18.08.2020 | Personen | Umwelt & Materie

Zum Tod von Jürg Meister

Vor gut einem Jahr hielt Jürg Meister einen Teil der Sonnenwind-Folie, die an Bord von Apollo 11 zum Mond geflogen war, wieder in den Händen – anlässlich eines Filmporträts zum 50. Jahrestag der Mondlandung. Als Doktorand an der Universität Bern beteiligte er sich massgeblich am weltberühmten Sonnenwindexperiment. Am 7. August 2020 ist der Physiker im Alter von 81 Jahren verstorben.

Von Nicola von Greyerz

«Zwei Monate vor dem Apollo 11 Flug musste das Paket, das zum Mond fliegen sollte, nach Cape Canaveral gebracht werden. Dafür habe ich den Zuschlag bekommen. Ich nahm die Folie im Handgepäck mit, gab sie drüben ab. Jetzt, nach 50 Jahren, sehe ich sie zum ersten Mal wieder». Sichtlich gerührt hält Jürg Meister im Video den Bilderrahmen mit dem untersten Folienteil des Sonnenwindsegels in den Händen und erzählt weiter. Dass seine Frau und er extra ein TV Gerät gemietet hätten, um die erste Mondlandung live mitzuerleben und dass es ihn sehr freue, dass auch nach 50 Jahren immer noch so grosses Interesse an dem Berner Sonnenwindsegel bestehe.

Guido Schwarz, Kommunikationsverantwortlicher vom Nationalen Forschungsschwerpunkt NFS PlanetS, produzierte im Vorfeld von «Bern im All», den Feierlichkeiten rund um das Jubiläum der ersten Mondlandung im Sommer 2019, eine Serie von Videoporträts mit Pionierinnen und Pionieren der Berner Weltraumforschung. Jürg Meister ist als wichtiger Zeitzeuge einer der acht Kurzfilme gewidmet.

Sein Porträt ist geprägt von der ruhigen, präzisen und unaufdringlichen Art, in der Meister beispielsweise den Mechanismus der Teleskopstangen beschreibt, an denen das Segel befestigt wurde, oder das Experiment erklärt, mit dem Partikel des Sonnenwindes eingefangen werden und später im Berner Labor ausgewertet sollten: «Das ist ungefähr so, wie wenn man mit Schrot auf einen Baum schiesst. Die Kügelchen bleiben stecken. Wenn man das Holz verbrennt, kommen die Kugeln wieder zum Vorschein und man kann sie zählen. Etwa so ging das mit den Sonnenwindionen.»

Jürg Meister hat als junger Doktorand sowohl an der Entwicklung des Sonnenwindsegels als auch an der Konstruktion des Sonnenwindsimulators mitgearbeitet. In diesem Simulator wurde künstlicher Sonnenwind mittels irdischer Edelgase erzeugt. So konnte der Nachweis erbracht werden, dass die Teilchen des Sonnenwindes tatsächlich in der Folie stecken bleiben würden. Dieses Experiment brauchte es, um die NASA zu überzeugen, das Berner Sonnenwindsegel mit zum Mond fliegen zu lassen. Jürg Meister hatte dafür mehr als tausend Tests durchgeführt.

Bei allen Erzählungen schwingt auch Stolz mit, Teil des Teams rund um Physikprofessor Johannes Geiss gewesen zu sein. Sein Sonnenwindsegel begründete den weltweit exzellenten Ruf der Universität Bern in der Weltraumforschung. «Zum Mond raufschauen und sich vorstellen, dass dort oben fünf von diesen Teleskopstangen, an denen das Sonnenwindsegel aufgehängt war, liegen und wahrscheinlich auf Zeit und Ewigkeit dort bleiben werden, das macht mich stolz und gibt mir ein richtig gutes Gefühl», sagte Jürg Meister im Video.

Im Sommer 2019 schien es für ihn daher wohl eine Selbstverständlichkeit, sich aktiv an den «Bern im All»-Feierlichkeiten rund um das 50-Jahr-Jubiläum der ersten Mondladung zu beteiligen. Mit Freude kam er den vielen Medienanfragen nach und erzählte mit grosser Geduld – und dem ihm eigenen Schalk in den Augen – Zeitungen, Radio- und TV-Stationen, aber auch bei der grossen Jubiläumsveranstaltung im Berner Kursaal immer wieder von den vielen Herausforderungen, die sich dem Team von der ersten Idee bis hin zur Realisierung des Sonnensegel-Experiments stellten. «Das verlangte uns schon sehr viel Hirnschmalz ab», fügte Meister an. Einen besseren Botschafter für das Festival konnte sich das Team von «Bern im All» nicht vorstellen!

Jürg Meister wurde 1939 geboren. Er wuchs in Köniz auf und studierte an der Universität Bern Experimentalphysik und doktorierte bei Prof. Johannes Geiss. In den frühen 1970er Jahren absolvierte er ein Postdoktorat an der Rice-University in Texas und beschäftigte sich dort mit der Analyse von Daten eines anderen Monddetektors. Nach seiner Rückkehr nach Bern wechselte er bald in die Munitionsfabrik Thun und zog mit seiner Familie nach Steffisburg. Seit jeher hat ihn alles, was flog, in den Bann gezogen. So hat er zum Beispiel mit seiner Frau Susanne zu Hause Schwalbenschwanz-Schmetterlinge gezüchtet. Am vergangenen 7. August hat auf einer Wanderung zu den Gastlosen sein Herz aufgehört zu schlagen.

Zur Autorin

Nicola von Greyerz arbeitet als Verantwortliche für gesamtuniversitäre Anlässe in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern und war Projektleiterin der Feierlichkeiten von «Bern im All» zum 50-jährigen Jubiläum der Mondlandung.