15.12.2021 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Millionen von Menschen vor Erblindung bewahren

PeriVision, ein Spin-off der Universität Bern, erhält 1,5 Millionen Euro aus dem europäischen Programm EIT Health – zur Vermarktung eines tragbaren Sehtests, der künstliche Intelligenz einsetzt. Mitgründerin Dr. Serife Kucur erklärt, wie ihre Lösung die Diagnose und Behandlung von Glaukom revolutionieren kann.

Interview: Monika Kugemann

In welchem Bereich ist PeriVision tätig?

Serife Kucur: PeriVision kann den akuten und wachsenden Bedarf an Glaukombehandlung lösen. Das Glaukom, auch Grüner Star genannt, ist eine chronische Augenkrankheit und die weltweit führende Ursache für Erblindung. Sie trifft vor allem ältere Menschen. Heute haben 80 Millionen Menschen ein Glaukom, aber Schätzungen gehen davon aus, dass diese Zahl auf 112 Millionen steigen wird, da die Bevölkerung schnell altert. Da es sich um eine chronische Krankheit handelt, müssen die Augen der Patientinnen und Patienten regelmässig untersucht werden, damit sie ihre Sehkraft nicht verlieren. Dies stellt jedoch grosse Anforderungen an das Gesundheitswesen, und Betroffene erblinden, nur weil sie nicht rechtzeitig zur Augenärztin oder zum Augenarzt kommen. PeriVision kann dazu beitragen, diese Art von vermeidbarer Erblindung zu verhindern.

Dabei sind Gesichtsfeldtests, fachsprachlich Perimetrien, eine wichtige Methode, um Glaukom-Betroffene zu diagnostizieren und zu überwachen. Der Test dauert sechs bis acht Minuten pro Auge, bei dem die Patientin als Reaktion auf Lichtblitze auf einem Bildschirm eine Taste anklickt. Es ist ein Leistungstest, der hohe Konzentration erfordert, was besonders für ältere Personen ermüdend, frustrierend und einschüchternd sein kann. Und das ist nicht nur eine schlechte Erfahrung für die Betroffenen – ängstliche und erschöpfte Patientinnen und Patienten produzieren ungenaue Ergebnisse.

In der Tat haben Augenärztinnen und Augenärzte die Perimetrie auch schon als die «meistgehasste Untersuchung in der Augenheilkunde» betitelt. Ausserdem sind die derzeitigen Perimetriegeräte sperrig, stationär und teuer. Sie benötigen einen speziellen Dunkelraum und eine Fachperson, um die Tests durchzuführen, was die Perimetrie-Dienstleistungen stark einschränkt. Wir brauchen dringend erschwinglichere und flexiblere Lösungen, um diesen grossen klinischen Bedarf zu decken.

Worin besteht Ihre Lösung für diese medizinische und gesellschaftliche Herausforderung?

PeriVision bietet eine mobile, erschwingliche und schnellere Alternative zu den derzeitigen sperrigen, teuren und langsamen Perimetrie-Einrichtungen. Durch die Kombination einer Virtual-Reality-Brille mit unserer patentierten Technologie mit Künstlicher Intelligenz, kurz KI, ist unser Perimetrie-Gerät kostengünstig und tragbar, sodass andere Fachkräfte des Gesundheitswesens wie Hausärztinnen, Optiker, Diabetik-Pflegepersonal und Apothekenrinnen und sogar Betroffene selbst den Test problemlos durchführen können. Das bedeutet, dass unsere Lösung nicht nur mehr Perimetrie-Kapazität in entwickelte, sondern auch in sich entwickelnde Gesundheitssysteme bringen kann.

Zum PeriVision-Team gehören Patrick Kessel, Jungunternehmer am ARTORG Centers, Prof. Dr. Raphael Sznitman, Direktor des ARTORG Center und der Gruppe für künstliche Intelligenz in der medizinischen Bildgebung, Prof. Dr. Marion Munk, Direktorin des Photographic Reading Center an der Augenklinik des Inselspitals, als medizinische Beraterin und ich als wissenschaftliche Mitgründerin. Gemeinsam verfügen wir über eine starke klinische, technologische und translationale Expertise, um eine Lösung zu entwickeln, welche die Beschränkung der Glaukomversorgung aufhebt und das Leben von Millionen von Menschen verändert!

Wie hat Sie die Universität Bern befähigt, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

PeriVision ist das Ergebnis meines Dissertationsprojekts am ARTORG Center. Entscheidend für den Erfolg war und ist meine enge Interaktion mit den Augenärztinnen und Augenärzten am Inselspital. Die wissenschaftliche Forschung in der Augenheilkunde am ARTORG ist vollständig in die klinische Versorgung und die Arbeitsabläufe an der Augenklinik des Inselspitals integriert. Augenärztinnen und Neuroophthalmologen arbeiten Seite an Seite mit uns, um ihre klinischen Herausforderungen auf effiziente Weise zu lösen. Diese translationale Arbeit schliesst Ingenieurswesen, Klinik und die Industrie ein, um ein wirkungsvolles Produkt in die Praxis und auf den Markt zu bringen, das den Betroffenen zugutekommt.

2018 erhielt ich eine «SNSF/Innosuisse Bridge Proof-Of-Concept Fellowship», um unsere Forschung von der akademischen Ebene in die Startup-Phase zu überführen, ein Unternehmen zu gründen, Partner und Investoren zu finden und ein Produkt zu lancieren. Um dieses Ziel zu erreichen, waren die von der Universität Bern angebotenen Mentoring-Programme sehr hilfreich. Ich erlangte dadurch ein Verständnis für die geschäftlichen und regulatorischen Aspekte und konnte unsere Strategie für einen erfolgreichen Markteintritt zu verfeinern. Das «UniBE-Ökosystem» hatte also reichlich Ressourcen, um die fehlenden Teile in dieser Übergangsphase anzugehen.

Im Video erläutert Serife Kucur die Vorteile des neuen Systems. © David Yela, The Setrunners für Universität Bern
Was hat Sie an der Selbstständigkeit gereizt?

Mir gefällt die Idee sehr, etwas von Grund auf selbst zu schaffen, das am Ende das Leben von Menschen berührt. Es ist nicht einfach und erfordert viel Jonglieren, wenn man gleichzeitig Familie hat. Aber das Ziel, älteren Menschen zu helfen, eine positive Erfahrung mit der Perimetrie zu machen und sogar ihr Augenlicht zu retten, gibt mir die Motivation, alle Rückschläge auf dem Weg zu überwinden.

Wie gestaltete sich der Weg von der Idee des Unternehmens bis zur Gründung des Spin-offs?

Diese Technologie ist das Ergebnis von sechs Jahren Forschung und Entwicklung am ARTORG Center und der Augenklinik des Inselspitals. Von der Ideenphase bis zum heutigen Stand haben wir unseren Prototyp in klinischen Studien validiert, ein geeignetes Geschäftsmodell entwickelt, den regulatorischen Rahmen festgelegt und den potenziellen Markt untersucht.

In den letzten zweieinhalb Jahren führten wir am Inselspital zwei klinische Studien mit über 200 Patientinnen und Patienten durch und befragten Augenärztinnen und Augenärzte, um deren Bedürfnisse besser zu verstehen. Zudem arbeiteten wir mit Fachpersonen zusammen, um den regulatorischen und klinischen Fahrplan für unser Produkt zu ermitteln.

Mit all diesen Vorbereitungen planen wir nun die Gründung innerhalb der nächsten sechs Monate und eine gross angelegte internationale Multicenterstudie sowie Pilotversuche mit privaten Augenkliniken durchzuführen. Nach unserer Teilnahme an mehreren Startup- und Innovationswettbewerben, darunter der BBCW und der Ypsomed Innovation Prize, konnten wir uns die finanzielle und unternehmerische Unterstützung von Venture Kick Stage I sichern und wurden in das Swissnex Boston US Business Validation Programm aufgenommen. Schliesslich ist heute ein grosser Erfolg mit dem Erhalt der begehrten EIT Health Wild Card Unterstützung, die wir dazu nutzen werden, um unser Produkt fertig zu stellen, die CE- und FDA-Zulassung zu erhalten und die Markteinführung vorzubereiten.

Was ist Ihre Vision?

PeriVision möchte mit unserem mobilen, schnelleren und erschwinglichen System die Glaukomversorgung verbessern. Unsere Vision ist es, die vermeidbare Erblindung von Millionen von Menschen, die weltweit an einem Glaukom leiden, zu stoppen. PeriVision wird für mehr Gleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung sorgen, die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen und die Behandlungs- und Pflegekosten senken, was wiederum der Gesellschaft zugutekommt.

Was raten Sie Studierenden, die den Schritt in die Selbstständigkeit erwägen?

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch, dass ihr es wagt, eure Komfortzone zu verlassen! Ich denke, das Wichtigste ist, sich bewusst zu sein, dass es kein einfacher Weg ist, und man die Herausforderung von Anfang an annehmen muss. Obwohl es «Selbstständigkeit» heisst, ist ein Start-up eine Teamarbeit. Mein Rat wäre, sich ergänzende Fähigkeiten zu suchen und unterschiedliche Perspektiven und Hintergründe einzubringen. Weiter ist es sehr wichtig, bescheiden zu bleiben und offen für andere Ideen und Feedback zu sein. So kann man auf dem Weg persönlich wachsen – das wäre eines der besten Ergebnisse eines solchen Projekts!

Welchen Rat würden Sie Ihrem studentischen Ich aus heutiger Perspektive geben?

Setze die richtigen Prioritäten und schaue auf das grosse Ganze. Und sei immer optimistisch!

SPIN-OFF UNTERNEHMEN

Unter einem Spin-off wird die Abspaltung einer Geschäftseinheit eines Unternehmens und die darauffolgende Gründung eines eigenständigen Unternehmens mit dieser Geschäftseinheit verstanden. Im Universitätsumfeld versteht man unter Spin-offs Firmen, die von Universitätsangehörigen gegründet wurden und auf den Forschungen aufbauen, die an der Universität geleistet wurden.

UNIAKTUELL-REIHE SPIN-OFFS

In einer losen Reihe porträtiert das Online-Magazin «uniaktuell» aus der Universität Bern hervorgegangene Spin-offs. Damit soll aufgezeigt werden, wie der Wissenstransfer von der Universität in die Praxis geschaffen wird. Haben auch Sie an der Universität Bern Forschungsergebnisse realisiert und mit einer entsprechenden Spin-off-Gründung den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt? Melden Sie sich bei uniaktuell@unibe.ch, damit wir auch Ihr Unternehmen vorstellen können.

UNITECTRA

Unitectra ist die Technologietransfer-Organisation der Universitäten Basel, Bern und Zürich. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie Forschende bei Kooperationen mit der Privatwirtschaft und anderen privaten oder öffentlichen Institutionen. Unitectra kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit den Forschenden um die praktische Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte und Dienstleistungen. Die Umsetzung erfolgt in Kooperation mit bestehenden Firmen oder durch Unterstützung der Gründung von universitären Spin-off-Firmen. Die Dienstleistungen von Unitectra stehen auch den Angehörigen der mit den drei Universitäten assoziierten Spitäler sowie weiteren Kooperationspartnern zur Verfügung.

Über Serife Kucur

Serife Seda Kucur erwarb ihren BSc-Abschluss in Telekommunikationstechnik in der Türkei und ihren MSc-Abschluss in Kommunikationssystemen an der EPFL in Lausanne. Bevor sie ihr Doktoratsstudium begann, sammelte sie Forschungs- und Arbeitserfahrung bei der Türkischen Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung TUBITAK und am IDIAP Forschungsinstitut in der Schweiz. Für ihr Doktoratsstudium kam sie 2015 zur Gruppe Artificial Intelligence in Medical Imaging am ARTORG Center der Universität Bern, wo sie maschinelle Lerntechniken zur Verbesserung von Gesichtsfeldtests für die Glaukomversorgung entwickelte. Im Jahr 2018 erhielt sie ein SNSF/Innosuisse Bridge Proof-of-Concept Fellowship, um ihre Forschung zu KI-basierten, mobilen und schnellen Gesichtsfeldtests in ein Gerät für den klinischen Einsatz zu übertragen. Seitdem ist sie als CTO eines neuen Spin-offs der Universität Bern, PeriVision, tätig, wo sie sich sowohl auf die Produkt- als auch auf die Geschäftsentwicklung konzentriert, um ihre zum Patent angemeldete und klinisch validierte Technologie zu vermarkten.

Über die Autorin

Dr. Monika Kugemann ist Kommunikationsverantwortliche am Center for Artificial Intelligence CAIM und am ARTORG Center for Biomedical Engineering Research der Universität Bern.