16.08.2021 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Lange Momente der Stille und des Nachdenkens

Eine Ausstellung des Instituts für Sozialanthropologie setzt sich in starken Bildern und denkwürdigen Kunstinstallationen mit den Auswirkungen von Grenzregimen für Menschen auf der Flucht auseinander. Ein Interview mit den Ausstellungsmacherinnen Alexandra Darcy und Gerhild Perl über ihre kunstbasierte Forschung und die Frage nach unserer kollektiven Verantwortung.

Interview: Nina Jacobshagen

Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Darcy Alexandra: Auf einer Konferenz über Migration traf ich den Anthropologen Jason De León, der dort über sein Undocumented Migration Project sprach, ich selbst referierte über meine Forschung mit Asylbewerbenden und Geflüchteten in Irland. Wir kamen miteinander ins Gespräch und entdeckten unser gemeinsames Interesse an der Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Ich kannte Jasons Arbeit und seine interaktive Wanderausstellung Hostile Terrain 94 und wollte sie nach Bern bringen, da sich meine aktuelle Forschung mit dem Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko beschäftigt. Ich wandte mich an Gerhild Perl, die sich mit Tod und Verschwinden von flüchtenden Menschen im Mittelmeerraum wissenschaftlich auseinandersetzt. Gerhild und ich entschieden uns für eine grössere Ausstellung und luden die Genfer Künstlerin Sarah Hildebrand ein, die Ausstellung mitzugestalten.

Gerhild Perl: Mit unserer Ausstellung untersuchen wir drei Räume – das Mittelmeer, die Grenze zwischen den USA und Mexiko und das Asylsystem in Irland – als «feindliche Terrains». Wir fragen dabei aus vergleichender Perspektive, wie bestimmte Weltregionen durch rigorose Grenzpolitiken, Überwachungstechnologien und Push-Backs zu lebensgefährlichen Gebieten für bestimmte Bevölkerungsgruppen werden.

Was möchten Sie mit der Ausstellung erreichen?

Gerhild Perl: Wir beschäftigen uns beide seit vielen Jahren mit den ausschliessenden Dynamiken globaler Grenz- und Migrationspolitiken. Die ethnographische Forschung erlaubt uns dabei tiefe Einblicke in die Lebenswelten von Menschen zu bekommen, die am allermeisten von diesen Politiken betroffen sind, wie beispielsweise die Hinterbliebenen jener Menschen, die im Mittelmeer sterben, Menschen, die nach einer oft jahrelangen Flucht in Zentren festgehalten werden und ihre Ausschaffung befürchten, und Menschen, die aktiv gegen diese Politiken ankämpfen. Mit unserer Ausstellung wollen wir diese Realitäten und Erfahrungen an ein interessiertes Publikum kommunizieren. Es geht uns darum, einen differenzierten Dialog anzuregen, der die Konsequenzen globaler Ungerechtigkeiten für das Leben von Menschen ins Zentrum rückt – und auch die zentrale Frage nach unserer kollektiven Verantwortung.

Welche Verantwortung tragen wir gegenüber flüchtenden Menschen in Ihren Augen als Sozialanthropologinnen?

Darcy Alexandra: Die europäischen und nordamerikanischen Unterzeichnerstaaten haben die rechtliche und moralische Verpflichtung, die Genfer Konventionen einzuhalten. Wie viele, die sich mit Menschenrechten und Migration befassen, bin ich bestürzt darüber, dass diese Verantwortung ausgelagert, ausgehöhlt und verleugnet wird. Wir müssen nach Wegen suchen, unsere Regierungen und Institutionen zur Verantwortung zu ziehen. Wir müssen Asylbewerbenden, Geflüchteten, Migrantinnen und Migranten zuhören und aus ihren Erfahrungen, ihrem Wissen und ihren Erkenntnissen lernen.

Ebenso wichtig ist die Arbeit mit der Vorstellungskraft: Wie könnte eine gerechtere und lebensbejahendere Politik aussehen? Wir brauchen einen intensiveren Dialog, mehr Möglichkeiten für Menschen mit Migrationserfahrung, gehört zu werden, und die Fähigkeit zu beobachten und nicht wegzuschauen. Ich finde Inspiration in der Kunst und in interdisziplinären Gesprächen, die durch Projekte wie Confronting Hostile Terrains vorangetrieben werden.

Gerhild Perl: Ich stimme Darcy zu. Ich denke auch, dass es zentral ist, Menschen nicht in zugeschrieben Identitäten wie «der Flüchtling» oder «die Migrantin» gefangen zu halten. Flucht ist eine prägende Erfahrung, aber es ist gewaltvoll, Menschen darauf zu reduzieren. Ein verantwortungsvolles Miteinander bedeutet auch, Menschen in ihrer Komplexität, Vielschichtigkeit und Einzigartigkeit zu sehen. Solange Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Biografie in eine kollektive Kategorie gepresst werden, wird gesellschaftliche Teilhabe verunmöglicht und die Dichotomie von «wir» und «den Anderen» verfestigt sich.

Was ist in der Ausstellung zu sehen?

Darcy Alexandra: Die Besucherinnen und Besucher werden sehen können, wie Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit Kunstschaffenden zusammenarbeiten, um sich mit dringenden aktuellen Themen wie Menschenrechte und Migration auseinanderzusetzen. Alle Installationen beruhen auf gründlicher Forschung und langfristiger Zusammenarbeit mit Menschen auf der Flucht, mit Fachleuten der Rechtsmedizin und mit Gemeinschaften vor Ort.

Die von Sarah Hildebrand geschaffenen Fotografien bieten meditative Reflexionen. Die Videos, die ich mit Menschen gedreht habe, die im irischen Asylsystem leben, geben den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, von Eingewanderten über ihre alltäglichen Erfahrungen in Europa zu hören. Der Bau der Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko zeigt die Kosten einer menschenfeindlichen und gewalttätigen Grenzpolitik wie Prävention durch Abschreckung für die betroffenen Menschen. Insgesamt fordert uns die Ausstellung auf, über andere Möglichkeiten nachzudenken, über andere Wege, Sicherheit, Grenzen und Gemeinschaft zu verstehen.

Gerhild Perl: Die Künstlerin Sarah Hildebrand ist mit zwei Beiträgen vertreten, die in Form einer künstlerischen Reportage den Spuren jener Menschen nachgeht, die im Mittelmeer verschwunden sind. Für diese Arbeit hat sie mich während meiner Feldforschung in Südspanien besucht. Aus dieser Kollaboration ist ein Buchkapitel entstanden, das mit ihren Fotografien und meinem Text den Tod im Mittelmeer künstlerisch thematisiert. Aus diesem Buch werden wir auch während der Vernissage lesen.

Worum handelt es sich bei der Installation «Hostile Terrain 94» und warum wird sie als partizipative Wanderausstellung bezeichnet?

Darcy Alexandra: Das partizipative Element besteht im Vorbereitungsprozess für die Ausstellung. Die Menschen sind eingeladen, sogenannte ID Tags auszufüllen, also kleine, meist an den Zehen angebrachte Identitätsschilder, die den Überresten der in der nordamerikanischen Sonora-Wüste gefundenen Personen zugeordnet werden können. Es ist sehr ernüchternd, über diese Menschen, ihr Leben und ihre Familien nachzudenken wie auch über die Freiwilligen, die Fachleute der Rechtsmedizin und die in der Nähe wohnenden Mitmenschen, die diese Informationen gesammelt haben, um die verlorenen Leben zu dokumentieren.

Die partizipative Wanderausstellung «Hostile Terrains 94» ist ein Projekt des «Undocumented Migration Project» von Jason De León (USA) und wird auch im Rahmen von «Confronting Hostile Terrains» Kornhausforum Bern zu sehen sein.
Wir haben in der ganzen Schweiz Vorbereitungsveranstaltungen durchgeführt – in Basel, Bern, Genf, Lausanne, Nyon und Zürich. Es war faszinierend, den Gesprächen zuzuhören, die sich ergaben, wenn Menschen zusammenkamen, um an dieser Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Es gab lange Momente der Stille und des Nachdenkens. Neben dem Smalltalk beim gegenseitigen Kennenlernen gab es Wut über die Gewalt dieser Politik, Traurigkeit über die Ungerechtigkeit der verlorenen Leben und viele Fragen, wie diese Politik geändert werden kann. Insgesamt haben wir mehr als 3’300 ID Tags ausgefüllt. Die Besucherinnen und Besucher des Kornhausforums sind eingeladen, weitere ID Tags auszufüllen und an der Karte der Grenzregion aufzuhängen.

Zur Medienmitteilung «Migrations- und Grenzpolitiken im Fokus» der Universität Bern

Ausstellung «Confronting Hostile Terrains» im Kornhausforum

Die Ausstellungsmacherinnen Darcy Alexandra und Gerhild Perl verstehen Confronting Hostile Terrains als eine Hommage an Menschen, die beim Versuch, internationale Grenzen zu überqueren, gestorben sind, und als Hommage an Menschen, die in Asyl- und Ausschaffungszentren festgehalten werden und einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Mit der Ausstellung möchten die beiden Sozialanthropologinnen Kritik an der zeitgenössischen Migrations- und Grenzpolitik üben, da sie Menschen systematisch von politischer, sozialer und wirtschaftlicher Teilhabe ausschliesse. Mit vier Installationen – Hostile Terrain 94, Wasser, We Are the People of the Sea und Living in Direct Provision – will Confronting Hostile Terrains dringende Fragen der Erinnerung und Verantwortung erkunden.

Die Ausstellung beginnt am 19. August und dauert bis zum 11. September 2021:

Vernissage: Donnerstag, 19. August 2021, 18 Uhr mit einer Lesung von Darcy Alexandra, Driss El Hadj, Sarah Hildebrand (arabisch, deutsch, französisch) und anschliessendem Apéro
Finissage: Freitag, 10. September 2021, 18 Uhr: Vortrag und Diskussion mit Jason De León (englisch)

Das Projekt wird unterstützt von: SNF (Agora), Burgergemeinde Bern, Diversity Initiative der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern, Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern.

Über Darcy Alexandra

Dr. Darcy Alexandra ist eine vom Schweizerischen Nationalfond geförderte Forscherin und Dozentin am Institut für Sozialanthropologie. Sie hat sich auf multimodale Anthropologie spezialisiert, insbesondere auf ethnografische Dokumentarfilme, sozial engagierte audiovisuelle Methoden und Poesie. Sie absolvierte in den USA eine Ausbildung als Dokumentarfilmerin und in Digital Storytelling. 2019 verlieh die Society for Humanistic Anthropology Darcy Alexandra den ersten Platz in ethnografischer Poesie für eine Arbeit, in der sie Migration, Gewalt und sogenannte «spectral belongings» erforscht.

Über Gerhild Perl

Dr. Gerhild Perl ist Postdoktorandin am Institut für Sozialanthropologie an der Universität Bern. Sie forscht zu Fragen der Politik und Grenze, Migration und Transnationalismus, Gewalt und Agency, Affekt und Ethik. Für ihre Dissertation über den Tod während der Migration forschte sie in Spanien und Marokko. Diese Arbeit wurde mit dem Maria Ioannis Baganha Award und dem Dissertationspreis der Deutschen Gesellschaft für Kultur- und Sozialanthropologie ausgezeichnet. Aktuell befasst sie sich mit dem Erbe als kulturelle, wirtschaftliche und soziale Praxis in transnationalen Räumen.

Über das Institut für Sozialanthropologie

Das Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern lehrt die Sozialanthropologie in ihrer ganzen Breite und setzt Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Migration, Anthropologie des Staates, ökonomischer und ökologischer Anthropologie sowie Medienanthropologie. Ein Bachelorprogramm sowie drei Masterprogramme – darunter das spezialisierte Masterprogramm ATS («Anthropologie des Transnationalismus und des Staates») sowie das internationale Masterprogramm CREOLE – bieten den Studierenden eine solide Grundausbildung und Möglichkeiten der Spezialisierung. Auf Doktorats- und Post-Doc-Ebene ist das Institut an mehreren interdisziplinären und interuniversitären Postgraduiertenprogrammen beteiligt.

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.