27.10.2021 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Ein Get-together für das kulturelle Erbe im Netz

Der digitale Wandel fordert Museen, Kunstgeschichte und Digital Humanities auf vielfache Weise heraus. Die Unconference «Digitale Sammlungen: Museum – Forschung – Vermittlung» stellt am 28. und 29. Oktober offene Probleme zur interdisziplinären Diskussion und bietet reichlich Raum zur Vernetzung.

Von Sonja Gasser

Die digitale Technologie nimmt in der Gesellschaft einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Genauso schreiten die Digitalisierung und die digitale Transformation in den Museen und in den Geisteswissenschaften voran, was vielschichtige Herausforderungen und gegenseitige Abhängigkeiten herbeiführt. An Kunstmuseen ist das Erfassen der Sammlung in Datenbanken und deren Online-Präsentation zu einem wichtigen Aufgabenfeld geworden. Dabei werden Bild- und Textdaten zu Kunstwerken zugänglich, die auch interessantes Forschungsmaterial sind. Sowohl im musealen Umfeld als auch in der Wissenschaft stellen sich Fragen der Repräsentation von Kunst sowie deren Erforschung und Vermittlung in digitalen Umgebungen.

Interdisziplinäre Vernetzung

Ein versierter Umgang mit kunsthistorischen Daten aus Sammlungsdatenbanken im Kultur- und im Hochschulbereich erfordert zumeist, dass unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen, um publikumsorientierte Anwendungen zu entwickeln oder Forschungsfragen mithilfe digitaler Methoden zu beantworten. Die Online-Veranstaltung «Digitale Sammlungen: Museum – Forschung – Vermittlung» vernetzt deshalb Mitarbeitende von Museen, Studierende, Doktorierende, Dozierende und Forschende aus den Bereichen Kunstgeschichte, Digital Humanities, Informatik sowie Personen aus weiteren kulturellen und technologischen Studien- und Berufsfeldern.

Die Veranstaltenden selbst decken zusammen das Themenfeld breit ab. Die interdisziplinär aufgestellten Digital Humanities (DH) sind an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern eine gefragte Anlaufstelle für Forschung mit digitalen Methoden, während das Institut für Kunstgeschichte (IKG) einen spezialisierten Monomaster Ausstellungs- und Museumswesen und Provenienzforschung anbietet. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) in Zürich ist als Kompetenzzentrum für bildende Kunst seitens der Schweizer Kunstmuseen eine vielbeachtete Institution. Alle drei Institutionen befassen sich mit Themen an der Schnittstelle von Kunst, Gesellschaft und dem digitalen Wandel und pflegen einen guten Kontakt zu Kulturinstitutionen.

Einen Aspekt, weshalb es in diesem Bereich zunehmend zu einer Vernetzung kommt, spricht Angelica Tschachtli, die Leiterin des SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, an: «Kulturelles Erbe online zugänglich und nutzbar zu machen, betrifft grössere wie kleinere Kunstinstitutionen in der Schweiz. Die Verwendung von Standards und Metadaten in Sammlungsdatenbanken regt dazu an, über Insellösungen hinauszudenken, Kooperationen einzugehen und die Daten miteinander zu verbinden.»

Die Veranstaltung im Stil einer «Unconference» setzt hier an und initiiert einen Austausch zwischen Teilnehmenden von Hochschulen, Museen und weiteren Kulturinstitutionen, die mit ihrem Wissenshorizont, ihren Erfahrungen, Fragen und Wünschen verschiedenste Anliegen einbringen können. Inputs von Sarah Kenderdine, Professorin am Laboratory for Experimental Museology an der EPFL in Lausanne, und der Swiss Art Research Infrastructure der Universität Zürich von Thomas Hänsli, Florian Kräutli und Sarah Amsler werden den Fragehorizont eröffnen. Angeregt durch die Inputs werden die Teilnehmenden drängende Themen festlegen, um in Gruppendiskussionen Herausforderungen im Umgang mit digitaler Technologie zu besprechen.

Digitale Kompetenzen

Fragen eines zielführenden Umgangs mit Sammlungsdaten stellen sich sowohl in Bezug auf eine digitale Kunstvermittlung und Sammlungspräsentation durch Museen als auch im wissenschaftlichen Kontext, um gestützt auf digitale Methoden zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Tobias Hodel, DH-Professor, formuliert das so: «Eine zeitgemässe Nutzung der digitalen Möglichkeiten für eine hochstehende Forschung und Vermittlung ist dann erfolgsversprechend, wenn unterschiedliche Expertisen interdisziplinär miteinander in einen Dialog treten, eine gemeinsame Sprache finden und kritisch an Umsetzungen arbeiten.»

Bei digitalen Sammlungen rücken weitere Zielgruppen und Interessen in den Fokus als bis anhin die museale Arbeit geprägt haben. Für eine Datenvisualisierung muss beispielsweise ein Zugriff auf die Sammlungsdaten (Bilder und Metadaten) und deren Weiternutzung möglich sein. Damit werden maschinenlesbare Schnittstellen (APIs), Creative Commons-Lizenzen und Linked Open Data genauso zum Thema wie eine digitale Strategie und eine Open Content Policy.

In Bewegung ist auch das geisteswissenschaftliche Publikationswesen, worauf Beate Fricke, Professorin für Ältere Kunstgeschichte an der Universität Bern und SNF Open Access Ambassador hinweist: «Weltweit einzigartig werden am IKG mit 21 Inquiries, Journal18 und Manazir gleich drei wissenschaftliche Zeitschriften als Diamond/Platinum-Open-Access-Journals ohne Artikel-Gebühr herausgegeben.»

Reges Interesse und offenes Ergebnis

Das Interesse an digitaler Technologie im Kunstbereich ist mit 130 Anmeldungen sowohl in Bern und in der Schweiz als auch in Deutschland und Österreich gross. Das breite Feld der Teilnehmenden von unterschiedlichsten Hochschulen und Fachbereichen, grösseren und kleineren Museen, Sammlungen und Bibliotheken verdeutlicht, in welch vielfältigen Tätigkeitsbereichen die spezialisierten Personen zu finden sind, die es für überzeugende digitale Projekte braucht. Konsequenterweise «erfordert die zunehmende Bedeutung von digitalen Sammlungen und digitaler Kommunikation an Kulturinstitutionen von der Universität, den Studierenden Anwendungswissen weiterzugeben und gleichzeitig Kompetenzen in ihrer kritischen Einordnung zu fördern, etwa in Hinblick auf Fragen der Kanonkritik, der Repräsentation und der kulturellen Teilhabe», wie Yvonne Schweizer, wissenschaftliche Assistentin am IKG, festhält.

Die Veranstaltung ist bewusst ergebnisoffen. Indem sie eine Diskussion anregt, können Inspirationen für künftige institutionsübergreifende Kooperationen und Projekte daraus hervorgehen, die den Bedürfnissen und Ideen der Teilnehmenden entsprechen.

Über DIE VERANSTALTUNG «DIGITALE SAMMLUNGEN Museum – Forschung – Vermittlung»

Die Veranstaltung «Digitale Sammlungen: Museum – Forschung – Vermittlung», die aufgeteilt auf zwei Nachmittage am 28. und 29. Oktober 2021 online stattfindet, dient einem interdisziplinären Austausch zu digitalen Kunstsammlungen.

Angemeldet haben sich Teilnehmende unterschiedlicher institutioneller Hintergründe, Studien- und Berufsfelder aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, die sich den Herausforderungen der digitalen Transformation stellen, mit Datenbanken und digitalen Objekten arbeiten und sich für neue Formen der Repräsentation von Kunst in digitalen Umgebungen und der Vermittlung von Inhalten an ein Publikum interessieren. Die Veranstaltung bietet eine Plattform zur Vernetzung, um entsprechend der Bedürfnisse Themen aus Museums-, Forschungs- und Vermittlungssicht zu diskutieren:

Zur Diskussion kommen können Problemstellungen, zu deren Lösungen die gemeinsame Expertise von technisch versierten, kunsthistorisch fachkundigen und mit der musealen Arbeit vertrauten Personen zusammenkommen muss, um in jedem Bereich relevante Fortschritte zu erzielen. Ein Wissensaustausch über verschiedene Institutionen und Fachgebiete hinweg ist ein Anfang, um unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen kennenzulernen und künftig möglicherweise gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

Die Veranstaltung wird in Kooperation mit den Digital Humanities der Universität Bern, dem SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, SIK-ISEA und dem Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern durchgeführt. Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch den Nachwuchsförderungs-Projektpool der Universität Bern zusammen mit der Mittelbauvereinigung (MVUB) und mit zusätzlicher Unterstützung durch Articulations – Schweizer Verein für den kunsthistorischen Nachwuchs.

Über die Autorin

Sonja Gasser, M. A., ist Kunsthistorikerin, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Digital Humanities am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern. Die Veranstaltung «Digitale Sammlungen: Museum – Forschung – Vermittlung» steht in enger Verbindung mit ihrem  Dissertationsthema «Digital Collections of Art – Data in Museums and Digital Art History».