18.08.2020 | Forschung | Umwelt & Materie

Zwei auf der Suche nach Leben im All

Andreas Riedo und Niels Ligterink sind auf der Suche nach Leben im All. Ein Portrait zweier Weltraumforscher, die schon jetzt ganz gespannt sind, wie die Menschheit darauf reagieren wird, sollte ihr Instrument ORIGIN dereinst ausserirdisches Leben finden.

Brigit Bucher

Andreas Riedo war schon als Kind fasziniert vom Weltraum: «Als kleiner Junge habe ich mir mein eigenes Sonnensystem gebastelt und es mir an die Zimmerdecke gehängt.» Heute beschäftigt er sich mit der Frage, ob ausserhalb der Erde Leben existiert und entwickelt Instrumente für den Nachweis von sogenannten Biosignaturen, Spuren von Leben also.

Andreas Riedo
Andreas Riedo © Universität Bern, Bild: Vera Knöpfel
Niels Ligterink Bild: zvg

Sein Kollege Niels Ligterink, mit dem Andreas Riedo das Massenspektrometer ORIGIN (mehr Informationen siehe unten in der Infobox zur Medienmitteilung) entwickelt hat, ist nicht weniger getrieben von grossen Fragen: «Mich faszinieren seltsame, exotische Moleküle, die nicht auf der Erde sondern anderswo im Weltraum existieren und chemische Reaktionen, die sich ausserhalb der Erde abspielen».

Mit der NASA in die Wüste und zurück nach Bern

Andreas Riedo hat an der Uni Bern Astrophysik studiert und in der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie 2014 doktoriert. 2016 hatte er die einmalige Gelegenheit, mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds in der Gruppe der weltberühmten Astrobiologin Pascale Ehrenfreund an der Universität Leiden in den Niederlanden zu arbeiten. Dank einem Marie-Curie Stipendium konnte er seinen Aufenthalt bis September 2019 verlängern. In der Zwischenzeit erhielt er eines der renommierten Einstein Stipendien der Einstein Gesellschaft in Berlin und konnte an der Freien Universität Berlin seine Forschungsarbeiten vorantreiben.

Andreas Riedo erzählt in diesem Zusammenhang: «Zeitgleich zeigte die NASA grosses Interesse am Herzstück von ORIGIN, dem Massenanalysator, und lud uns ein am NASA Projekt ARADS teilzunehmen. ARADS steht für ‘Atacama Rover Astrobiology Drilling Studies’ und ist ein Projekt der NASA, um die besten Instrumente für zukünftigen Missionen zu testen, welche Spuren von Leben auf extraterrestrischen Planeten finden sollen. Die NASA möchte unser Instrument auf deren Rover in der Atacama Wüste in Chile einsetzen; das ist der ideale Ort, um Weltrauminstrumente zu testen, da dort die Bedingungen ähnlich sind wie auf dem Mars, wo ja nach wie vor nach Leben gesucht und vermutet wird.»

Dies war der Ruf nach Hause an die Universität Bern, wo er sich nun intensiv auf die Weiterentwicklung von ORIGIN und dessen Massenanalysator konzentrieren kann, um diesen für mögliche zukünftigen Missionen bestmöglich vorzubereiten.  

Eine weite Reise für das kleine Weltraumwunder aus Bern

Niels Ligterink hat nach seinem Studium in Chemie seinen Doktortitel im Fach Astrochemie am Leiden Observatory absolviert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Entstehung von Molekülen in Sternentstehungsgebieten, wo Eis eine wichtige Rolle spielt: «Ähnliche chemische Prozesse finden beispielsweise auf Europa statt, dem Eismond von Jupiter», so Niels Ligterink. Dieser weitentfernte Mond – die Reise mit einer Raumsonde dorthin wird ca. 8 Jahre dauern – ist so ein Ort, an dem ORIGIN dereinst zum Einsatz kommen könnte.

Niels Ligterink wurde an der Uni Bern angestellt, um mit Andreas Riedo ORIGIN so weiterzuentwickeln, dass es auf Europa Leben suchen kann. «Unterhalb kilometerdichter Eisschichten befinden sich Ozeane, wo allenfalls Leben existieren könnte, das dank ORIGIN nachgewiesen werden könnte», erzählt Niels Ligterink.

Die idealen Bedingungen für die Weltraumforschung an der Uni Bern

 

«Hier in Bern sind die Bedingungen ideal, um Top Weltrauminstrumente zu bauen», sagt Andreas Riedo. Dies habe nicht zuletzt mit der Geschichte der Berner Weltraumforschung zu tun: «Seit der Beteiligung der Uni Bern an der ersten Apollo-Mission auf dem Mond im Jahr 1969 mit dem Sonnenwindexperiment, wurden hier in Bern zahlreiche Instrumente gebaut für Weltraummissionen der grossen Weltraumorganisationen wie der NASA, der ESA oder Roscosmos.» Darüber hinaus, und im Vergleich zu anderen Universitäten, erlaube der geringere Verwaltungsaufwand eine effektivere Konzentration auf die Wissenschaft, so Andreas Riedo weiter.

Und auch Niels Ligterink schwärmt von den idealen Voraussetzungen: «Wir profitieren in hohem Masse von der einzigartigen interdisziplinären Umgebung an der Uni Bern.» So gebe es nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Fachkenntnissen zum Beispiel aus den Bereichen Geologie, Chemie, Massenspektrometrie und Laserphysik, die zusammenarbeiten, sondern auch eben auch eine grosse und hochqualifizierte Ingenieurabteilung. «Diese Mischung aus Menschen, Fachwissen und Erfahrungen schafft ein Umfeld, das ideal für die Entwicklung eines Systems wie ORIGIN ist.»

«Das wird einen dramatischen Einfluss haben»

Und was glauben die beiden, wie wird das menschliche Bewusstsein beeinflusst, wenn eines Tages Leben im Universum entdeckt wird?

Niels Ligterink glaubt, dass die Menschheit Jahre oder Jahrzehnte brauchen werde, bis sie die Bedeutung einer solchen Entdeckung verstehen und zu schätzen wissen würde: «Man kann es mit der ersten Mondlandung vergleichen, deren Bedeutung damals vielen Menschen nicht bewusst war, und erst wenn wir jetzt zurückblicken, sehen wir, was für eine Errungenschaft das war.» Mit der ersten Entdeckungen von ausserirdischem Leben werde es wohl ähnlich sein, aber: «Schlussendlich wird der Einfluss auf das menschliche Bewusstsein aber noch viel, viel grösser sein als dies bei der ersten Mondlandung der Fall war.»

Andreas Riedo fügt an: «Die Entdeckung von ausserirdischem Leben hätte einen dramatischen Einfluss auf das Denken unserer Gesellschaft, da wir zum ersten Mal wüssten, dass wir nicht allein sind. Und vielleicht gelingt uns diese Entdeckung ja mit ORIGIN. Ich bin jedenfalls bereits jetzt ganz aufgeregt.»

Zu den Personen

Andreas Riedo

Andreas Riedo ist seit 2010 in der Weltraumforschung sowie im Design und in der Validierung von Raumfahrtinstrumenten tätig. Das erfolgreiche Verfassen von Stipendienanträgen ermöglichte es ihm, seine eigene wissenschaftliche Karriere effektiv zu verfolgen und mit weltbekannten Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Astrobiologie und der Weltrauminstrumentierung zusammenzuarbeiten. Sein Hauptforschungsinteresse gilt der Entwicklung neuartiger Messmethoden zur Erkennung von Leben unter Verwendung hochentwickelter laserbasierter, analytischer Weltrauminstrumente. Das in den letzten Jahren aufgebaute wissenschaftliche Netzwerk in Verbindung mit der Fachkompetenz auf dem Gebiet der Instrumente zur Erkennung von Leben ermöglichte ihm die Teilnahme an verschiedenen internationalen wissenschaftlichen Projekten unter anderem der NASA und der ESA.

Kontakt:
Dr. Andreas Riedo
Universität Bern, Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP)
Telefon direkt: +41 31 631 30 71
Email: andreas.riedo@space.unibe.ch
 

Niels Ligterink

Niels Ligterink ist seit 2018 als Postdoktorand an der Universität Bern tätig. Er studierte Chemie an der Freien Universität Amsterdam und promovierte anschliessend in Astrochemie an der Universität Leiden. Niels Ligterink interessiert sich für die chemischen Prozesse, die im Weltraum ablaufen, und die Informationen, die diese Prozesse über den Ursprung des Lebens sowie die Stern- und Planetenbildung liefern können. Er entwickelt Instrumente für Weltraummissionen zum Nachweis von Molekülen auf extraterrestrischen Planeten, führt Laborexperimente durch, um chemische Prozesse zu verstehen, und nutzt Teleskopbeobachtungen, um Moleküle um ferne Sterne zu untersuchen.

Kontakt: 
Dr. Niels F.W. Ligterink
Universität Bern, Center for Space and Habitabilty (CSH)
Telefon direkt: +41 31 631 44 15
Email: niels.ligterink@csh.unibe.ch  

Zur Medienmitteilung

Das empfindlichste Instrument für die Suche nach Leben im All stammt aus Bern

Forschende der Universität Bern haben das hoch empfindliche Instrument ORIGIN für zukünftige Weltraummissionen entwickelt, welches Kleinstmengen von Spuren von Leben nachweisen kann. Bereits haben Weltraumorganisationen wie die NASA Interesse bekundet, ORIGIN für zukünftige Missionen zu testen. Zum Einsatz kommen könnte das Instrument zum Beispiel bei Missionen zu den Eismonden Europa (Jupiter) und Enceladus (Saturn).

 

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin Media Relations und ist Themenverantwortliche «Space» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.