15.10.2021 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Psychisch Kranke leiden stärker unter Klimawandel

Eine neue Studie des Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) macht auf eine bisher vernachlässigte Gruppe aufmerksam, die besonders unter dem Klimawandel leidet: Psychiatriepatientinnen und -patienten. Warum psychisch kranke Menschen besonders sensibel reagieren, erklären drei Forschende des OCCR.

Interview: Kaspar Meuli

Was genau zeigt Ihre Untersuchung?

Ana Vicedo: Unsere Studie deutet darauf hin, dass die Umgebungstemperatur das Risiko von Spitalaufenthalten aufgrund psychischer Störungen beeinflussen kann. Wir konnten zeigen, dass höhere Umgebungstemperaturen mit einem erhöhten Risiko für Hospitalisierungen aufgrund psychischer Erkrankungen verbunden sind. Die Studie basiert auf den täglichen Einweisungszahlen der Psychiatrischen Universitätsklinik Bern zwischen 1973 und 2017, mit einer Gesamtzahl von fast 90'000 Hospitalisierungen. Wir haben diese 45-jährige Datenreihe mit hochauflösenden lokalen Temperaturdaten kombiniert.

Ist der Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und dem Auftreten von psychischen Erkrankungen eine neue Beobachtung?

Marvin Bundo: Ja, es gibt einige neuere epidemiologische Studien, die auf solche Zusammenhänge hindeuten. Neu an unserer Studie ist, dass wir fast 90’000 Hospitalisierungen aufgrund psychischer Erkrankungen einbezogen haben und dies über einen längeren Zeitraum als in früheren Studien. Unseres Wissens ist dies die erste Studie, die diesen Zusammenhang in Europa und in einem Land mit gemässigtem Klima wie der Schweiz untersucht.

Was ist bereits über den Zusammenhang zwischen Hitzestress und psychischen Erkrankungen bekannt?

Thomas Müller: Wir wissen, dass Menschen mit psychischen Störungen grundsätzlich anfälliger für verschiedene Stressoren sind. Konkret sind sie weniger hitzeverträglich, und es gibt auch Hinweise darauf, dass zum Beispiel Menschen mit Psychosen zum einen krankheitsbedingt, aber auch aufgrund der eingenommenen Medikamente hitzeempfindlicher sind. Alles in allem führt dies zu einem erhöhten Risiko neuer Krankheitsschübe oder einer Verschlimmerung des Zustands.

Es scheint auch einen Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und der Häufigkeit von Suiziden zu geben ...

Thomas Müller: Ja. Es gibt Hinweise aus einigen Studien, dass das Risiko von einem Suizid oder Suizidversuch in Zeiten ungewöhnlicher Hitze zunimmt. Eine dieser Studien konnte diesen Einfluss bei Suiziden in verschiedenen Ländern und Städten nachweisen, darunter acht Städte in der Schweiz. Andere Studien geben Hinweise auf ein erhöhtes Risiko von Suizidversuchen. Und auch unsere eigenen, noch unveröffentlichten Daten aus der Schweiz weisen darauf hin.

In Ihrer Studie heisst es, dass Hitze nicht bei allen psychischen Erkrankungen die gleichen negativen Auswirkungen hat ...

Marvin Bundo: Der Zusammenhang scheint von der psychiatrischen Subdiagnose beeinflusst zu werden. Menschen mit Entwicklungsstörungen und Schizophrenie schienen in dieser Studie am stärksten betroffen zu sein. Dieser Befund lässt sich beispielsweise dadurch erklären, dass viele Menschen mit Entwicklungsstörungen – zum Beispiel Autismus - überempfindlich auf äussere Umwelteinflüsse wie extreme Temperaturen reagieren können. Ausserdem hat sich gezeigt, dass Hitze das Lernen in der Schule hemmt und daher den Zustand von Kindern mit Lernbehinderungen weiter verschlechtern könnte.

Könnten nicht auch andere Gründe als höhere Temperaturen für den Anstieg der Einweisungen von Patienten und Patientinnen in psychiatrische Institutionen verantwortlich sein?

Ana Vicedo: Wir haben die modernsten Methoden der Klimawandel-Epidemiologie eingesetzt, um robuste Schlussfolgerungen zur Rolle der Umgebungstemperatur ziehen zu können. Faktoren, die sich im Laufe der Zeit langsamer verändern, wie etwa die Hospitalisierungsraten, beeinflussen unsere Schätzungen nicht. Das wurde durch das Design der Studie ausgeschlossen. Wir können auch zeigen, dass unsere Ergebnisse nicht durch andere Umweltfaktoren wie beispielsweise Wetterbedingungen oder Luftverschmutzung verzerrt werden.

Sie fordern, dass Psychiatriepatientinnen und -patienten als vulnerable Bevölkerungsgruppe besser vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden. Was bedeutet das konkret?

Thomas Müller: Menschen mit psychischen Erkrankungen sind, wie bereits erwähnt, verletzlicher. Sie haben weniger Ressourcen, um sich vor Stressoren zu schützen. Wir müssen also dafür sorgen, dass gerade Menschen mit diesen Erkrankungen bei Hitzewellen besser geschützt werden können. Heutzutage stehen bei Hitzewellen vor allem ältere Menschen im Mittelpunkt. Wir müssen dies auf Menschen mit psychischen Erkrankungen ausweiten. Und wir müssen den Zusammenhang zwischen dieser Anfälligkeit und psychischen Störungen genauer und intensiver untersuchen.

Neu an Ihrer Studie ist nicht zuletzt, dass sie gemeinsam von Klimatologen sowie Expertinnen für Epidemiologie und Psychiatrie durchgeführt wurde.

Thomas Müller: Diese Zusammenarbeit war in jeder Hinsicht spannend. Sie entstand aus meiner Beobachtung, dass sich in den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern bei ungewöhnlichen Wetterlagen die Aufnahme von Patientinnen und Patienten häuften. Oder aber die Betten blieben auffällig leer. Dies führte schliesslich zum Kontakt mit dem Team aus der Klimatologie und Epidemiologie. Ein wirklich translationaler Ansatz mit Blick über die eigenen Disziplinen hinaus ...

Ana Vicedo: ... genau so funktioniert das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung. Wir bringen viele verschiedene Disziplinen, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, zusammen und arbeiten wirklich interdisziplinär. Die Forschung zu Klimawandel und Gesundheit ist eines der Hauptthemen des OCCR.

Über die Interviewten

Dr. Ana M. Vicedo-Cabrera ist Umweltepidemiologin und leitet die Forschungsgruppe «Klimawandel und Gesundheit», die gemeinsam vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung OCCR und dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin ISPM der Universität Bern gegründet wurde.

Marvin Bundo ist Doktorand in der Forschungsgruppe «Klimawandel und Gesundheit». Seine Doktorarbeit befasst sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit in der Schweiz.

Prof. Dr. med. Thomas Müller ist Professor für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern. Er war Leiter der Poliklinik der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern und ist heute Ärztlicher Direktor der Privatklinik Meiringen.

Details zur Publikation

Ambient temperature and mental health hospitalizations in Bern, Switzerland: A 45- year time-series study, PLoS ONE 16(10): e0258302. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0258302

Über das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR)

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es bringt Forscherinnen und Forscher aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen. Das OCCR forscht interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften. Das Oeschger-Zentrum wurde 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war.

Über den Autor

Kaspar Meuli ist Journalist und PR-Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.