25.04.2022 | Personen | Geist & Gesellschaft

Eine Plattform für herausragende Philosophinnen

Mit den Anna Tumarkin Lectures in Philosophy organisiert das Institut für Philosophie der Universität Bern die international erste Vorlesungsreihe, die ausschliesslich herausragende Philosophinnen präsentiert. Dieses Jahr stellt Amie L. Thomasson an drei Abenden ihre Forschung zur Metaphysik vor.

Von Georg Brun

Das Thema der ersten Ausgabe der Anna Tumarkin Lectures in Philosophy vom 2. bis 4. Mai 2022 sind die Ziele, Methoden und Ansprüche der Metaphysik, dem Teilgebiet der Philosophie, das nach den grundlegenden Strukturen der Welt und der Dinge fragt. Zum Beispiel: Gibt es Alltagsgegenstände wie Tische und Gläser wirklich? Oder nur das, was die Physik als letzte Konstituenten der Materie ermittelt? Was macht es aus, dass etwas eine Person ist? Könnte auch ein Computer eine Person sein?

Philosophische Fragen neu interpretieren

Natürlich gibt es Tische. Im Alltag bestreiten das Philosophinnen und Philosophen auch nicht. Geht man dagegen von der modernen Physik aus, scheint es aber genauso plausibel, dass es letztlich keine Tische, sondern nur subatomare Materieteilchen gibt, die irgendwie Tische ausmachen können. Das zeigt, so die Analyse der ersten Referentin der Anna Tumarkin Lectures, Amie L. Thomasson, zwei wichtige Punkte: Erstens sind metaphysische Fragen, richtig verstanden, «einfach» zu beantworten, das heisst, indem wir klären, was Begriffe wie Tisch oder Elektron bedeuten und dann durch empirische Forschung herausfinden, ob es Tische und Elektronen gibt. Dafür braucht es nichts weiter, als bekannte empirische Methoden: Alltagsverstand bei Tischen, Physik bei Elektronen. Wenn das so ist, müssen wir uns zweitens fragen, was das Anliegen derjenigen ist, die mit dieser Antwort unzufrieden sind und sich ernsthaft fragen, ob es Tische wirklich gibt. Sie denken offenbar, dass das letztlich nur mit besonderen, «metaphysischen» Methoden herausgefunden werden kann, nicht mit Alltagverstand oder empirischer Wissenschaft.

Thomassons zentrale These ist, dass wir metaphysische Debatten am besten verstehen, wenn wir sie neu interpretieren. Es geht nicht darum, was es über die «einfachen» Antworten hinaus wirklich gibt, sondern um die Frage, welche Begriffe wir verwenden sollten. Wer behauptet, «es gibt in der Realität gar keine Tische» oder «in Wirklichkeit gibt es keinen freien Willen», will darauf drängen, dass wir für bestimmte Zwecke die Begriffe Tisch und freier Wille nicht verwenden sollten. Tisch ist kein hilfreicher Begriff in der Physik und freier Wille kein hilfreicher Begriff, wenn wir bestimmen wollen, wer für was verantwortlich ist.

Eine Pointe von Thomassons Analyse ist, dass sie weit über die Metaphysik hinaus anwendbar ist: Wenn jemand darauf insistiert, dass Waterboarding in Wirklichkeit Folter ist, dann will diese Person vor allem darauf insistieren, dass wir den Begriff der Folter im Sinne der UNO-Konventionen verwenden sollten, und nicht so, wie es die amerikanische Regierung seit 9/11 propagiert. Auch die Aussage «philosophische Spitzenforschung gibt es auch von Frauen» dient nicht einfach dazu, eine triviale und nicht ernsthaft bestreitbare Tatsache zu betonen. Vielmehr geht es darum, darauf hinzuarbeiten, dass Philosophie nicht einfach stillschweigend als Tätigkeit verstanden wird, in der vor allem Männer brillieren.

Frauen in der Philosophie

Dass in der aktuellen philosophischen Forschung Frauen an der Spitze dabei sind, ist gar keine Frage. Es sollte also keinen Grund geben, weshalb weniger Frauen als Männer Philosophie studieren und eine Karriere in Philosophie verfolgen. Die Zahlen zeigen aber ein anderes Bild: Frauen sind unterrepräsentiert und erreichen übermässig oft das Karriereziel einer dauerhaften Stelle nicht. Diesbezüglich steht die Philosophie weit hinter den Geistes- und Sozialwissenschaften, vergleichbar mit den traditionell männerdominierten MINT-Fächern, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Die Gründe für diesen Zustand können nur empirische Forschungen zeigen. Die gibt es bisher, speziell für die Schweiz, erst in Ansätzen. Natürlich ist es plausibel, dass bekannte allgemeine Probleme des akademischen Betriebs wie unsichere Karriereaussichten und schwierige Betreuungssituationen auch in der Philosophie für Frauen Hürden darstellen. Wieso Philosophie für Frauen ein besonders unattraktives oder ungünstiges Umfeld ist, verstehen wir aber noch nicht genug. Unbestritten ist jedoch, dass sich das Philosophiestudium für Frauen als attraktiver präsentiert und sie sich eher in der Rolle der Philosophin sehen können, wenn es ausstrahlungskräftige weibliche Identifikationsfiguren gibt. Deshalb müssen Philosophinnen und ihre Arbeit gezielt sichtbarer gemacht werden. Dies ist letztlich für alle Studierenden motivierend und wirkt der stillschweigenden Annahme entgegen, dass Philosophie etwas für Männer ist.

International erstes Forum dieser Art

Die Anna Tumarkin Lectures sind international das erste Forum, das ausschliesslich philosophische Arbeit von Frauen auf Spitzenniveau präsentiert. Alle zwei Jahre stellt eine international anerkannte und durch herausragende Forschung ausgezeichnete Philosophin ihre Arbeit vor. Dabei wird die ganze Breite philosophischer Themen abgedeckt, speziell auch Gebiete, in denen die Arbeit von Frauen als besonders unterrepräsentiert wahrgenommen wird. Die Anna Tumarkin Lectures präsentieren nicht nur ältere Philosophinnen, die ein beeindruckendes Lebenswerk vorweisen können, sondern auch jüngere Philosophinnen, die bereits internationale Anerkennung erreicht haben. Die Anna Tumarkin Lectures werden von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt.

Benannt ist die Vorlesungsreihe nach der Philosophin Anna Tumarkin (1875-1951), einer Pionierin für Frauen in der universitären Welt. Sie hat als russisch-jüdische Immigrantin in Bern studiert und ist, nach einem Aufenthalt in Berlin und der Habilitation in Bern, 1909 ausserordentliche Professorin für Philosophie in Bern geworden. Somit hat sie als eine der ersten Frauen in Europa auf dem normalen Karriereweg eine reguläre Universitätsprofessur erlangt. Tumarkin steht dafür, dass Frauen in der Philosophie erstklassige Arbeit leisten, und es ist ihr gelungen, im männlich dominierten akademischen System ihrer Zeit eine führende Position zu erreichen.

https://www.unibe.ch/universitaet/portraet/wissenschaftlerinnen_der_uni_bern/anna_tumarkin

Medieneinladung zur Veranstaltung

Metaphysikerin Amie Thomasson hält erste Anna Tumarkin Lectures

Mit den Anna Tumarkin Lectures in Philosophy lanciert das Institut für Philosophie der Universität Bern eine Vorlesungsreihe, in der renommierte Philosophinnen ihre aktuelle Arbeit vorstellen. Bei der ersten Austragung vom 2. bis 4. Mai 2022 wird Amie Thomasson zum Thema «Rethinking Metaphysics» referieren.

Über Amie L. Thomasson

Amie L. Thomasson, geboren 1968, ist Daniel P. Stone Professor of Intellectual and Moral Philosophy am Dartmouth College in Hanover New Hampshire und wurde kürzlich in die Liste «The 50 Most Influential Living Philosophers» aufgenommen. Ihr aussergewöhnlich breites Forschungsprogramm bearbeitet, ausgehend von der Metaphysik, auch Probleme der Ästhetik, der Phänomenologie, der Theorie der Normen und der philosophischen Methodik. Unter ihren Publikationen sticht Ontology Made Easy (2015, Oxford University Press) hervor. Dieses Buch wurde 2017 von der American Philosophical Association mit dem Sanders Book Prize als bestes Buch der letzten fünf Jahre in theoretischer Philosophie ausgezeichnet. Thomasson wendet sich mit Texten und Interviews auch an eine breitere Öffentlichkeit (zum Beispiel im 3am magazine oder auf youtube).

Programm der Anna Tumarkin Lectures in Philosophy 2022

Rethinking Metaphysics

Montag, 2. Mai, 18.15–20.00 – Misdirections in Metaphysics 1: The Explanatory Conception of Metaphysics

Dienstag, 3. Mai, 18.15–20.00 – Misdirections in Metaphysics 2: The Truthmaker Conception of Metaphysics

Mittwoch, 4. Mai, 18.15–20.00 – Redirecting Metaphysics

Die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy finden im Hauptgebäude der Universität Bern, Raum 120, statt. Die Vorlesungen werden in englischer Sprache gehalten

Weitere Informationen: https://www.philosophie.unibe.ch/atl

Nach der ersten Lecture am 2. Mai findet ein Apéro statt, der von der Society for Women in Philosophy organisiert wird, die 2017 den Prix Lux, den Chancengleichheitspreis der Universität Bern, gewonnen hat.

Zum Autor

Prof. Dr. Georg Brun ist Professor für Philosophie und Initiator der Anna Tumarkin Lectures in Philosophy.

Kontakt:

Prof. Dr. Georg Brun, Universität Bern, Institut für Philosophie
E-Mail: Georg.Brun@philo.unibe.ch