31.08.2022 | Forschung | Umwelt & Materie

Das Wollige Honiggras, die Laubheuschrecke und der Klimawandel

Suz Everingham koordiniert von Bern aus ein weltweites Forschungsnetzwerk, das Bug Network. Die ungewöhnliche Geschichte einer jungen Biologin, die es vom Ozean in Australien an die Aare verschlagen hat.

Von Kaspar Meuli

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Interaktion von Pflanzen und Schädlingen aus? Antworten auf diese Frage sucht zurzeit ein Berner Forschungsprojekt mit Ablegern auf der ganzen Welt. Ausgeheckt haben es Eric Allan, Professor für Community Ecology an der Universität Bern und Anne Kempel von der Forschungsanstalt für Schnee- und Lawinenforschung WSL in Davos. Und dann stiess vor gut einem Jahr Suz Everingham zum BugNet, wie sich das wissenschaftliche Netzwerk nennt. Ihre Aufgabe: die Idee in die Tat umzusetzen.

Die australische Biologin hatte sich auf eine Ausschreibung für eine vom Oeschger-Zentrum finanzierte Postdoc-Stelle im Rahmen des BugNets gemeldet. Nicht zuletzt, weil sie die interdisziplinäre Forschungsumgebung am OCCR ansprach. Und sie verfügte genau über den richtigen fachlichen Hintergrund: Ihre Doktorarbeit an der University of New South Wales hat sie über «Reaktionen von Pflanzenmerkmalen auf den Klimawandel» geschrieben. Dabei hat sie unter anderem versucht, die bereits durch den Klimawandel verursachten Veränderungen zu quantifizieren.

Und noch etwas zeichnet den Werdegang von Suz Everingham aus, sie ist eine gewiefte Kommunikatorin mit regelmässiger Präsenz in den sozialen Medien. «Ich war immer sehr aktiv in der Wissenschaftskommunikation», sagt sie. «Ich betrachte die Vermittlung von Wissen als einen wichtigen Teil meiner Laufbahn.» Unter anderem ist sie bei einer Organisation mit Namen Skype a Scientist aktiv, über die sie Schulklassen auf der ganzen Welt Red und Antwort steht.

Und nun also, hat Suz Everingham seit einem Jahr ihre Zelte in Bern aufgeschlagen. Sie lebt zum ersten Mal im Ausland - und ganz einfach war der Start mitten in der Corona-Zeit nicht. Ganz abgesehen vom ungewohnten Klima und dem Heimweh nach dem Ozean. «Zum Glück gibt es in Bern zum Schwimmen die Aare», sagt sie schmunzelnd.

Aussergewöhnliche Verantwortung als Postdoc

Doch nicht nur der Lebensqualität wegen hat sich die Biologin mittlerweile in Bern eingelebt. Vor allem ist sie Feuer und Flamme für ihre Arbeit am Institut für Pflanzenwissenschaften. «Die Verantwortung, die man mir übertragen hat», erklärt sie, «ist schon ziemlich aussergewöhnlich für eine erste Postdoc-Stelle.» Suz Everingham koordiniert die Arbeit von rund 100 Mitarbeitenden des BugNets in 16 Ländern auf sechs Kontinenten. Sie haben sich auf Aufrufe in verschieden ökologischen Gesellschaften, wissenschaftlichen Netzwerken und Twitter Threads gemeldet.

Die Koordinatorin hält den Kontakt via Zoomtreffen, oder schaut auch schon mal persönlich bei der Feldarbeit vorbei wie kürzlich in Griechenland und Rumänien. Und sie wertet die Daten aus, die aus der ganzen Welt in Bern eintreffen. Zum Bespiel 25'000 Insektenproben, von denen zum Teil als erstes die Artzugehörigkeit bestimmt werden muss. Vor allem aber betreffen die Daten die Bestandsaufnahme von Pflanzen und Schädlingen – präziser Insekten, krankheitserregende Pilze und Weichtiere - von mittlerweile 69 Forschungsstandorten. Und sie dokumentieren die an den Pflanzen angerichteten Schäden. «Wir erhalten ausgezeichnetes Datenmaterial», betont Suz Everingham. Den ehrenamtlichen Mitarbeitenden des Netzwerks – vom Studenten bis zur arrivierten Professorin – winkt als Gegenleistung die Ko-Autorschaft bei den geplanten hochkarätigen Publikationen.

Damit die Daten überhaupt verglichen werden können, wurden zuerst detaillierte Protokolle ausgearbeitet, gemäss denen die Projektmitarbeitenden beim Erfassen des Pflanzen- und Schädlingsbestands vorgehen müssen. Darin ist zum Bespiel geregelt, wie genau es die zehn 1x1 m grossen Versuchsflächen auszuwählen gilt, oder wie sich mit Hilfe eines Laubbläsers Schädlinge einsammeln lassen - die Anleitung dazu gibt es auch als Youtube-Filmchen.

«Wir tauschen Zeit gegen Raum»

Und schliesslich betreibt Suz Everingham an einem Standort in Münchenbuchsee selbst Feldarbeit im Rahmen des BugNets. Die untersuchten Flächen sind typisch für Grasland im Schweizer Mittelland mit Arten wie der Aufrechten Trespe, dem Wolligen Honiggras oder der Acker-Witwenblume. Auf den untersuchten Flächen vor den Toren Berns wurden 1053 Insekten gefunden, darunter viele Spinnen, Laubheuschrecken, Käfer, Fliegen und Ameisen. Weitere Schweizer Versuchsstandorte finden sich im Jura und in Davos.

An den Schweizer Standorten zeigt sich die Strategie des ganzen Projekts: das BugNet bildet nicht nur unterschiedliche geographische Regionen ab, sondern auch unterschiedliche Höhenstufen und Vegetationstypen. Denn nur so lässt sich etwas über die Folgen des Klimawandels aussagen, ohne auf jahrzehntelange Beobachtungsreihen angewiesen zu sein. «Wir tauschen Zeit gegen Raum», erklärt Suz Everingham. Will heissen: Der Blick auf die Verhältnisse etwa in Südeuropa, zeigt, mit welchen Bedingungen Pflanzen und Schädlinge in einigen Jahrzehnten nördlich der Alpen konfrontiert sein werden. «So können wir vorhersagen, wie sich beispielsweise die Art, wie die Pflanzen angegriffen werden, mit dem Klimawandel verändert.»

Die vergleichende Studie will unter anderem herausfinden, wie wichtig die direkten Auswirkungen des Klimas im Vergleich zu den indirekten Auswirkungen sind, die sich bei den Veränderungen der Pflanzengemeinschaft zeigen. Zudem will das BugNet ergründen, wann Insekten, Pilze und Schnecken die stärksten Auswirkungen auf Pflanzengemeinschaften haben – sei es auf die Produktivität, die Zusammensetzung der Gemeinschaft und die Vielfalt. Und schliesslich wollen die Forschenden auch wissen, ob sich die Schädlinge in ihren Auswirkungen auf Pflanzengemeinschaften unterscheiden. Die ersten Resultate sollen 2023 publiziert werden.

Weit weniger klar geplant ist die persönliche Zukunft von Suz Everingham. Ihre Postdoc-Stelle in Bern ist auf drei Jahre befristet. Gerne möchte sie auch danach in der Forschung verbleiben. «Mir gefällt die Freiheit in der akademischen Welt, Fragen stellen zu können», sagt sie. «Doch wo dies in Zukunft möglich sein wird, weiss ich noch nicht.» Suz Everingham steht erst am Anfang ihrer spannende Reise in die weite Welt der Wissenschaft.

Über das OESCHGER-ZENTRUM FÜR KLIMAFORSCHUNG

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es bringt Forscherinnen und Forscher aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen. Das OCCR forscht interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften. Das Oeschger-Zentrum wurde 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war.

Über den Autor

Kaspar Meuli ist Journalist und PR-Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.