11.12.2020 | Forschung | Umwelt & Materie

«Wir müssen der Vielfalt in Berggebieten Sorge tragen»

Die Universität Bern leitet zusammen mit einem kenianischen Forschungszentrum den UNESCO-Chair «Natur- und Kulturerbe für eine nachhaltige Berggebietsentwicklung». Ein Gespräch zum internationalen Tag der Berge vom 11. Dezember mit Theresa Tribaldos, Mitarbeiterin am UNESCO-Chair in Bern.

Von Gaby Allheilig

Theresa Tribaldos, Sie forschen am Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern unter anderem am UNESCO-Chair «Natur- und Kulturerbe für eine nachhaltige Berggebietsentwicklung». Welchen Bezug haben Sie persönlich zu Bergen?

Ich bin eine leidenschaftliche Berggängerin, egal ob wandernd, kletternd oder Ski fahrend. Die Eislandschaften unserer Gletscher, aber auch die Naturgewalten zeigen uns, wie klein wir letztlich sind. Das tut uns – so glaube ich – gut. Aber natürlich geniesse ich es genauso, von einem Berg aus in die Weite zu blicken oder auf einer anstrengenden Bergtour den Alltag hinter mir zu lassen.

Das Motto des internationalen Tags der Berge lautet heuer «Biodiversität». Welche Bedeutung hat das für den UNESCO-Chair an der Universität Bern?

Dieses Jahresthema ist für uns zentral. Denn einer unserer Schwerpunkte liegt auf den Ernährungssystemen; sie werden von der Artenvielfalt massgeblich beeinflusst und sind ein wichtiger Bestandteil einer Kultur. Weil Topografie und Klimazonen in den Berggebieten äusserst vielfältig sind, wurden dort auch besonders viele Arten und Varietäten gezüchtet. Das zeigt sich bei Kulturpflanzen, die massgeblich zu unserem Speiseplan beitragen, wie Kartoffeln, Quinoa, Mais und Tomaten: Sie wurden ursprünglich vor allem in Berggebieten wie den zentralen Anden oder im mexikanischen Hochland kultiviert oder angepasst. Zudem ist es generell sehr wichtig, uns in Erinnerung zu rufen, dass es sich lohnt, der Vielfalt im Berggebiet Sorge zu tragen. Der internationale Tag der Berge leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

Laut UNESCO dienen ihre Chairs an Hochschulen oft als Think-Tanks und Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, lokalen Gemeinschaften und der Politik. Wo liegt der Schwerpunkt des Berner Chairs?

Die explizite Verbindung Nord-Süd ist sicher eine Spezialität: Während ein UNESCO-Chair meistens an eine Person gebunden ist, haben wir bei unseren Partnern in Kenia einen Co-Chair. Deshalb steht für uns im Vordergrund, im Austausch mit verschiedenen Regionen der Welt voneinander zu lernen sowie ein entsprechendes internationales Netzwerk aufzubauen und zu pflegen.

Neben dem UNESCO-Chair gibt es etliche weitere internationale Netzwerke, die sich der nachhaltigen Entwicklung in Berggebieten verschrieben haben. So zum Beispiel die «Mountain Research Initiative», deren Koordinationsstelle ihren Sitz ebenfalls am CDE hat. Wozu braucht es zusätzlich einen UNESCO-Chair?

Wir sind unterschiedlich ausgerichtet: Die Mountain Research Initiative MRI ist ein globales Netzwerk zur Gebirgsforschung, das stark naturwissenschaftlich geprägt ist. Unser Chair hingegen ist darauf ausgerichtet, spezifisch Kultur und Natur zu kombinieren. Unser Ansatz basiert sehr stark darauf, dass man das eine nicht vom andern trennen kann – gerade wenn es um nachhaltige Entwicklung geht. Denn Kultur erwächst aus einer sozialen Gemeinschaft, die von der natürlichen Umgebung geprägt und in diese eingebettet ist.

Dass unser Chair und die MRI unter dem gleichen Dach arbeiten, ist eine grosse Chance für die Zusammenarbeit. Unser Plan ist, sowohl mit der MRI als auch mit andern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich am CDE mit Berg-Themen befassen, den Berg-Fokus am CDE zu stärken und die verschiedenen Kompetenzen vermehrt zusammenzuführen.

Der «Berner» UNESCO-Chair ist nicht nur an der Universität verankert, sondern auch am World Nature Forum in Naters, also im UNESCO-Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch. Wie stark beeinflusst diese Verbindung Ihre Aktivitäten?

Inhaltlich sind wir unabhängig, aber die Zusammenarbeit ist eng und fruchtbar. So versuchen wir, Synergien zu nutzen, beispielsweise für gemeinsame Workshops. Normalerweise finden diese im Managementzentrum der Welterbe-Region in Naters statt. In naher Zukunft werden wir dort der Öffentlichkeit auch unsere Forschungsresultate präsentieren. Kommt hinzu, dass das World Nature Forum sehr stark in der Region Bern-Wallis vernetzt ist. Damit sind sie für uns ein sehr wichtiges Bindeglied zu den verschiedenen lokalen Akteuren, die wir künftig noch mehr in unsere Projekte und Aktivitäten einbeziehen wollen.

Ihr Forschungsprogramm ist sehr breit gefasst – sowohl inhaltlich wie geografisch. Es reicht von der Frage, was SAC- und andere Hütten zur nachhaltigen Entwicklung in Berggebieten beitragen können, bis hin zum Aufbau eines energie-autarken Naturschutzgebiets in Chile. Ist das nicht etwas breit, um Wirkung zu entfalten?

Die Frage ist, wie man Wirkung definiert. Wenn wir in einem kleinen Bereich etwas in Richtung Nachhaltigkeit bewirken können, macht mich das auch zufrieden. So ist beispielsweise das Projekt in Chile seit zwei Jahren abgeschlossen, aber die lokalen Akteure dort machen sehr aktiv weiter – sei dies in Projekten zu Bildung und Nachbarschaftshilfe oder um den Naturschutzpark Coyhaique zu unterstützen und zu erhalten. Auch wenn es sich um ein kleines Projekt handelt: In anderen Gebieten können wir es als positives Beispiel nutzen und an diese Erfahrungen anschliessen – natürlich jeweils an die entsprechenden Gegebenheiten angepasst. Wirkung definiert sich nicht über die Grösse, sie kann im Kleinen beginnen.

Die UNESCO hat kürzlich den Chair um vier Jahres verlängert. Was ist für die kommenden Jahre geplant?

Einer der Schwerpunkte ist die Fragestellung: Was bedeuten die UNO-Nachhaltigkeitsziele für Berggebiete? Da wollen wir eine Methode entwickeln, wie man mit lokalen Akteuren zusammen definieren kann, was nachhaltige Entwicklung für ihre Umgebung heisst und wie sich entsprechende Indikatoren entwickeln lassen. In einem Pilotprojekt im Welterbegebiet Jungfrau-Aletsch planen wir, gemeinsam mit den Hüttenwartinnen und Hüttenwarten zu ermitteln, was Berghütten für die nachhaltige Regionalentwicklung in Berggebieten leisten können und ob regionale Produkte die Attraktivität für die Gäste erhöhen.

Sie führen auf Ihrer To-do-Liste für die kommenden Jahre auch ein Projekt zu den letzten noch erhaltenen traditionellen Bewässerungssystemen: Diese sollen in Österreich, Belgien, Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz den UNESCO-Weltkulturerbe-Status erhalten. Welche Rolle hat der UNESCO-Chair dabei?

Bei uns wird die Begleitforschung dazu laufen. Wir interessieren uns speziell dafür, was wir aus diesen zum Teil Jahrhunderte alten und sehr nachhaltigen Bewässerungssystemen hinsichtlich Klimawandel und gemeinschaftlicher Wassernutzung lernen können, um eine bessere Anpassung an die zunehmende Trockenheit zu ermöglichen. Von den Wässermatten im Oberaargau wissen wir aber auch, dass sie nicht nur der Bewässerung dienten, sondern vor allem der Nährstoffzufuhr für die Weiden. Die Fragen, wie wir mit Böden umgehen, sie erhalten und aufbauen können, sind deshalb ebenfalls sehr wichtig – nicht zuletzt, weil sie ja auch Kohlenstoff zu speichern vermögen.

Zudem sind die traditionellen Bewässerungssysteme oft mit speziellen Formen der Gemeingüterwirtschaft verknüpft. Dabei geht es darum, wie man solche Systeme unterhält oder wie die Nutzungsrechte gestaltet sind. Deshalb ist es auch spannend zu sehen, wie andere Länder – etwa die Niederlande oder Belgien – mit diesen Herausforderungen umgehen. Das kann uns wichtige Impulse für eine nachhaltige Entwicklung in der Zukunft geben.

UNESCO-Chair «Natur- und Kulturerbe für eine nachhaltige Berggebietsentwicklung»

Der UNESCO-Chair «Natur- und Kulturerbe für eine nachhaltige Berggebietsentwicklung» wurde 2016 ins Leben gerufen. Zusammen mit dem CDE und dem Geographischen Institut der Universität Bern wird er mit der kenianischen Partnerorganisation CETRAD geleitet und ist auch am World Nature Forum und dem Managementzentrum UNESCO World Heritage Site Swiss Alps Jungfrau Aletsch in Naters angesiedelt. Der Fokus in Kenia liegt im UNESCO-Welterbe Nationalpark Mount Kenya.

Zur Autorin

Gaby Allheilig ist Kommunikationsverantwortliche beim Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern.