29.09.2020 | Universität | Staat & Wirtschaft

World Trade Forum 2020: Die Zukunft der Handelspolitik und der externen Zusammenarbeit

Das diesjährige World Trade Forum befasste sich mit Handelskonflikten zwischen grossen Volkswirtschaften, generellen Spannungen im Welthandel und mit den damit verbundenen Lösungsansätzen. Zudem wurden Möglichkeiten diskutiert, wie die zukünftige Zusammenarbeit im internationalen Handel gestärkt werden kann.

Von Pablo Rahul Das

Führende Handelsexpertinnen und -experten aus der Praxis, Wissenschaft, Verwaltung, NGOs, internationalen Organisationen und der Privatwirtschaft nahmen am diesjährigen World Trade Forum vom 22. – 23. September teil. Das World Trade Forum wird jeweils gemeinsam vom World Trade Institute der Universität Bern (WTI) und vom European University Institute (EUI) in Florenz organisiert. Das EUI war dieses Jahr hauptverantwortlich für die Organisation und Durchführung der Konferenz. Wegen COVID-19 wurde das World Trade Forum dieses Jahr erstmals online durchgeführt.

Effektive Handelspolitik

Joseph Francois, Direktor des WTI und Bernard Hoekman, Programmdirektor Weltwirtschaft am Robert Schuman Centre for Advanced Studies des EUI, eröffneten das Forum: «Die Themen, die wir letztes Jahr behandelt haben, bleiben weiterhin wichtig und auch noch aktuell, wenn COVID-19 Geschichte ist. Die Herausforderungen für das System sind immer noch da», sagte Francois. Ein Ziel des Forums war deshalb, sich diesen Herausforderungen zu stellen und mögliche Lösungen dafür zu diskutieren.  

In der auf die Begrüssung folgenden Plenarsitzung zum Thema «Handels- und nichthandelspolitische Ziele: Soft vs. Hard Power» betonte Pamela Coke-Hamilton, neue Direktorin des International Trade Centers ITC, wie wichtig Handelsabkommen seien und wie diese «nicht handelspolitische Ziele» – wie zum Beispiel Bürgerrechte, Sicherheit, wirtschaftliche und soziale Rechte sowie Umweltschutz – vorantreiben können. Unter den Entwicklungsländern im asiatisch-pazifischen Raum sei ein erheblicher Kapazitätsaufbau erforderlich, um nichthandelsbezogene Ziele wie Arbeits- und Umweltbestimmungen in Handelsabkommen aufzunehmen, stellte Eduardo Pedrosa vom Pacific Economic Cooperation Council (PECC) in Singapur fest. Der unabhängige Handelsberater Junior Lodge wiederum meinte: «Effektive Handelspolitik ist ein Regierungsinstrument. Nichthandelsziele in Handelsabkommen einzubeziehen ist kein Kompromiss.»

Schwierige Beziehungen zwischen Grossmächten

Weitere Panels befassten sich mit Fragen zu den Handelsbeziehungen zwischen China, der EU sowie den USA und der andauernden globalen Nachhaltigkeitsdebatte. So erläuterte Zhang Xiangchen, der chinesische Botschafter bei der Welthandelsorganisation WTO, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen den USA und China sei, um die COVID-19-Pandemie zu besiegen. Es sei bedauerlich, dass die Zusammenarbeit teils nicht möglich sei, so Xiangchen weiter. Im Panel zu «Wertschöpfungsketten und nachhaltiger Wirkung» lieferte Joseph Francois einen Überblick zur Anwendung einer multiregionalen Input-Output-Analyse (MRIO), um den Effekt von Präferenzhandelsabkommen (PTAs) besser zu verstehen. Nebst Joseph Francois beteiligten sich auch Doris Oberdabernig und Patrick Tomberger vom WTI an der Diskussion zu den Herausforderungen und Alternativen der Klimapolitik. Vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik war Clara Brandi, Ökonomin und Politikwissenschaftlerin, anwesend. Sie präsentierte, wie Wertschöpfungsketten durch sogenannte «Voluntary Sustainability Standards (VSS)» nachhaltiger gestaltet werden können. Diese Standards sind ein weit verbreitetes Instrument zur Steuerung verschiedener Aspekte globaler Wertschöpfungsketten. Sie garantieren, dass gekaufte Produkte die Umwelt und die Menschen, die sie herstellen, nicht schädigen.

Lösungsansätze für Handelskonflikte

In der Plenarsitzung vom Nachmittag diskutierten die Gesprächsteilnehmenden über die globale Handelspolitik im Allgemeinen sowie über Handelskonflikte und mögliche Lösungsansätze dafür. André Sapir vom Wirtschafts-Think Tank Bruegel sagte: «Die Frage, die sich stellt ist: Ist die Europäische Union bloss ein Schlachtfeld im Handelskonflikt zwischen den USA und China oder ist sie im Konflikt auch ein wichtiger Spieler? Sie ist sicherlich beides, denn die EU ist ein riesiger Markt, um den beide Seiten wetteifern und gleichzeitig versucht sie den Kurs, auf dem die Welt zurzeit unterwegs ist, zu beeinflussen». Sebastien Jean (Centre D'études Prospectives Et D'informations Internationales (CEPII)) erörterte, wie COVID-19 den Welthandel grundlegend verändere: Er erwähnte unter anderem zunehmende internationale Spannungen, mehr Nachfrage nach Schutz und Vorsorge sowie verstärkte staatliche Beteiligung. «Die Länder, die offen für den Handel bleiben, werden mittel- und langfristig besser abschneiden», sagte Anne Krueger von der John-Hopkins-Universität über die Zukunft des Handels. Man müsse, unter anderem, die Welthandelsorganisation «wiederbeleben», bevorzugte Handelsvereinbarungen (Preferential Trade Arrangements) stärken und die Offenheit und den Wettbewerb im Welthandel beibehalten, so Krueger.

Die Zukunft des Welthandels

Der zweite Tag des Forums startete mit einer Plenumsdiskussion zur aktuellen Situation des multilateralen Handelssystems. Dabei lieferten die Expertinnen und Experten Meinungen zu Herausforderungen, die der internationale Handel durchlebt, wie etwa die anhaltende Lähmung der WTO-Berufungsinstanz, die Verschärfung des geopolitischen Wettbewerbs oder politisch bedingte Exportbeschränkungen, und Lösungen, die zu einer gewissen Entspannung beisteuern könnten. Bernard Hoekman erklärte etwa, dass für ihn die Verschiebung in Richtung Plurilateralismus ein positives Signal sei. Peter Van den Bossche, Studienleiter am WTI, schlug unterdessen für die Zukunft des WTO-Streitschlichtungsverfahren vor, die Wiederbelebung eines reformierten Berufungsgremiums und die Einrichtung eines grösseren ständigen Gremiums voranzutreiben.

Das Forum endete mit einer Diskussion zum Thema «COVID-19: Lehren für die Handelspolitik und Zusammenarbeit». Caroline Freund von der Weltbank sprach etwa darüber, wie COVID-19 Handelstrends – wie beispielsweise eine Stagnation der globalen Wertschöpfungsketten oder die Gefährdung des multilateralen Handelssystems –, die sich bereits vor der Pandemie abzeichneten, beschleunigte. Zur Zukunft des Welthandels im Lichte der COVID19-Krise zeigte sich Sabine Weyand von der Europäischen Kommission hoffnungsvoll: «Jede Krise bietet die Möglichkeit, Positionen zu überdenken und daraus etwas Positives zu machen.»  

Wie bereits in vergangenen Jahren, werden verschiedene Beiträge des Forums in einer Publikation, in Zusammenarbeit mit Cambridge University Press, erscheinen.

Mehr Informationen sowie Aufnahmen von allen Plenarsitzungen und Panels sind auf der Webseite des World Trade Institute abrufbar.

World Trade Institute (WTI)

Das World Trade Institute der Universität Bern ist ein interdisziplinäres Zentrum, das zu internationalen Handels- und Investitionsfragen sowie Nachhaltigkeit forscht. Darüber hinaus bietet es Lehre und Ausbildung zu Themen der wirtschaftlichen Globalisierung an.

Zum Autor

Pablo Rahul Das leitet die Kommunikationsabteilung am World Trade Institute der Universität Bern.