11.02.2020 | Universität | Umwelt & Materie

Wie Grossanlässe nachhaltiger werden

Immer mehr Organisatoren von Grossanlässen sagen dem Abfall den Kampf an. Trotzdem bleibt oft tonnenweise Müll liegen. Ist der nachhaltige Event also mehr Illusion als Vision? Eine vom Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern mitorganisierte Veranstaltung zeigte: Ein Patentrezept gibt es nicht, doch es lässt sich noch viel verbessern – wenn man es richtig anpackt.

Von Gaby Allheilig

War das Thema Nachhaltigkeit noch vor ein paar Jahren eine oft belächelte Nische, ist es heute mitten in Wirtschaft und Gesellschaft angelangt. Dass das auch für Veranstalter von Grossanlässen und ihre Sponsoren gilt, zeigte sich am 7. Februar am Forum Nachhaltige Events 2020 an der Universität Bern: Sie war mit rund 90 Teilnehmenden aus der Eventbranche, Abfall- und Recyclingwirtschaft, Zivilgesellschaft sowie Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft und Hochschulen ausverkauft.

Spitze beim Recycling – und bei der Abfallproduktion

Gleich zu Beginn des Forums machte Mitorganisator Rolf Schwery, Spezialist für nachhaltige Events, deutlich, wo das grösste Problem liegt: «Beim CO2-Abdruck von Plastik und von Abfall generell.» Denn trotz beachtlicher Fortschritte in den letzten zwei Jahren bewegt sich die Branche in einem nicht sehr einfachen Umfeld: Wir sind in der Schweiz nicht nur weltweit Spitzenreiter im Recycling, sondern auch in der Abfallproduktion. Hier belegt das Land den dritten Platz.  

Was dies für die Organisatoren von Events heissen kann, zeigt sich am Beispiel des Grand Prix von Bern. Der Anlass mit über 30‘000 Läuferinnen und Läufern hat zwar die Nase beim Transport vergleichsweise weit vorn. So reisten 2019 dank eines entsprechenden Ticketsystems 77,5 Prozent der Läuferinnen und Läufer mit dem öffentlichen Verkehr an. Auch punkto Materialbeschaffung und Abfall setzt man auf möglichst nachhaltige Lösungen: 2019 wurde fast die Hälfte der 9 Tonnen Abfall rezykliert, im Vorjahr gar fast drei Viertel. Und trotzdem ist noch Luft nach oben, wie Beatrice Born, Geschäftsführerin des GP Bern einräumte.

Littering von Plastik verhindern

Auch ein Mehrwegsystem führt nicht unbedingt zu null Abfall, wie sich am GP zeigte: Trotz eines Depots von zwei Franken pro Mehrwegbecher kamen über 8 Prozent der Becher nicht zurück. «Wir müssen sicher unsere Logistik für die Rückgabe verbessern», so Born. Denn es gelte zu verhindern, dass die Becher im Müll – oder noch schlimmer – als Littering in der freien Natur landen.

Da es zentral ist, Plastik in Wasser und Böden zu vermeiden und von Erdöl-basierten Materialien wegzukommen, stellt sich laut Rolf Schwery die Frage: «Ist Mehrweg tatsächlich immer mehr wert?» Klar sei zwar, dass Einweggeschirr aus Plastik ein No-Go sei. Aber wie schneidet nicht fossiles Einweggeschirr im Vergleich zu fossilen Mehrwegprodukten ab? Und welche Materialien könnten bei den Mehrwegbechern das Plastik ersetzen?

Plastikverbot statt Mehrweg-Pflicht?

Einig waren sich die Expertinnen und Experten in der anschliessenden Diskussion, dass es nicht die Lösung schlechthin für alle Arten von Grossanlässen von einem kantonalen Schwingfest über einen SlowUp bis hin zur Street Parade gibt. Denn was punkto Nachhaltigkeit das Beste sei, hänge von zahlreichen Faktoren ab. Zudem gebe es mancherorts Vorschriften, die ihrerseits Fragezeichen aufwerfen würden. So seien beispielsweise Refill-Systeme aus hygienischen Gründen nicht überall zugelassen. Und im Kanton Bern gilt eine Mehrweg-Pflicht. «Diese entbehrt einer klaren, wissenschaftlichen Grundlage», so Rolf Schwery: «Aus heutiger Sicht schneidet bei den Bechern ein gutes Einwegprodukt wie Karton im Vergleich zu einem Mehrwegbecher aus Plastik ökologisch und wirtschaftlich nicht schlechter ab – erst recht, wenn der Rücklauf beim Mehrwegprodukt nicht gut funktioniert.» Sinnvoller wäre es, wie in der EU oder dem Kanton Genf Einwegplastik zu verbieten. Das liesse mehr Spielraum, je nach Anlass die optimale Lösung zu suchen.

Ein wichtiger Vorteil von Mehrweggeschirr sei jedoch, so ein Teilnehmer des Forums, dass die Wiederverwertung die Besucherinnen und Besucher auch für die Abfallproblematik generell sensibilisieren könne. «Das kann zu einem Umdenken beitragen.» Zudem könne man mit dem Depotsystem auch soziale Projekte unterstützen.

Keine Plastik-Gadgets

Für eine Verhaltensänderung engagiert sich unter anderen Nathalie Beno, Gründerin des Vereins ZeroWaste Switzerland. «Wir produzieren in der Schweiz jährlich pro Kopf 701 Kilogramm Siedlungsabfälle. Ganz ohne Verhaltensänderung können wir unseren Abfall nicht vermindern.» Der erste Schritt dazu sei, an Events zum Beispiel Gadgets aus Plastik oder in Verpackungen gar nicht erst zu verteilen beziehungsweise anzunehmen.

Die Frage, ob Events ohne Abfall eine Vision oder Illusion sind, wurde kontrovers erörtert – nicht zuletzt auch deshalb, weil laut Faustregel ein «Zero Waste-Event» mindestens 70 Prozent des anfallenden Mülls rezykliert. Fortschritte in der Abfallreduktion sind vielerorts feststellbar. Das gilt zum Beispiel auch fürs Einsammeln von Bioabfällen, die rund 30 Prozent des Restabfalls ausmachen. «Hier spüren wir ein grosses Bedürfnis der Veranstalter», erklärte Andreas Mehr von gazengerie. Mehrere Pilotversuche an Grossveranstaltungen wie an der Zürcher SOLA-Stafette hätten ergeben, dass es sinnvoll sei, Bio-Tonnen kombiniert mit Entsorgungstonnen für andere Wertstoffe aufzustellen. Zudem sei es wichtig, aufzeigen, dass der Bio-Abfall in Biogas-Anlagen geliefert wird, die daraus wieder Energie produzieren.

Kreislaufwirtschaft oder Kreislaufgesellschaft?

Da lag es nahe, darüber nachzudenken, ob die Kreislaufwirtschaft auch für Grossveranstaltungen einen Denkrahmen liefern könnte. Christoph Bader, Wissenschaftler am CDE, sagte in seinem Referat dazu: «Das hängt sehr stark davon ab, welche Interessen mit der Kreislaufwirtschaft verbunden sind.» Gehe es vor allem darum, mit technischen Innovationen und digitalen Lösungen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zu vereinen, so sei die Kreislaufwirtschaft einfach eine neue Effizienzrevolution. «Geringere Ressourcenverbräuche ermöglichen dann neues Wachstum in neuen Geschäftsfeldern und Märkten.» Damit würde eine strukturelle Veränderung der Wirtschaft aber nicht angegangen und nötige Veränderungen unseres Lebensstils ausgeklammert. Wichtig sei es deshalb, die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft einzubetten – und eine «Kreislaufgesellschaft» anzustreben.

Zur Autorin

Gaby Allheilig ist Kommunikationsverantwortliche beim Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern.