18.08.2021 | Forschung | Staat & Wirtschaft

«Die Pandemie hat die Wirtschaft getroffen wie ein Meteoriteneinschlag»

Aymo Brunetti war Mitglied der Swiss National COVID-19 Science Task Force. Er hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit als bereichernd erlebt. In der Krise sei sehr viel sehr gut gemacht worden, sagt der Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie im Interview.

Interview: Nicola v. Greyerz

Herr Brunetti, wie geht es der Schweizer Wirtschaft nach anderthalb Jahren Krise?

Aymo Brunetti: Erstaunlich gut. Wenn wir die Pandemie jetzt in den Griff bekommen, dann wird sie als ein massiver, aber relativ kurzer Schock in die Geschichte eingehen. Einen Lockdown kann man sich wie eine bewusst herbeigeführte Rezession vorstellen. Aus gesundheitspolitisch guten Gründen wurde der Bevölkerung ein Teil des Konsumierens und Produzierens untersagt. Mit sinnvoll ausgestalteten Massnahmen ist es weitgehend gelungen, die Strukturen runterzufahren, um sie dann nach wenigen Monaten ohne grössere Schäden wieder hochzufahren. Jetzt, im dritten Quartal 2021, sehen wir – mit Ausnahme von einzelnen Sektoren – eine sehr dynamische Entwicklung. Wenn es zu keiner weiteren schweren Welle mehr kommt, dürfte das wohl auch so bleiben.

Sie waren Mitglied der Swiss National COVID-19 Science Task Force. Wie muss ich mir die Arbeit in so einer Expertengruppe vorstellen?

Ich stiess erst etwas später zu der Task Force – nämlich als gerade die zweite Welle losging. Es lief alles elektronisch ab. Ich habe die Personen, die ich von früher nicht kannte, noch nie physisch getroffen. Zweimal in der Woche gab es eine Sitzung der gesamten Task Force, an der alle teilnehmen konnten, und einmal pro Woche haben wir uns in unserer Ökonomengruppe zu einem jeweils längeren Meeting getroffen, um die Lage zu analysieren und zu diskutieren, welche Policy-Briefs – also kurze Berichte, Stellungnahmen oder Handlungsvorschläge – sinnvoll und nötig sind. In der Anfangszeit waren das recht viele, weil es halt auch viele ökonomische Fragen zu beantworten gab. Diese Papers wurden auf der Homepage der Task Force publiziert und flossen in die allgemeinen Stellungnahmen der Task Force ein, die unter anderem bei den Points de Presse präsentiert wurden. Das, was wir da gemacht haben, war klassische Politikberatung und weniger wissenschaftliche Grundlagenarbeit.

Aus der Task Force heraus wurde zum Teil auch Kritik an den politischen Entscheiden geübt. Wie stehen Sie dazu?

Wir Ökonomen und Ökonominnen hatten den Vorteil, dass in der Öffentlichkeit die epidemiologischen Fragen im Vordergrund standen. Zudem arbeiteten wir in unserer Gruppe extrem konstruktiv und gut zusammen. Hinzu kommt, dass wir Ökonomen und Ökonominnen es uns mehr gewohnt sind, dass unsere Aussagen öffentlich wahrgenommen werden. Für andere Forschungsrichtungen war das zum Teil vollkommen neu, und sie mussten sehr rasch lernen, damit umzugehen. Ich habe für mich persönlich schon viel früher den klaren Entscheid gefällt, dass ich mich, wenn ich in beratender Funktion tätig bin, öffentlich dazu kaum äussere. Und dabei bin ich geblieben. Vor dem Hintergrund, dass diese Task Force im Anfang 2020 aus dem Nichts und aus Eigeninitiative von einigen Forschenden geschaffen wurde, hat sie in meinen Augen gut funktioniert.

Waren Sie denn mit allen Empfehlungen der Task Force einverstanden?

Grundsätzlich haben wir Ökonomen und Ökonominnen die Empfehlungen der Task Force unterstützt. Es gibt zum Beispiel ein grösseres Paper aus dem Januar 2021, in dem wir erklären, warum wir die erneuten Lockdown-Massnahmen auch aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus unterstützen. Denn eine Übersterblichkeit kann zu hohen Kosten führen, vor allem wenn ein drohender Kollaps des Gesundheitssystems droht. Zudem können die privatwirtschaftlichen Kosten von gesundheitspolitischen Massnahmen etwas aufgefangen werden, wenn die Einkommensausfälle kompensiert werden. Der Zustand der Schweizer Staatsfinanzen hat eine weitgehende Kompensation erlaubt. Es gab in unserer Gruppe aber sehr lebhafte Diskussionen über Trade-offs zwischen Gesundheit und Wirtschaft.

Und wie sehen diese Trade-offs, also die gegenläufigen Abhängigkeiten zwischen Gesundheit und Wirtschaft aus?

Vereinfacht gesagt, muss die real mögliche Gefahr eines Kollapses des Gesundheitssystems mit allen Mitteln vermieden werden. Denn dies führt neben dem grossen menschlichen Leid zu chaotischen und panikartigen Reaktionen. Und dies ist nicht nur für die Gesellschaft, sondern eben auch für die Wirtschaft eine Katastrophe. Solange man aber nicht an dem Punkt ist, gibt es ganz schwierige Abwägungen. Denn eine Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren: Das Retten von Menschenleben durch Lockdown-Massnahmen hat direkte Auswirkungen auf das BIP.

In den vergangenen Monaten hat sich die Situation ja wöchentlich verändert. Wie konnten Sie in so volatilen Zeiten überhaupt Prognosen erstellen?

Das SECO hat bis vor der COVID-Krise jeweils nur quartalsweise Daten veröffentlicht. In ganz kurzer Zeit hat man es aber geschafft, einen wöchentlichen Wirtschaftsindikator zu kreieren. Dieser griff auf Indikatoren wie Kreditkartenumsätze, Stromverbrauch oder Zahlungsumsätze bei den Banken zurück. Damit konnten wir Ökonomen und Ökonominnen sehr zeitnah beurteilen, wie es der Wirtschaft ging, und plausiblere Szenarien und Prognosen erstellen. Eine andere wichtige Aufgabe, die wir hatten, war zu beurteilen, ob die Unterstützungsmassnahmen wirkungsvoll sind oder ob es andere und weitere braucht.

Hat die Pandemie und die Arbeit in der Task Force eigentlich den Blick auf Ihr eigenes Fach verändert?

Nein. Die Arbeit in der Task Force war befruchtend und inspirierend, aber die Pandemie hatte ihren Ursprung ja nicht in wirtschaftlichen Fehlentwicklungen. Vielmehr hat die Pandemie die Wirtschaft getroffen wie ein Meteoriteneinschlag. Darum muss man in meinen Augen am System auch nichts Grundsätzliches ändern.

Aber der Lockdown hat schon auch Schwachstellen in unserem System hervorgebracht – exemplarisch bei der mangelhaften Absicherung freischaffender Künstlerinnen und Künstler.

Das stimmt, aber es wurden auch sehr schnell effektive Massnahmen ergriffen. Die neu geschaffene Unterstützung von selbständig Erwerbenden hat gut funktioniert. Das Ergreifen solcher Massnahmen stellt aber die Grundsätze der Wirtschaftspolitik nicht in Frage. Ich denke, wenn man nach 2008 nicht die richtigen Schlüsse aus der Finanzkrise gezogen hätte, nämlich vor allem von den Banken höhere Kapitalisierungen zu verlangen, würden wir heute wohl nicht nur über eine Gesundheitskrise, sondern auch über eine mögliche Finanzkrise reden. Aber auch die Schuldenbremse hat dazu beigetragen, dass wir uns all die Massnahmen, die wir getroffen haben, besser leisten konnten als stark verschuldete Staaten.

Über Aymo Brunetti

Aymo Brunetti ist seit 2012 ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie an der Universität Bern. Zuvor war er langjähriger Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft. Bis 2019 leitete er zudem den vom Bundesrat eingesetzten Beirat zur Zukunft des Finanzplatzes Schweiz. Brunetti ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel und gehört laut dem Ökonomenranking der NZZ zu den einflussreichsten Ökonomen und Ökonominnen der Schweiz.

Über Spirit of Bern

Spirit of Bern ist als breit abgestützte Stiftung organisiert. Im Stiftungsrat vertreten ist auch die Universität Bern. An der einmal jährlich stattfindenden Veranstaltung versammeln sich führende Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Die diesjährige Ausgabe widmet sich der Frage «Das neue Normal – Folgen einer Pandemie» und findet am Montag, 30. August 2021 im Kursaal Bern von 8.30 bis 18.30 Uhr statt.

Zur Autorin

Nicola v. Greyerz arbeitet als Eventmanagerin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.