03.03.2021 | Universität | Geist & Gesellschaft

«Heute sind der Narren viele und der Vernünftigen wenige»

Lukas Bärfuss hat seine Arbeit als 15. Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur aufgenommen. Was will Bärfuss, der sich an der Universität als «fremder Vogel» sieht, mit seiner Vorlesung «Wahnsinn und Idioten» bewirken, was erwartet er von seinen Studierenden und was sagt ihm Dürrenmatt heute?

Interview: Nina Jacobshagen

Lukas Bärfuss, wie geht es Ihnen nach der ersten Vorlesung?

Wie heisst es in den Schulaufsätzen: müde, aber glücklich. Es ist ebenfalls mit einem Gefühl des Unerlösten verbunden: ich habe nicht ausgeschöpft, was ich alles hätte sagen können.

Was möchten Sie den Studierenden in Ihrer Vorlesung vermitteln?

Zuerst eine Methode, nämlich meine Methode der «Explorativen Lektüre». Bei ihr liest man nicht Texte, sondern die Welt. Bücher sind Artefakte, die mit anderen Artefakten in einem Zusammenhang stehen. Diese Zusammenhänge sind nicht gegeben, sie müssen entwickelt werden: das geschieht bei der «explorativen Lektüre». Und dann möchte ich einen Enthusiasmus vermitteln, meine Freude an der Literatur, das Emanzipatorische daran: wie befreiend es ist, an einem Gedanken zu arbeiten und zu versuchen, diesen Gedanken zu formulieren und zu teilen. Dazu muss man nicht Schriftsteller sein. Die jungen Menschen sind in einer komplizierten Situation zurzeit. Da ist die Notwendigkeit, eigene Gedanken zu entwickeln, ganz besonders entscheidend – und auch den Mut zu diesen eigenen Gedanken.

Was erwarten Sie von Ihren Studierenden?

Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Widerständigkeit, Solidarität und ein Empfinden für das Privileg, das sie haben. Es ist nicht selbstverständlich, in dieser Gesellschaft zu leben und an dieser Universität studieren zu können. Das ist zu einem grossen Teil keine Frage der eigenen persönlichen Leistung, sondern der gesellschaftlichen Ermöglichung. Ein Bewusstsein für die eigenen Privilegien müsste zu einer Haltung führen, aus der heraus die jungen Menschen versuchen, der Gesellschaft zurückzuspielen und in ihr wirken zu lassen, was sie gedacht, gelernt und entwickelt haben. Sie sollen sich vernehmbar machen. Die Gesellschaft braucht jeden Menschen.

Welches Verhältnis haben Sie persönlich zur Universität?

Ein fast schon schamhaftes, muss ich sagen. Mir war es leider nicht möglich zu studieren. Ich bin zwar in den Vorhöfen der Universität rumgetänzelt und habe viel Zeit in den Bibliotheken verbracht, auch hatte ich viele Freunde, die studierten, und kenne daher diese Lebenswelt ein bisschen. Aber ich bin doch ein ziemlich fremder Vogel an der Universität. Auf der einen Seite empfinde ich es immer wieder schmerzlich, dass ich nicht studieren konnte. Auf der anderen Seite ist es ein Trumpf, weil ich von gewissen Neurosen verschont geblieben bin (lacht). Ich habe andere entwickelt, ohne Frage. Aber die akademischen Neurosen sind mir fremd geblieben.

Haben Sie eine persönliche Beziehung zur Universität Bern?

Ja, ganz viele, ich habe vor langer Zeit in Bern gelebt.  Die Uni Bern ist ein wesentlicher Teil dieser Stadt, mit ihren Studierenden und ihrem Geist. Wenn es die Uni nicht gäbe, würde es ja nur die Bundesbetriebe geben, und das wäre ja nah des perfekten Albtraums (lacht).

Welche Rolle sollte eine Universität aus Ihrer Sicht in der Gesellschaft ausfüllen?

An der Universität treffen sich verschiedene Generationen und damit verschiedene Erfahrungen. Das ist etwas sehr Kostbares, wenn man es als semipermeables, osmotisches System begreift, das durchlässig nach allen Seiten ist. Die Hierarchisierung des Wissens ist per se ein Problem. Die Universität sollte im Abbau der inneren Schranken noch sehr viel weiter gehen. Der akademische Mittelbau müsste in den Institutionen ein grösseres Gewicht bekommen, damit das hierarchische Gefälle verringert wird. Die Studierenden selbst sind keine Gänse, die man mit Wissen zustopft, sondern bringen sich mit ihren Erfahrungen an der Universität ein, die ihnen dafür einen Ort bietet. Es ist darüber hinaus kein Geheimnis: die Geisteswissenschaften sind in einer Krise. Die Bürokratie und der Evaluationswahnsinn drohen Forschung und Lehre zu ersticken.

Zum Thema Ihrer Vorlesung – Friedrich Dürrenmatt: Wie lesen Sie Dürrenmatt?

Gerade wieder neu. Es ist ein Privileg des Älterwerdens, Autorinnen und Autoren über einen Zeitraum von – wow! – fast vierzig Jahren zu lesen, jedes Mal anders und verändert. Und heute, das ist fast ein Kalauer, erscheint mir Dürrenmatt ziemlich frisch. Sein Zugriff auf die Welt und die Groteske in seinem Werk sind leider sehr aktuell geworden.

Erstaunlich ist auch, wie prekär Dürrenmatt sich selbst gesehen hat. Das berührt mich. Aus der Innenperspektive besehen, war Dürrenmatts Existenz fragil und angegriffen. Er war ein Mensch mit lebenslangen schweren gesundheitlichen Problemen. Und es war für ihn nach seinen grossen Erfolgen in den fünfziger und sechziger Jahren in den Siebzigern schwer, im künstlerischen Betrieb zu bleiben. Er hat sich in den achtziger Jahren mit seinen «Stoffen» zurückgebracht und im letzten Fünftel seines Lebens noch einmal eine grosse Reibung entwickelt. Was heute von Dürrenmatt in Erinnerung bleibt, hat viel mit seiner Arbeit am Ende seines Lebens zu tun. Das war nicht umsonst: er selbst blieb in der Schweizerischen Gesellschaft bis ans Ende seines Lebens ungelitten und hat das zu spüren bekommen, täglich, in allen möglichen Weisen und mit aller möglichen Perfidie, bis in die Nachrufe hinein. Wenn man selbst in der Öffentlichkeit arbeitet, macht das betroffen. Man sollte als Schriftsteller oder Schriftstellerin nicht darauf bauen, angekommen zu sein, sondern muss die bisherigen Positionen immer wieder überdenken, um künstlerisch produktiv zu bleiben. Krisen muss man dabei umarmen. Das lerne ich von Dürrenmatt.

Sie sagten eingangs auf diese Frage, dass die Groteske im Werk von Dürrenmatt aktuell geworden sei. Welchen Bezug zur Gegenwart sehen Sie?

Da kann man so viele Beispiele nennen, etwa den Brexit. Das ist ein Bühnenstück, und die Downing Street No. 10 ist eine Theaterbühne. Die Wandlung der Charaktere vermittelt einem das Gefühl, Ektoplasmen bei der Verwandlung zuzuschauen. Es ist erstaunlich, wie manche Politikerinnen und Politiker vor unseren Augen ihre Identität ändern. Das alles hat theatrale Züge. Wenn die Politik so unvorhersehbar wird wie ein Theaterstück und man im zweiten Akt nicht weiss, worauf es im dritten Akt hinauslaufen wird, ist Alarmstimmung sicher berechtigt.

Ihre wöchentliche Vorlesung hat den Titel «Wahnsinn und Idioten». Welche Rolle spielt der Wahnsinn in Ihrem Werk und welche bei Dürrenmatt?

Bei mir spielt der Wahnsinn eine lange, ausgedehnte Rolle: Der gesellschaftliche Wahnsinn in «Hundert Tage», der andere, regulierte Wahnsinn in den «Sexuellen Neurosen unserer Eltern», der Wahnsinn eines Philip in «Hagard» ... Man müsste eher fragen, wo er keine Rolle spielt und ob es überhaupt eine Literatur gibt, die sich nicht mit der Frage auseinandersetzt, was das Abnorme und wo die Norm ist und wer die Deutungsmacht besitzt. Bei Dürrenmatt spielte der Wahnsinn eine andere Rolle, weil sich in seiner Lebenszeit, gerade in der Schweiz, eine bürgerliche Selbstgefälligkeit gebildet hat. Dieses bürgerliche Selbstverständnis müsste man heute fast wieder herbeisehnen, mit einer Vorstellung davon, was eine Universität ist, was Bildung ist, was Kanon ist, was Literatur – all dies ist erodiert.

Bei Dürrenmatt war das nicht so. Deshalb gab es noch diesen fast burlesquen, aus der Commedia dell’arte stammenden Impuls des Narren, der da durch diese Wohlgeordnetheit geht und mal ein bisschen Stunk macht. Heute müsste man das umdrehen: Heute sind der Narren viele und der Vernünftigen wenige.

Wöchentliche Vorlesung und Auftaktveranstaltung

Lukas Bärfuss’ wöchentliche Vorlesung wird im Internet übertragen. Gasthörerinnen und Gasthörer sind ausdrücklich und herzlich willkommen. Für die Zugangsdaten melden Sie sich bitte bei Livia Notter, livia.notter@wbkolleg.unibe.ch.

Die öffentliche Auftakt-Veranstaltung zur Dürrenmatt Gastprofessur findet am Mittwoch, 3. März 2021 um 18.30 Uhr statt: Lukas Bärfuss hält eine Rede unter dem Titel «Eine kleine Geschichte des Wahnsinns» und führt anschliessend ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich von der Universität Bern.

Die Auftakt-Veranstaltung wird live aus dem Hallersaal der Burgerbibliothek übertragen. Mit folgenden Zugangsdaten kann via Zoom teilgenommen werden: https://unibe-ch.zoom.us/j/99290783688?pwd=Q0p0cWxsWmErVHN6dndVQXgySVB0dz09. Meeting-ID: 992 9078 3688; Kenncode: 430186.

Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur

Die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur erweitert das akademische und kulturelle Angebot in Bern und darüber hinaus. Seit dem Frühjahr 2014 unterrichtet in jedem Semester ein internationaler Gast an der Universität Bern. Die Autorinnen und Autoren geben je eine 14-wöchige Lehrveranstaltung und arbeiten wie reguläre Professorinnen und Professoren mit Studierenden und Doktorierenden zusammen. Zusätzlich zu ihren Seminaren oder Vorlesungen werden universitäre und öffentliche Veranstaltungen in Bern sowie an anderen Orten in der Schweiz organisiert. Die Gastprofessur wird verwirklicht mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz und der Burgergemeinde Bern.

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.