09.03.2021 | Universität | Geist & Gesellschaft

Seelsorge als Basisgrammatik aller Religionen und Weltanschauungen

Fortschrittliche Seelsorge: Das Aus- und Weiterbildungsprogramm in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie AWS ist neu ökumenisch aufgestellt, offen für Geistliche nicht-christlicher Religionen und hat «Spiritual Care» in seinen Titel aufgenommen. Warum, erklärt AWS-Präsidentin Isabelle Noth.

Interview: Nina Jacobshagen

Isabelle Noth, Sie haben Ihr Aus- und Weiterbildungsprogramm so ausgebaut, dass es nun europaweit einmalig ist und eines der grössten seiner Art. Ist die Nachfrage nach dem Erwerb seelsorgerischer Qualifikationen gestiegen?

Tatsächlich ist das Bewusstsein deutlich gewachsen, dass ein abgeschlossenes Theologiestudium nicht hinreichend dazu befähigt, in komplexen Institutionen wie Spitälern oder Gefängnissen eine reflektierte Seelsorge zu erbringen. Da braucht es schon noch einiges mehr. Mit der Spezialseelsorge ist es wie mit der Psychotherapie: Wer für eine so anspruchsvolle Tätigkeit qualifiziert sein will, benötigt nach dem Studium noch eine mehrjährige Zusatzausbildung. Es sind zum Teil sehr verletzte Menschen, die den Seelsorgenden grosses Vertrauen entgegenbringen. Sie haben zu Recht den Anspruch, dass sich diese ihres Vertrauens als würdig erweisen und sorgfältig damit umzugehen wissen. Dabei sind Seelsorgende stets in bestimmte Systeme wie Gemeinden und öffentliche Institutionen eingebunden. Die interprofessionelle Zusammenarbeit erfordert neben methodisch-theoretischen Kenntnissen reflexive Prozesse und persönliche Entwicklungen, die Zeit und Begleitung benötigen.

Welche Weiterbildungsangebote werden in letzter Zeit am stärksten nachgefragt?

Der Bedarf nach einer qualifizierten Ausbildung, die den jeweils aktuellen Forschungsstand berücksichtigt, betrifft zur Zeit ganz besonders die Spital- und Klinikseelsorge und die Altersseelsorge in Heimen und Gemeinden. Themen, um die nicht erst seit der Pandemie gesellschaftlich gerungen wird – diskriminierende Altersbilder, menschliche Würde, Sterbebegleitung, Multireligiosität und weltanschaulicher Pluralismus – haben auf diese Arbeitsfelder konkrete Auswirkungen und fordern Seelsorgende stark heraus. Deshalb haben wir intensiv an der religions- und pastoralpsychologischen Fundierung des Programms gearbeitet.

Lässt sich an der gestiegenen Nachfrage ein gesellschaftlicher Trend ablesen?

Der Haupttrend, den wir auch neu in unsere Namensgebung aufgenommen haben, betrifft das breite Interesse an Spiritualität. Eine Vielzahl an empirischen Studien hat gezeigt, welch grosse Bedeutung sie für die Bearbeitung und Bewältigung kritischer Lebensereignisse hat und welch wertvolle Ressource sie für viele Menschen sein kann. Um sichtbar zu machen, dass wir die entsprechenden Forschungserkenntnisse aufnehmen, kritisch reflektieren und weitervermitteln, nennen wir uns neu «Aus- und Weiterbildung in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie». Uns ist jedoch wichtig, auch die dahinter stehende latente Unzufriedenheit mit einem technokratischen Menschenbild, das unser Gesundheitswesen noch stark prägt, und auch die verbreitete Skepsis gegenüber dem ökonomischen Diktat, dem Spitäler unterworfen sind, zu thematisieren. Es darf nicht sein, dass Seelsorge dazu benutzt wird, einem revisionsbedürftigen System einfach nur ein spirituelles Mäntelchen überzuwerfen. Die Aufgabe der Seelsorge ist es vielmehr, neue Perspektiven von Gottes Menschenfreundlichkeit einzubringen, die zutiefst biblisch verankert sind und nach grundlegenden Veränderungen rufen.

Ist auch die Inanspruchnahme von seelsorgerischer Begleitung gestiegen?

Menschen – insbesondere in Krisen – wollen und brauchen mitmenschliche Zuwendung. Sie wollen auch vertrauen können. Das Bedürfnis sich mitzuteilen und gehört zu werden ist riesig. Einsamkeit ist ein grassierendes gesellschaftliches Problem. Nun ist gerade Seelsorge häufig aufsuchende Seelsorge. Sie geht zu den Menschen hin. Sie besucht sie, spricht sie an, fragt nach. Dabei stellt sie weder Diagnosen noch hat sie einen Behandlungsauftrag oder rechnet mit Krankenkassen ab. Sie ist ausnahmslos für alle da.

Es ist spannend zu sehen, wie viele ihr Heil in der Spiritualität suchen in der Annahme, damit religiös-kirchlich ungebunden zu sein. Dabei übersehen sie, dass gerade dieses Wort christlichen Ursprungs und zutiefst kirchlich geprägt ist. Seelsorge wiederum bezieht sich auf ein ganzheitliches Menschenbild, nämlich auf jenes der Hebräischen Bibel, der die dualistische Vorstellung einer vom Leib getrennten Seele unbekannt ist. Der Mensch ist im hebräischen Verständnis eine «psychosomatische Einheit» nach Martin Rösel. So kann Seele hier auch zum Ausdruck des Lebens selbst werden. Seelsorge ist demnach existentielle, den ganzen Menschen mit all seinen Bedürfnissen umfassende Sorge.

Was sind die wichtigsten Neuerungen in Ihrem Aus- und Weiterbildungsprogramm?

Die beiden wichtigsten Neuerungen sind die verstärkte ökumenische Zusammenarbeit und die Öffnung der Studiengänge für nicht-christliche Geistliche und Führungspersonen sur dossier. Mit der Anfrage von römisch-katholischer Seite, in alle Studiengänge unseres Weiterbildungsprogramms einsteigen zu wollen, eröffnete sich die Chance, eine zwar gemeinsame, aber doch konfessionelle Eigenheiten berücksichtigende Seelsorgeaus- und -weiterbildung in der Schweiz zu entwickeln. Das wirklich Gute dabei ist, dass nun Seelsorgende unterschiedlicher konfessioneller Herkunft miteinander und voneinander lernen können.

Diese Haltung des respektvollen Miteinanders hatte auch Auswirkungen auf die Diskussion, wie mit Anfragen von Seiten nichtchristlicher Seelsorgender umzugehen ist. Da wir in der Schweiz beispielsweise kein islamisches Theologiestudium haben, gleichzeitig jedoch Musliminnen und Muslime in manchen Situationen von Angehörigen der eigenen Religion seelsorglich begleitet werden wollen, fanden wir es mehr als richtig, unsere Türen weit zu öffnen und unser seelsorgetheoretisches und -praktisches Wissen zu teilen, wenn dies gewünscht wird. Als Seelsorgefachpersonen ist es uns ein Anliegen, samt und sonders allen Menschen den Zugang zu einer qualifizierten Seelsorge zu ermöglichen. In einer religiös und kulturell vielfältigen Gesellschaft zeigt sich, dass das Bedürfnis nach einer Begleitung von einer der eigenen Religion zugehörigen Person wichtig sein kann. Von daher ist es unsere Aufgabe, alles uns Mögliche zu tun, um an der Seelsorge Interessierte anderer Religionen zu unterstützen.

Aus welchen Religionen stammen die nicht-christlichen Geistlichen, die bereits in die AWS aufgenommen wurden?

Hauptsächlich aus dem Islam, aber auch aus dem Hinduismus und dem Judentum. Es handelt sich um Personen, die schon in Institutionen seelsorglich tätig sind, aber noch keine explizite Spezialseelsorge-Ausbildung absolviert haben. Einige haben unseren Zertifikatsstudiengang Religious Care in Migration Contexts abgeschlossen: Er richtete sich an Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften, die mit religiösen Begleitungsaufgaben betraut sind, und ermöglichte ihnen den Zugang. Wir begleiten also einige schon länger. Andere nicht-christliche Geistliche werden von ihren Institutionen aufgefordert und unterstützt, um sich bei uns seriös ausbilden zu lassen.

Welche Erfahrungen machen Sie und die Teilnehmenden in den Studiengängen mit dieser neuen Diversität?

Bis jetzt ausnehmend gute. Womit wir zuvor kaum gerechnet hatten, ist der Humor der verschiedenen Geistlichen. Es ist zum Teil schlichtweg köstlich, wie diese einander bei allem Respekt und Wohlwollen auf den Arm nehmen können. Aber auch wie heftig sie über Interpretationen heiliger Texte disputieren können. Dieses theologische Feuer lodert im Christentum in unseren Breitengraden kaum mehr so stark.

Was eint die Teilnehmenden am ehesten und worin unterscheiden sie sich am stärksten?

Was uns alle eint, ist die Einsicht, dass es für Seelsorgende welcher religiösen Herkunft auch immer ein Gewinn ist, wenn sie sich schon in der Aus- und Weiterbildung kennenlernen und nicht erst im Arbeitsleben. Diese gemeinsame Zeit und Sozialisation schafft tiefe Verbindungen und prägt. Das ist eine enorm wichtige Lebensphase und hilfreiche Quelle gegenseitigen Verstehens und Vertrauens. Zudem eint uns der Glaube, dass unsere religiös-spirituell teilweise arg unkundige Gesellschaft die Perspektiven von Seelsorgenden mehr denn je braucht. Es heisst, Seelsorge sei die Muttersprache der Kirche. Vielleicht – so meine Hoffnung – wird sie zur Basisgrammatik aller Religionen und Weltanschauungen. Bei mir arbeitet sogar ein Doktorand am Thema Philosophische Seelsorge.

Aus- und Weiterbildungsprogramm in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie

Das Aus- und Weiterbildungsprogramm AWS qualifiziert zu einer reflektierten und professionellen Seelsorgetätigkeit in unterschiedlichen Settings. Es besteht seit 2008 und umfasst inzwischen sechs verschiedene Spezialisierungen: Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug, Altersseelsorge in Heimen und Gemeinden, Spital- und Klinikseelsorge, Clinical Pastoral Training, Lösungsorientierte Seelsorge und Systemische Seelsorgeausbildung. Es ermöglicht bei allen eigenständige CAS-Abschlüsse und durch die modulare Zusammensetzung auch ein DAS sowie ein MAS in Spezialseelsorge.

Zur Person

Prof. Dr. Isabelle Noth ist Co-Direktorin des Instituts für Praktische Theologie, Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik und hat das AWS-Präsidium inne.

Kontakt: 

Prof. Dr. Isabelle Noth
Institut für Praktische Theologie, Universität Bern
Email: isabelle.noth@theol.unibe.ch
Tel.: +41 31 631 49 10 / +41 76 675 10 50

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.