10.09.2020 | Personen | Geist & Gesellschaft

«Wir werden es als Befreiung begreifen, wieder ins Theater zu gehen»

Andreas Kotte war der erste Professor für Theaterwissenschaft in der Schweiz. Zu seiner Abschiedsvorlesung erscheint ein Buch, das auf 30 Jahre Forschungstätigkeit zurückblickt. Im Gespräch erinnert er sich an seine Anfänge in Bern und zeichnet in grossen Bögen die Entwicklung des Theaters in der Schweiz nach.

Interview: Nicola von Greyerz

Herr Kotte, Sie waren der Gründungsdirektor des ersten Instituts für Theaterwissenschaft (ITW) in der Schweiz. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre erste Zeit in Bern denken?

Es kamen Studierende aus der ganzen Schweiz nach Bern, um Theaterwissenschaft zu studieren. Es ergab sich sehr schnell eine familiäre Situation. Und wir haben von Anfang an – gewissen Vorbehalten gegenüber der Unwissenschaftlichkeit zum Trotz – die praktische Theaterarbeit der Studierenden unterstützt. Der Verein des Berner StudentInnentheaters BeST konstituierte sich dann sogar noch vier Tage vor dem Institut. Diese Aktivitäten waren unsere Spielvariante angewandter Forschung. Ich denke, die Partizipation, der Zusammenhalt und die Familiarität sind an unserem Institut überdurchschnittlich hoch, gefördert durch eine aktive Fachschaft.

Das ITW ist ja in kurzer Zeit sehr stark gewachsen. Wie haben Sie dieses Wachstum bewältigt?

Neben der Professur gab es eine Assistenz und eine «halbe» Sekretärin. Wir starteten mit 30 Studierenden, 2005 waren es bereits 220. Diese rasant wachsende Überlast war wirklich enorm. Ich musste vom ersten Tag an die Lehre – denn ich konnte sie ja nicht alleine leisten – mit Forschung und Grossprojekten quersubventionieren. Wer zum Beispiel für die Erarbeitung des Theaterlexikons der Schweiz angestellt wurde oder wer doktorierte, musste in irgendeiner Weise bei der Lehre mithelfen.

Die Bolognareform war für das ITW ehrlich gesagt ein Segen. Nach 13 Jahren gab es die erste Inventur: die Betreuungsverhältnisse der einzelnen Institute wurden miteinander verglichen. Das Ergebnis war, dass wir eine ausserordentliche Professur zugesprochen bekamen. Im Zusammenhang mit dem Projekt «Innovative Lehre» konnten wir zudem eine Assistenzprofessur für Tanzwissenschaft am Institut ansiedeln. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Wurzeln von Theater und Tanz dieselben sind.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Instituts ist Ihr über sieben Semester laufender Vorlesungszyklus zur europäischen Theatergeschichte. Das ist in heutigen Tagen ja schon fast monumental. Wie schaffen Sie es, dass die Studierenden dranbleiben?

Heiner Müller, ein widerspenstiger Theatermann, bezeichnete Theater als Störung. Ich habe Theatergeschichte immer als eine grosse Erzählung angeschaut – mit erheblichen Störungen. Sie können zum Beispiel in der Renaissance nur das Humanistentheater betrachten. Wir haben dieses aber stets mit der Commedia dell’Arte konfrontiert. So lassen sich in derselben Epoche divergierende Systeme untersuchen. Und ich glaube, diese Herangehensweise dialektischen Denkens schätzen die Studierenden.

Von welchen Leitlinien war Ihre Forschung geprägt?

Meine zentralen Forschungsschwerpunkte lagen bei der Theatergeschichte, speziell bei der schweizerischen sowie bei der systematischen Theaterwissenschaft. Mich interessiert der Zusammenhang zwischen den hauptsächlichen Formen von Theater – in der Schweiz von Stadttheater, professioneller freier Szene und Amateurtheater. Der Wert von Theater liegt im Wechselspiel dieser Formen. Wir haben zum Beispiel die Theatersysteme in acht kleineren Ländern Europas verglichen. Dabei konnten wir feststellen, dass die Schweiz in Bezug auf Dichte, Vielgestaltigkeit, Verankerung in der der Gesellschaft und Durchdringung der Formen unique ist. Sie übertrifft dabei auch Nachbarländer wie Deutschland oder Österreich.

Lassen sich auch Veränderungen in den verschiedenen Theaterformen und ihrem Zusammenspiel feststellen?

In keiner der drei Theaterformen hat es in den vergangenen Jahrzehnten einen wesentlichen Einbruch gegeben. Wir konnten zum Beispiel keine negativen Folgen durch Fernsehen, Internet, Smartphones oder Streamingdienste nachweisen, obwohl wir das angenommen hatten. Das Zusammenspiel der Formen erscheint heute fliessender, es gibt mehr Zusammenarbeit. Auch die Grenzen zwischen den klassischen Sparten Oper, Schauspiel und Tanz schwinden. Das ist das Ergebnis einer grösseren personellen Durchlässigkeit und wohl auch der stärkeren Professionalisierung der freien Szene und der Kleinkunst. Sich gegen die Anderen durchzusetzen – wie früher die Kleintheater gegen die Stadttheater – steht nicht mehr im Vordergrund.

Sie werden als Theaterwissenschaftler in einer Zeit emeritiert, in der Theater nicht stattfinden darf. Das ist eine Ironie des Schicksals. Welche Gedanken gehen Ihnen dabei durch den Kopf?

Der grösste Vorteil des Theaters, die direkte Kommunikation und die Nähe zum Publikum, schlägt im Moment in den grössten denkbaren Nachteil um. Alle die Versuche, Theater auf Internetplattformen stattfinden zu lassen, können nur ein Behelf sein. Im besten Fall macht die aktuelle Situation den Wert dieser Kunstform aber umso bewusster. Ich denke, wir werden es als Befreiung begreifen, wieder ins Theater zu gehen. Mir persönlich fiel der Wechsel in diese Zoom-Situation schwer. Fernunterricht in der Theaterwissenschaft, das ist einfach eine contradictio in adiecto. Sachlich kann man die Fakten per Zoom sicherlich bestens rüberbringen. Aber das Potenzial, Studierende zu begeistern, das bleibt auf der Strecke.

Zu Ihrer Emeritierung erscheint im Chronos Verlag eine Sammlung von Aufsätzen und Artikeln, die Ihre 30-jährigen Forschungstätigkeit dokumentieren. Was hat Sie bei der Arbeit an diesem Buch am meisten beschäftigt?

Es sind 26 zwischen 1989 und 2019 verstreut erschienene Beiträge von mir, die meine Studienbücher «Theaterwissenschaft» und «Theatergeschichte» umkreisen, sie ergänzen und in Zusammenhang bringen. Für mich war bei der Zusammenstellung am spannendsten zu sehen, wie bei der Herausbildung meines eigenen Konzepts Versuch und Irrtum Hand in Hand gingen. Und natürlich habe ich die Möglichkeit genutzt, das Konzept in einem Originalbeitrag zu aktualisieren.

Über Andreas Kotte

Andreas Kotte war Gründungsdirektor des 1992 schweizweit ersten und bis dato einzigen Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Bern. Nach Abitur, einem Berufsabschluss als Bauzeichner und einer Tätigkeit als Beleuchter studierte er Theaterwissenschaft, Kulturwissenschaft und Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er promovierte und habilitierte dort und war danach als Privatdozent tätig, bis er an der Universität Bern ordentlicher Professor für Theaterwissenschaft wurde. Seine Schwerpunkte liegen neben dem Schweizer Theater in der systematischen Theaterwissenschaft und der Theaterhistoriografie. Ende Frühjahrsemester 2020 wurde Andreas Kotte emeritiert.

Das Institut für Theaterwissenschaft

Das Institut für Theaterwissenschaft (ITW) wurde im Februar 1992 als erstes theaterwissenschaftliches Institut der Schweiz an der Universität Bern gegründet. Es widmet sich der Theater- und Tanzwissenschaft, die szenische Vorgänge der Vergangenheit und Gegenwart untersuchen. Sie setzen dabei historisches und theoretisches Wissen mit dramaturgischen und analytischen Fragestellungen in Beziehung. Die Studienbereiche Geschichte, Theorie und Dramaturgie / Aufführungsanalyse tragen in Lehre und Forschung dazu bei, dass der öffentliche Diskurs über Theater und Tanz differenzierter und qualifizierter geführt werden kann.

Zur Publikation Schau Spiel Lust.

Eine Sammlung theaterhistorischer, theatertheoretischer und dramaturgischer Überlegungen aus drei Jahrzehnten Forschungstätigkeit. Der Autor forscht zur europäischen und zur schweizerischen Theatergeschichte sowie zum Unterschied zwischen Theater und Medien. Auf der Suche nach den anthropologischen Wurzeln von Theater stösst er dabei auf Vorgänge, die er als szenisch bezeichnet, weil darin Inszenierung anklingt.

Andreas Kotte: Schau Spiel Lust. Was szenische Vorgänge bewirken. Mai 2020. Theatrum Helveticum, Band 20.

Zur Autorin

Nicola von Greyerz arbeitet als Eventmanagerin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern. Sie hat im Jahr nach der Gründung des ITW im Nebenfach Theaterwissenschaft zu studieren begonnen.