02.12.2021 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Radikal interdisziplinär und konsequent visionär

Die Junge Akademie Schweiz debattiert am 10. Dezember über die Zukunft der Menschenrechte. Sie thematisiert Digitalisierung, Gesundheit, Kunst und Klimawandel. Dabei wird sie sich weder an die Grenzen von Disziplinen noch an die Vorgabe wissenschaftlicher Diskursformate halten.

Von Stefan Schlegel

Während der Pandemie hat – etwas unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit – eine neue Akteurin die akademische Bühne der Schweiz betreten: die Junge Akademie Schweiz. Diese Plattform der Akademien der Wissenschaften Schweiz bringt bemerkenswerte Nachwuchsforschende aus allen Disziplinen und allen beruflichen Situationen zusammen und soll eine junge Stimme der Wissenschaft in der Schweiz werden – gegenüber der breiten Öffentlichkeit, aber auch gegenüber den Institutionen, die Wissenschaft betreiben. Vor allem aber soll die Junge Akademie Schweiz die interdisziplinäre Vernetzung und die interdisziplinäre Forschung hierzulande auf ein neues Niveau heben. Bisher war das für die Junge Akademie – pandemiebedingt – nicht einfach. 

Am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, findet eine erste grosse Veranstaltung der Jungen Akademie statt. Radikal interdisziplinär und konsequent visionär fragen die Veranstaltenden – ein kleines Team aus jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Disziplinen, geleitet von der Juristin Aimée Zermatten und dem Musikwissenschaftler Luis Velasco-Pufleau – nach der Zukunft der Menschenrechte. Unterstützt werden sie dabei vom Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern, das ebenfalls transdisziplinär über Probleme reflektiert, die uns alle angehen, und von der NGO Free Muse, die sich für die Freiheit der Kunst weltweit einsetzt.

Wenn Technologie alle Gewissheit ins Rutschen bringt

Ein Beispiel für die Interdisziplinarität und die Radikalität der Fragestellungen, denen die Konferenz nachgeht, ist das erste Panel, in dem es um Digitalisierung und Menschenrechte geht. Es fragt danach, was mit den Menschenrechten passiert, wenn Digitalisierung die beiden zentralen Konzepte, auf denen Menschenrechte basieren, in Frage zu stellen beginnt: den Menschen und den Staat.

Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass Menschen und Staaten unter der Bedingung von Digitalisierung in ihrer heutigen Form weiterbestehen und einfach in digital das tun, was sie zuvor analog getan haben. Aber was, wenn Digitalisierung nicht nur die technische Abwicklung des Zusammenlebens verändert, sondern auch die Art des Zusammenlebens? Und was, wenn sie sogar das Leben selbst grundlegend verändert – jedenfalls für jene, die es sich leisten können? Dazu diskutiert die Junge Akademie mit der Ärztin und Professorin für Recht und Digitalisierung Kerstin Noëlle Vokinger, mit dem EPFL-Bioethiker Ienca Marcello und mit dem Autor, Journalisten und Medienaktivisten Hannes Grassegger. 

Einem besonders schwierigen ethischen und technischen Thema, das auch viel mit Digitalisierung zu tun hat, ist das zweite Panel gewidmet: das Thema Gesundheitsdaten und Ungleichheit. Dazu diskutieren Célia Mignan, Pharmazeutin und Aktivistin bei Bla*Sh, Prof. Bernice Elger, Bioethikerin an der Universität Basel, Prof. Terje Andreas Eikemo, Forschungsleiter eines grossangelegten Forschungsprogramms zu Ungleichheit im Zugang zu Gesundheitsversorgung an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) sowie Serge Houmard, Co-Leiter des Programms «Gesundheitliche Chancengleichheit» beim Bundesamt für Gesundheit. 

Kreativ für die Menschenrechte der Kreativen

Das Facettenreichtum des Themas Menschenrechte wird deutlich im dritten Panel des Tages, in dem die Menschenrechtssituation von Kunstschaffenden rund um die Welt im Zentrum steht. Moderiert von Prof. Britta Seewers, der Direktorin des Institutes für Musikwissenschaft der Universität Bern, bringt das Podium Musikerinnen, Aktivisten und Forschende zusammen. Es sprechen die mexikanisch-britische Komponistin Hilda Paredes, Jasmina Lazović von Free Muse, Anki Sjöberg von Fight for Humanity, einer Organisation, die sich besonders für Menschenrechte im Kontext von bewaffneten Konflikten einsetzt, und der Musikwissenschaftler Luis Velasco-Pufleau, der sowohl der Universität Bern als auch der Jungen Akademie Schweiz angehört.

Einen ganz anderen Ansatz, sich mit Herausforderungen für die Menschenrechte auseinanderzusetzen, wurde für das vierte Thema des Tages gewählt, das eine der grössten Herausforderungen für die Menschenrechte darstellt – der Klimawandel. Statt mit einem Panel wird diese Herausforderung in Form eines Designwettbewerbs erörtert, an dem im Laufe des Jahres professionelle Kunstschaffende und Laien aus der ganzen Schweiz teilgenommen haben. Das Resultat dieses Wettbewerbs ist eine kleine Ausstellung, die am 10. Dezember zu besichtigen sein wird. Eine interdisziplinäre Jury hat die Eingänge unter wissenschaftlichen, kommunikativen sowie künstlerischen Kriterien gewürdigt und wird am 10. Dezember die bemerkenswertesten Beiträge prämieren. 

Auch der Abschluss des Menschenrechtstages wird kreativ. Das Mad Song Project, ein experimentelles, interdisziplinäres Kollektiv, versucht den Zusammenhang von Freiheit, Natur und Kreativität musikalisch zu ergründen. Es wird sich dabei sehr viele Freiheiten nehmen. 

Über die Junge Akademie Schweiz

Die Junge Akademie Schweiz ist eine Plattform der Schweizer Akademie der Wissenschaften. Sie wurde 2019 ins Leben gerufen und vernetzt Nachwuchsforschende aus verschiedensten Wissenschaftsbereichen. Sie bildet ein inspirierendes Umfeld für inter- und transdisziplinäre Begegnungen. Die Mitglieder gelten als die junge Stimme der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Die Junge Akademie Schweiz (Swiss Young Academy) besteht aus 25 bis 30 jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Disziplinen, die von einer Jury für eine Zeit von fünf Jahren gewählt werden. Nebst vielen weiteren Aktivitäten führen die Mitglieder interdisziplinäre Projekte durch, von denen der Debatten-Tag zur Zukunft der Menschenrechte am 10. Dezember eines ist. Die Akademie verfügt über eine kleine Geschäftsstelle im Haus der Akademien an der Laupenstrasse.

Zur Veranstaltungswebseite «The Future of Human Rights»

Ursprünglich als analoge Veranstaltung an der UniS geplant, wird «The Future of Human Rights» infolge der aktuellen epidemiologischen Lage nun virtuell stattfinden.

Über den Autor

Dr. Stefan Schlegel ist Mitglied der Jungen Akademie Schweiz. Er arbeitet mit einer Ambizione-Förderung des Schweizerischen Nationalfonds SNF am Institut für öffentliches Recht der Universität Bern an einer Habilitation zur Eigentumsgarantie. Sein zweiter Forschungsschwerpunkt liegt im Migrationsrecht.

Kontakt:

Dr. Stefan Schlegel; Universität Bern, Institut für öffentliches Recht der Universität Bern
E-Mail: stefan.schlegel@oefre.unibe.ch