08.07.2021 | Universität | Umwelt & Materie

Der Lehrling, der Teile für den Weltraum herstellt

Von Bauteilen für Eisbohrer für die Antarktisforschung über optische Laborinstrumente bis hin zu Teilen für Satelliten für die Weltraumforschung: Im Rahmen seiner Polymechaniker-Lehre in der Werkstatt des Physikalischen Instituts der Universität Bern hat Jan Heidegger bereits alles angefertigt.

Von Tim Blöchlinger

Den Maschinenpark der Werkstatt durchdringt ein Rattern, Rumoren und Poltern. Es wird gebohrt, geschliffen, erodiert und geschweisst. Die CNC-Maschinen – Apparate mit computerunterstützter Steuerung – führen komplexe und hochpräzise Dreh- und Fräsarbeiten an massgeschneiderten Bauteilen durch.

Die Werkstatt-Mitarbeitenden aus den verschiedenen Abteilungen des Physikalischen Instituts unterstützen hier mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung die Forschenden, Ingenieurinnen und Konstrukteure in der technischen Umsetzung ihrer vielseitigen Projekte.

Die Universität Bern rangiert im Instrumentenbau für Weltraummissionen an der Weltspitze. Hergestellt werden die Instrumente in der Werkstatt des Physikalischen Instituts. Für viele renommierte Wissenschaftsprojekte wurden hier bereits Prototypen angefertigt wie beispielweise das Sonnenwindsegel für die erste Mondlandung, das Massenspektrometer ROSINA für die Rosetta-Mission oder das Weltraumteleskop CHEOPS.

«Wir haben uns der Herausforderung gestellt»

«Einen normalen Arbeitsalltag gibt es hier nicht», sagt Jan Heidegger. Die Arbeiten in der Werkstatt seien vielfältig und interessant. Eine Massenproduktion findet hier nicht statt: Die Bauteile werden nur in geringen Stückzahlen benötigt. Die Maschinen müssen so stetig neu eingestellt werden. Das macht den Job abwechslungsreich, aber auch herausfordernd.

Im letzten Ausbildungsjahr müssen die Auszubildenden in den Berufsschulen eine praktische Abschlussarbeit im allgemeinbildenden Unterricht anfertigen. Jan Heidegger stellte sich für seine sogenannte Vertiefungsarbeit während zwei intensiven Monaten mit einem anderen Auszubildenden erfolgreich der Herausforderung, einen funktionsfähigen Rover zu konstruieren. Dabei handelt es sich um ein Fahrzeug zur Erforschung fremder Himmelskörper wie dem Mars. Für ihren Rover haben die beiden Lehrlinge jedes Bauteil selbst hergestellt: die Kunststoffteile mit dem 3D-Drucker, die widerstandsfähigeren Teile aus Aluminium mit der CNC-Maschine. Heidegger widmete sich vornehmlich der Konstruktion des Rovers, sein Kollege vor allem der Softwareentwicklung. «Wir haben uns ideal ergänzt und konnten uns auf unsere jeweiligen Fachexpertisen konzentrieren», erläutert Heidegger.

Dass er sich für seine Vertiefungsarbeit für ein Projekt in der Weltraumforschung entschieden hat, hängt mit seiner Neugierde für diesen Forschungsschwerpunkt der Universität Bern zusammen: «Mich fasziniert das Unbekannte, das im All auf seine Entdeckung wartet. Insbesondere begeistern mich die technischen Hürden, die es dafür zu bewältigen gilt.»

Lehre mit Potenzial

Der Leiter der Werkstatt ist Heinz Tschumi. Er ist sowohl für die Beschaffung der Materialen, die Logistik sowie die Wartung der Maschinen verantwortlich und garantiert allgemein das Funktionieren des Werkstattbetriebs. Seinem Stellenbeschrieb ist aber noch ein weiteres Aufgabengebiet zugeordnet: Tschumi bildet pro Lehrjahr auch drei Polymechaniker-Lernende aus. Die Ausbildungstätigkeit macht ihm Spass: «In den jungen Auszubildenden das Feuer und die Freude für die Technik und die Mechanik zu wecken, dafür lehre ich.»

Tschumi sieht in der hiesigen Lehrlingsausbildung beste Zukunftsaussichten: «Die Lernenden erhalten von uns einen grossen Rucksack an Kompetenzen, die ihnen breite berufliche Perspektiven eröffnen.»

Auch Jan Heidegger schätzt die professionellen Rahmenbedingungen, die er an der Universität Bern erfahren durfte: «Ich konnte von der hohen Fachexpertise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren, auf modernen Maschinen arbeiten und wertvolle sowie einzigartige Einblicke in den Laboren erlangen. Mit Motivation und viel Durchhaltewille kann hier ein super Lehrabschluss erreicht werden.» Die Universität Bern als Ausbildungsstätte bereite die Lernenden optimal für den Arbeitsmarkt vor und biete eine ideale Grundlage, um sich in verschiedensten Bereichen weiterzubilden.

Jan Heidegger steht kurz vor Abschluss seiner vierjährigen Ausbildung. Er betrachtet seinen Rover: Das Gefährt strotzt vor Detailversessenheit. «Ich bin ein absoluter Perfektionist», erklärt er. «Ohne diese Persönlichkeitseigenschaft geht in meinem Beruf nichts.» Dieser Charakterzug zeigt sich auch in seiner individuellen praktischen Arbeit (IPA), die er für seine Abschlussprüfung zu absolvieren hatte. Dafür hat er einen perfekt ausgearbeiteten Sterling-Motor hergestellt und wurde mit der Note 5.9 prämiert. Für Jan Heidegger führt der Weg weiter an die Höhere Fachschule für Technik (HFTM) in Biel, an der er ab Oktober ein Maschinenbaustudium absolvieren wird.

WERKSTATT DES PHYSIKALISCHEN INSTITUTS

Die Werkstatt ist ein Dienstleistungsbetrieb für das Physikalische Institut der Universität Bern. Mit dem modernen Maschinenpark und fundiertem Fachwissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann eine grosse Bandbreite an mechanischen Prototypen für die Forschung und Lehre (Experimente) gefertigt und montiert werden. Die Werkstatt ist zudem eine Ausbildungsstätte für derzeit acht Polymechaniker-Auszubildende.

Kontakt

Heinz Tschumi
Physikalisches Institut der Universität Bern
Sidlerstrasse 5, 3012 Bern
Tel: +41 31 684 44 90
E-Mail: heinz.tschumi@unibe.ch



 

Über den Autor

Tim Blöchlinger absolviert ein Hochschulpraktikum in der Abteilung Kommunikation & Marketing (AKM) der Universität Bern.