03.09.2021 | Forschung | Staat & Wirtschaft

Vater des modernen Arbeitsrechts und Frauenrechtler

Der Rechtsprofessor Philipp Lotmar (1850-1922) hat das moderne Arbeitsrecht begründet und ist schon früh für Gleichberechtigung eingetreten. Jetzt erhält er dank Iole Fargnoli vom Romanistischen Institut eine Anerkennung, wie sie ihm sein Leben lang kaum zuteilwurde.

Interview: Isabelle Aeschlimann

Frau Fargnoli, wer war Philipp Lotmar?

Philipp Lotmar war Professor für Römisches Recht an der Universität Bern. Geboren und ausgebildet in Deutschland, wurde er 1888 an die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Bern berufen, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1922 gelesen hat. Lotmar hat zwar Römisches Recht gelehrt, bekannt ist er aber aus einem anderen Grund: Aufgrund seiner Sensibilität für das soziale Leben und für die Gleichberechtigung beschäftigte er sich mit dem Arbeitsverhältnis. Er hat sich interdisziplinär weiterentwickelt und hat mit seinem Wissen aus dem Römischen Recht mitgewirkt, ein neues Fach zu schaffen: das moderne Arbeitsrecht.

Inwiefern formte er das Arbeitsrecht?

Bereits im 19. Jahrhundert publizierte er Aufsätze zum Arbeitsrecht. 1902 und 1908 veröffentlichte er den ersten und zweiten Teil seiner Dogmatik des Arbeitsrechts. Damals war das Arbeitsrecht rudimentär und machte nur einen kleinen Teil des Privatrechts aus. Bevor sich Lotmar etwa mit dem Arbeitsvertrag beschäftigte, wurde die menschliche Leistung juristisch als die Hingabe zu einer Sache verstanden. Nach Lotmar war diese Leistung nicht mehr vom Leistenden unabhängig. Somit wurden den Arbeitnehmenden zum ersten Mal Rechte als Menschen zugeschrieben, was zur Verbesserung des menschlichen Seins beitrug. Dank Lotmar wurde das Arbeitsvertragsrecht 1912 auch zugunsten der Arbeitnehmenden ausgebaut. Dies hatte einen wichtigen Einfluss auf die Praxis und das heutige Arbeitsrecht.

Warum wird Philipp Lotmar erst jetzt mit einer Gedenktafel geehrt?

Die Idee zur Gedenktafel ist in Zusammenhang mit einer posthumen Publikation eines seiner Werke zum römischen Recht aufgekommen, die ich 2019 veröffentlicht habe. Die Tafel befindet sich am einstigen Wohnort von Lotmar im Berner Kirchenfeld-Quartier. Die Gedenktafel soll an sein Werk und seine Lehre an der Universität Bern erinnern. Das wurde bisher vernachlässigt, da viele seiner Ideen seiner Zeit etwas voraus waren. Trotz einer erstklassigen Ausbildung musste er zum Beispiel 10 Jahre auf eine Berufung warten und dafür in die Schweiz übersiedeln. Der Grund dafür ist umstritten: Er war Jude, was in dieser Zeit eine akademische Karriere sicher erschwert hat – obwohl er grundsätzlich ein Freidenker war. Zudem war er bekennender Sozialdemokrat, was auch umstritten war. Zudem stand Lotmar immer in Eugen Hubers Schatten. Huber, der an der gleichen Fakultät lehrte, war der Schöpfer des Schweizerischen Zivilgesetzbuches ZGB. Die Gedenktafel ist also wichtig als Anerkennung von Philipp Lotmar und seines Beitrags nicht nur zur Universität Bern, sondern auch zur Wissenschaft und Gesellschaft.

Welche Bedeutung hatte Lotmar für die Stadt Bern?

In Bern hatte Lotmar beispielsweise Kontakt zum Maler Paul Klee – ein Schulfreund seines Sohnes Fritz. Paul Klee war von der Persönlichkeit Philipp Lotmars beeindruckt, der ihn etwa anregte, Oscar Wilde zu lesen. Als Erinnerung an die gemeinsame Kindheit verewigte der Künstler Fritz Lotmar in einem Aquarell. Lotmars Spuren sind aber auch in der Stadt sichtbar: Seine Familie erzählte, dass er den Schriftzug «Curia Confoederationis Helveticae» auf der Vorderseite des Bundeshauses inspiriert hat. Der Architekt des Bundeshauses, Hans Wilhelm Auer, war ebenfalls Professor an der Universität Bern. Sehr wahrscheinlich bestand ein enges Verhältnis zwischen den beiden, mit der Folge, dass die Wörter deshalb dort stehen. Gemäss seinen Briefen hat Lotmar sich der Gesinnung in der Schweiz auch näher gefühlt als in Deutschland. Er nahm etwa als einziger Universitätsprofessor an den Umzügen zum 1. Mai teil. Für damalige Verhältnisse war dies ein Skandal für einen Professor der rechtswissenschaftlichen Fakultät.

Soziale Anliegen wie Gleichberechtigung waren ihm also wichtig. Inwiefern hat sich Lotmar für die Gleichstellung von Frau und Mann eingesetzt?

Noch bevor er seinen ersten Band zum Arbeitsvertrag verfasst hat, hielt Philipp Lotmar 1897 eine Rede als Rektor der Universität Bern zur «Freiheit der Berufswahl». Darin betonte er, wie wichtig es sei, seinen Beruf frei auszuwählen zu können. Damals sprach man von einem «natürlichen Beruf» der Frau – Hausfrau oder Mutter. Lotmar betonte aber, dass jeder andere Beruf der Natur einer Frau nicht widersprechen müsse. Er war überzeugt, dass Frauen aufgrund ihres Menschseins die gleichen Rechte zustehen. Aus einer solchen Machtposition als Rektor einer Hochschule heraus und zu dieser Zeit, also noch im 19. Jahrhundert, waren diese Ansichten wirklich revolutionär. Übrigens: Während Lotmar Rektor war, habilitierte mit Anna Tumarkin die erste Frau an der Universität Bern.

Welche Folgen hatte diese fortschrittliche Position?

Für seine Haltung zur Gerechtigkeit und Gleichstellung stand Lotmar stark in die Kritik. Als er 1892 einen Vortrag zu Gerechtigkeit hielt, in dem er die Gerechtigkeit als Quelle der Ethik anerkannte, hingen zeitgleich etwa Plakate in der Stadt Bern, die seiner Meinung widersprachen – es gab grosse Polemik auf der Strasse. Seine Ideen wurden damals kritisiert und überhaupt nicht unterstützt – heute ist dies undenkbar.

Über Iole Fargnoli

Iole Fargnoli ist seit 2011 ordentlichen Professorin für Römisches Recht an der Universität Bern sowie Direktorin des Romanistischen Instituts. Die Forschungsschwerpunkte von Iole Fargnoli sind das römische Recht sowie die Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. Zu Philipp Lotmar forscht sie seit Jahren und hat diverse Publikationen herausgegeben: 2019 publizierte sie das von Lotmar nie veröffentlichte Werk «Das Römische Recht des Errors» im Rahmen eines Projektes, das vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurde.

Über die Autorin

Isabelle Aeschlimann ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.