23.04.2021 | Universität |

Tests als zusätzliche Möglichkeit für mehr Sicherheit

Daniel Candinas, Vizerektor Forschung und Mitglied des Corona-Krisenstabs, konnte bei der Erarbeitung der Teststrategie der Universität Bern die Erfahrungen aus seiner klinischen Umgebung einfliessen lassen. Dort werden seit Beginn der Pandemie die Mitarbeitenden regelmässig getestet.

Interview: Nicola v. Greyerz

Herr Candinas, Sie haben an Ihrer Klinik früh mit dem Testen des medizinischen Personals begonnen und begleiten diese Tests mit einer Studie. Was ist das Ziel dieser Studie?

Es ist wenig bekannt, welche Strategien in Krankenhäusern am besten geeignet sind, um das Gesundheitspersonal zu schützen. Die Studie zielt darauf ab herauszufinden, welche organisatorischen Massnahmen wirksam zum Schutz beigetragen können. An der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin behandeln wir viele vulnerable Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen oder Immunsuppressionen, zum Beispiel nach Organtransplantationen. Zum Schutz dieser Personen haben wir im März 2020 im Rahmen eines SNF-Projektes mit einem intensiven, zweimal die Woche stattfindenden Testen der Mitarbeitenden begonnen. Diese führen wir bis heute durch.

Wir haben bisher rund 10'000 Tests durchgeführt und konnten so vor allem vor und während der ersten Welle in relevantem Ausmass asymptomatische, meist jüngere Mitarbeitende als SARS-CoV-2 Infizierte identifizieren. In «ruhigeren Zeiten» betrug die Positivitätsrate während vieler Wochen null. Auf dem Peak Mitte November wurden hingegen in nur einer Woche zehn Personen positiv getestet. Insgesamt betrug die Positivitätsrate über das vergangene Jahr 0.4%, was in Anbetracht der tiefen Vortestwahrscheinlichkeit nicht erstaunt.

Sie sprechen von Vortestwahrscheinlichkeit – was ist darunter zu verstehen?

Die Vortestwahrscheinlichkeit sagt uns, mit welcher Wahrscheinlichkeit Erkrankungen vorliegen könnten, bevor ein Test durchgeführt wird. Ist die Vortestwahrscheinlichkeit sehr niedrig, sucht man nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Sie ist kein präzises Instrument, sondern muss aufgrund der Umstände anhand von Kriterien festgelegt werden. Bei grösserer Vortestwahrscheinlichkeit wird man bei gegebener Sensitivität eines Tests eher fündig.

Im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 Tests ist viel von der Sensitivität, der Empfindlichkeit der Tests, die Rede. Warum?

Die Sensitivität gibt den Prozentsatz an, bei welchem infizierte Personen durch die Anwendung eines Tests tatsächlich erkannt werden. Je sensitiver ein Test ist, desto sicherer erfasst er also infizierte Personen. Eine hohe Sensitivität braucht es vor allem dort, wo man mittels eines Screening-Verfahrens sicherstellen will, dass man keine infizierte Person verpasst. Im Falle der gängigen PCR-Tests für SARS-CoV-2 beträgt die Sensitivität bis zu 98%, was ein sehr hoher Wert ist.

Im Gegensatz dazu bezeichnet die Spezifität die Wahrscheinlichkeit, dass Gesunde, die nicht mit dem Virus infiziert sind, im Test auch tatsächlich als gesund – oder eben negativ – erkannt werden. Bei einem Suchtest, der zum Ziel hat, möglichst alle Personen zu erkennen, die von einer bestimmten Erkrankung betroffen sind, nimmt man eine etwas tiefere Spezifität in Kauf, solange die Sensitivität möglichst gross ist.

Ist eigentlich das vorsorgliche Testen von gesunden oder asymptomatischen Personen sinnvoll oder vermittelt es eher trügerische Sicherheiten?

Weil SARS-CoV-2 leicht im sozialen Kontakt übertragen werden kann und die Symptome in sehr unterschiedlichem Masse auftreten, ist das Testen ein wesentlicher Bestandteil der Pandemiebekämpfung. Testen ist in diesem Sinne kein Freibrief für das Individuum, sondern ein Bestandteil eines epidemiologischen Konzeptes zur Pandemiekontrolle und Voraussetzung für das Aufspüren und Unterbrechen von Ansteckungsketten. Das Testen ersetzt in keiner Art und Weise die üblichen Schutzmassnahmen. Man kann auch nicht von «Testen» als allgemeinen Begriff sprechen, sondern muss sich sehr differenziert über die individuelle Zielsetzung Gedanken machen. Wichtig ist, dass in allen Situationen auf hohe Qualität, methodisch korrekte und angemessene Verfahren und epidemiologisch sinnvolle Indikationsstellungen geachtet wird.

Die Universität sieht die Verwendung von Speichel-PCR-Tests als eine zusätzliche Möglichkeit, um die Sicherheit von Studierenden und Dozierenden bei Veranstaltungen, die aufgrund der bundesrätlichen Massnahmen mit Präsenz stattfinden dürfen, zu erhöhen. Sie sind aber keine Massnahme, um mehr Präsenzveranstaltungen anzubieten. Das wäre im Moment auch nicht erlaubt.

Wie sieht die aktuelle Teststrategie der Universität Bern aus?

Im Wesentlichen besteht unsere Teststrategie aus 3 Stufen: Stufe 1 umfasst das niederschwellige individuelle Testen: Universitätsangehörige können sich ohne Kostenfolgen sehr niederschwellig im COVID-Track des Inselspitals testen lassen.

Stufe 2 umfasst repetitives Testen bei regelmässig stattfindenden Veranstaltungen auf freiwilliger Basis. Diese Stufe kommt in Betracht, wenn Veranstaltungen zwingend vor Ort stattfinden müssen wie zum Beispiel bei Praktika, Kursen, Laborarbeiten. Als Verfahren bevorzugen wir PCR-Tests.

Stufe 3 umfasst das Testen bei mehrtägigen Exkursionen und Anlässen vor Ort, die nicht durch eine alternative Veranstaltungsform ersetzt werden können. Diese Teststufe ist obligatorisch sowohl für die Organisationseinheit als auch für die Teilnehmenden. Als Verfahren bevorzugen wir PCR-Tests.

Wird es möglich sein, durch die Testung der Studierenden die Prüfungen im Sommer vor Ort durchführen zu können?

Der Krisenstab der Universität hat die Möglichkeit überprüft, dass in bestimmten Situationen Testverfahren in Kombination mit anderen Massnahmen zum Einsatz kommen könnten, damit mehr Prüfungen mit Präsenz durchgeführt werden. Dafür wurden logistische «Orchesterproben» gemacht, um das ganze Spektrum an sinnvollen Massnahmen auch in quantitativer Hinsicht zur Verfügung zu haben. Der Krisenstab hat für jeden Fall eine Risiko-Nutzen-Abwägung vorgenommen, ob der Aufwand einer Speichel-PCR-Testung gerechtfertigt ist.

Aufgrund der aktuellen pandemischen Entwicklung ist aber davon auszugehen, dass die Prüfungen im Frühjahrssemester 2021 in einer ähnlichen Modalität wie im Herbst 2020 und Frühjahr 2020 stattfinden werden müssen: das heisst in der Regel mit online-Modalitäten; nur eine begrenzte Anzahl Prüfungen, die von der Universitätsleitung in Zusammenarbeit mit den Fakultäten identifiziert wird, darf mit Präsenz stattfinden.

Zur Person

Daniel Candinas ist seit 2002 Ordinarius für Chirurgie mit Schwerpunkt Viszeral- und Transplantationschirurgie (Chirurgie der Bauchorgane und der inneren Drüsen), Direktor der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital Bern und seit 2016 Vizerektor Forschung. Bis zu seinem Ruf nach Bern arbeitete er in Grossbritannien und an der Harvard Medical School in Boston (USA). Nebenamtlich engagiert sich Candinas in mehreren Vereinigungen und Stiftungen, so zum Beispiel als Vizepräsident der Stiftung Swisstransplant.

SNF Projekt

SNF Studie: Wie kann das Gesundheitspersonal während eines Epidemieausbruchs geschützt werden? Modellierung einer Desynchronisationsstrategie aus der COVID-19-Pandemie Im Rahmen dieses Projekts wird die Auswirkung des COVID-19-Ausbruchs auf die Belegschaft eines grossen Universitätsspitals analysiert, um zu verstehen, wie Mitarbeitende im Gesundheitswesen optimal geschützt werden können. Angesichts der Tatsache, dass aus dem Universitätsspital Daten für viele Berufe ausserhalb des Gesundheitswesens verfügbar sind, können die Ergebnisse zum Teil auch ausserhalb des Spitals von Relevanz sein. PI Projektleiter der Studie ist Prof. Guido Beldi, Extraordinarius für Viszeralchirurgie an der Universität Bern.

Zur Autorin

Nicola von Greyerz arbeitet als Eventmanagerin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.