik «zum Erfolg der Petition Academia beigetragen» – einer Initiative mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen von Nachwuchsforschenden zu verbessern. Ohne den Mittelbau, war Büttler sich sicher, «hätte die Universität ein anderes Gesicht».

Sieben Ehrendoktorate

Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde auch dieses Jahr mehreren Personen die Würde eines Doctor honoris causa zuteil. Die sieben Würdenträger und Würdenträgerinnen nahmen ihre Titel nach einer musikalischen Darbietung des Berner Medizinorchesters in Empfang. Unter ihnen war auch Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss: Die erste Schweizer Bundespräsidentin wurde von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät als zielstrebige, sachliche und unermüdliche Politikerin, die sich auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene für die Umsetzung einer gerechteren, sozialeren und friedlicheren Welt eingesetzt hat, ausgewählt und unter anderem wegen ihrer Beiträge zur Gleichstellung der Schweizer Frauen und zur Verwirklichung der Chancengleichheit ausgezeichnet.

Neben den Ehrendoktoraten wurden auch die akademischen Preise der Universität Bern verliehen. Fünf davon wurden persönlich übergeben, wobei der Dr. Lutz und Dr. Celia Zwillenberg-Preis diesmal ex aequo an drei Personen ging. Den mit 50’000 Franken dotierte Theodor-Kocher-Preis für die besten Nachwuchskräfte gewann Weltraumforscher PD Dr. Andreas Riedo (uniaktuell berichtete).

Der Dies academicus

Der Dies academicus erinnert an die Gründung der Universität Bern im Jahre 1834. Die Stiftungsfeier der Universität Bern findet jährlich am ersten Samstag im Dezember statt. Auf der Website zum Dies academicus finden Sie weitere Impressionen vom Anlass, Informationen zu allen Ehrendoktorinnen und Ehrendoktoren sowie Preisträgerinnen und Preisträgern.

Zum Autor

Manuel Steffen arbeitet als Hochschulpraktikant in der Abteilung Kommunikation und Marketing der Universität Bern.