30.06.2021 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Psychologisches Empowerment für Frauengesundheit in Nepal

Ein Forschungsprojekt der Gesundheitspsychologin Vica Tomberge hat zum Ziel, Frauen in Nepal zu einem Gesundheitsverhalten zu befähigen, das sie vor schwerwiegenden Erkrankungen schützt. Sind Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung wirksam gegen gesundheitliche Risiken durch traditionelle Geschlechterrollen?

Interview: Nina Jacobshagen

Eine Frau in Nepal trägt Tierfutter: das Heben und Tragen schwerer Lasten stellt ein gesundheitliches Risiko dar. © zvg
Eine Frau in Nepal trägt Tierfutter: das Heben und Tragen schwerer Lasten stellt ein gesundheitliches Risiko dar. © Vica Tomberge
Unter welchen gesundheitlichen Problemen leiden die Frauen in Nepal, zu deren Prävention Sie mit Ihrem Forschungsprojekt beitragen möchten?

Das Problem ist ein sehr häufiges Auftreten von Genitalvorfällen: das sind vor allem Gebärmuttervorfälle, bei denen die Gebärmutter aus der Scheide hervortritt, oder Blasensenkungen. Die häufigsten Folgen sind Infektionen, Inkontinenz, erhebliche Belastungen im Alltag, soziale Ausgrenzung und psychische Probleme. Der Grund dafür können viele oder unbegleitete Geburten sein. Ein grosser Risikofaktor ist auch das häufige Heben und Tragen schwerer Lasten, vor allem während und nach den Schwangerschaften, weil es den Beckenboden stark belastet.

Das ist vor allem in ländlichen Gegenden ein grosses Thema, wo Familien von Landwirtschaft leben und viele Häuser keinen Wasseranschluss haben. Im Rahmen der traditionellen geschlechterbasierten Arbeitsaufteilung transportieren die Frauen bergauf und bergab viel Wasser, Tierfutter und Feuerholz. In diesem Zusammenhang ist eine geringe soziale Unterstützung vermutlich ein zusätzlicher Risikofaktor. Frauen bekommen häufig weniger Ansehen in ihrer Familie, wenn sie weniger Lasten tragen.

Was ist das Ziel Ihres Forschungsprojekts?

Als Gesundheitspsychologinnen beschäftigen wir uns grundsätzlich damit, wie wir Menschen zu gesundem Verhalten motivieren und dazu befähigen können, in einem gegebenen Rahmen Krankheiten vorzubeugen. Mit diesem Projekt wollen wir erforschen, wie wir die Frauen in Nepal zu Verhaltensweisen motivieren können, die Genitalvorfälle vorbeugen oder sie aufhalten können.

Aufgrund des soziostrukturellen Rahmens, in dem die meist in der Landwirtschaft arbeitenden Nepalesinnen leben, lässt sich das Lastentragen kaum vermeiden. Wir wollen deshalb herausfinden, welche psychologischen Mechanismen diese Frauen dazu bewegen können, sich ein sicheres Trageverhalten anzugewöhnen.

In einer Vorstudie haben wir festgestellt, dass sich Frauen beim Tragen häufig risikoreicher verhalten, wenn ihre Selbstwirksamkeitserwartung gering ist: Wenn sie sich also weniger zutrauen, neue oder schwierige Anforderungen bewältigen zu können. Die Förderung der Selbstwirksamkeit verhilft hingegen zu einem besseren Gesundheitsverhalten, wie wissenschaftliche Arbeiten bereits in vielen Ländern zeigen konnten. Deshalb möchten wir in unserer Interventionsstudie die Selbstwirksamkeitserwartung für sicheres Trageverhalten fördern. Dies könnte Frauen befähigen, Gesundheitsrisiken mit eigenen Ressourcen unter Kontrolle zu bringen und erfordert nur minimale Eingriffe von aussen. Das Stichwort «Empowerment» ist hier ganz wichtig: Das Gefühl, selbst an der eigenen Situation etwas ändern zu können.

Was könnte diesen Frauen konkret helfen?

Zum einen haben wir im Austausch mit Physiotherapeutinnen der Berner Fachhochschule Verhaltensweisen identifiziert, die das Risiko von Genitalvorfällen verringern: Dazu zählt natürlich weniger schwere Gewichte zu tragen – das durchschnittliche Tragegewicht liegt momentan bei 35 kg – und bestimmte Tragetechniken anzuwenden: zum Beispiel während des Hebens den Beckenboden anzuspannen und auszuatmen, weil dieser Moment für den Beckenboden besonders belastend ist. Es geht also darum, die Frauen für diese Verhaltensweisen zu motivieren; auch solche Frauen, die bereits einen Gebärmuttervorfall erlitten haben.

Selbstwirksamkeit kann über individuelle Prozesse gefördert werden, zum Beispiel, wenn die Frauen bewusst Erfolgserlebnisse erfahren. Auch soziale Unterstützung kann die Selbstwirksamkeit stärken. Diese Unterstützung kann darin bestehen, zu sicherem Tragen ermutigt zu werden oder von einem Familienmitglied praktische Hilfestellung beim Tragen zu bekommen.

Diesen Annahmen wollen wir in unserer Interventionsstudie hinsichtlich des Trageverhaltens untersuchen. Drei Dörfer in der Bergregion Nepals werden zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt. In der ersten Gruppe erhalten die Frauen eine individuelle Selbstwirksamkeitsförderung, in der zweiten Gruppe zusätzlich soziale Unterstützung durch ein Haushaltsmitglied der Frau, und die dritte ist eine Kontrollgruppe.

Wie sieht die konkrete Umsetzung vor Ort aus?

Das Forschungsteam vor Ort besteht aus acht lokalen Bachelorabsolventinnen aus den Bereichen Public Health, Physiotherapie und Krankenpflege, angeleitet von einer ebenfalls nepalesischen Feldkoordinatorin und einer Postdoktorandin der Universität Kathmandu. Diese Frauen werden im Rahmen einer Feldstudie die Interventionen umsetzen und die Daten erheben. Weil wir wegen der Pandemie selbst nicht vor Ort sein können, werden wir von Bern aus via Whatsapp und Zoom das lokale Team schulen und während der Durchführung des Projekts digital begleiten. Wir, das sind ein Team von Mitarbeitenden und Masterstudierenden der Universität Bern, Beraterinnen aus der Physiotherapie von der Berner Fachhochschule und eine Expertin der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs.

Wie haben Sie die Finanzierung Ihres Projekts zuwege gebracht?

Die Vorstudie wurde durch die Eawag und die Universität Bern finanziert. Für die jetzt folgende Interventionsstudie habe ich über einen Antrag bei der Biäsch-Stiftung für Angewandte Psychologie eine finanzielle Förderung von 50'000 Franken eingeworben. Unser Projekt ist ein sehr gutes Beispiel für Angewandte Psychologie, da die Gesundheitspsychologie ja hilft, psychologische und soziale Gründe für gesundes Verhalten zu identifizieren und darauf aufbauend spezifische Interventionen zu entwickeln.

Über Vica Tomberge

M.Sc. Vica Tomberge ist wissenschaftliche Assistentin und Doktorandin in der Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin am Institut für Psychologie der Universität Bern. Sie interessiert sich vor allem für soziale Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Gesundheitsverhalten. 2020 gewann sie den Gert-Sommer-Preis für Friedenspsychologie für ihre Masterarbeit, in der sie sich damit auseinandersetzt, welche Rollen psychologisches Besitzgefühl und Geschlechterunterschiede bei Toilettenbau und -nutzung in Ghana spielen.

Über die Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin

Die Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin (GPV) wurde auf den 1. August 2018 etabliert und stellt eine Erweiterung des Lehr- und Forschungsangebots des Instituts für Psychologie der Universität Bern dar. Insbesondere wurde mit der neuen Abteilung die Ausrichtung der Philosophisch-humanistischen Fakultät auf physische Gesundheit und Wohlbefinden Rechnung getragen. Folgende Schwerpunkte werden untersucht und gelehrt: Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation, Konzepte des Gesundheitsverhaltens, Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation, psychologische Sicht auf körperliche Erkrankungen sowie psychologische Interventionen im medizinischen Umfeld.

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.