04.03.2020 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Religiosität kann vor Rechtsextremismus schützen

Über die Zusammenhänge zwischen Rechtsextremismus und Religiosität ist seit dem Zweiten Weltkrieg viel diskutiert worden, gleichwohl gibt es dazu recht wenig empirische Forschung. Der empirische Theologe Stefan Huber weiss, wie diese Lücke zu schliessen wäre. Die Ergebnisse seiner eigenen Forschung sind aufschlussreich.

Interview: Nina Jacobshagen

Herr Huber, Sie haben in Ihrer kürzlich gemeinsam mit Alexander Yendell veröffentlichten Studie «Does religiosity matter?» untersucht, wie Religiosität mit Rechtsextremismus zusammenhängt. Was sind Ihre wichtigsten Ergebnisse?
Stefan Huber: Das wichtigste Ergebnis ist für mich, dass Religiosität völlig unterschiedlich mit Rechtsextremismus zusammenhängen kann. Einerseits zeigt sich, dass ein kirchlich geprägter christlicher Glaube vor Rechtsextremismus schützt. Das heisst je kirchlicher, desto immuner gegen Rechtsextremismus. Andererseits wird deutlich, dass ein sogenannter Aberglaube zu rechtsextremen Einstellungen tendiert: je abergläubischer, desto anfälliger für Rechtsextremismus. Daraus folgt, dass alle Studien, die Religiosität nur eindimensional erheben – zum Beispiel durch die Frage, wie religiös man sei – viel zu kurz greifen. Diese Studien führen dann auch meist zu dem Ergebnis, dass Religiosität höchstens minimal mit Rechtsextremismus zusammenhängt. Fächert man aber Religiosität auf, zeigen sich deutliche Zusammenhänge, die allerdings in unterschiedliche Richtungen gehen können. Man muss bei der Religiosität also sehr genau hinschauen. Eigentlich müsste man alle Studien über den Zusammenhang von Religiosität und Rechtsextremismus neu durchführen, um zu aussagekräftigekräftigen Ergebnissen zu kommen – und zwar mit einer aufgefächerten Messung der Religiosität. Durch unsere Studien können wir zeigen, dass ihre Erklärungskraft dann etwa gleich hoch ist wie differenziert erhobene politische Einstellungen.

Lässt sich kirchlicher Glaube als eine zentrale Ressource ethischer Massstäbe verstehen?
Empirische Studien belegen, dass kirchlicher oder religiöser Glaube nicht notwendig ist für ein moralisches Verhalten, das sich an hohen ethischen Massstäben orientiert. Man muss also nicht kirchlich oder religiös sein, um moralisch zu handeln. Doch ist jemand religiös, spielen die moralischen Normen, die ein bestimmter Glauben vermittelt, eine grosse Rolle. Aber auch hier ist es zentral zu differenzieren und genau hinzuschauen. Welche Werte vermittelt eine bestimmte Religion oder Konfession? Grundsätzlich vermute ich, dass die christlichen Kirchen bei Studien im Kontext von Rechtsextremismus gute Karten haben, und zwar allein schon wegen der zentralen Rolle des Liebesgebots im christlichen Glauben.

Wie lassen sich Aberglaube und Verschwörungsmentalität erheben?
Unter Aberglaube verstehe ich einen Glauben an übernatürliche Wirkmächte, die man ohne eine tiefere Religiosität für seine eigenen Zwecke nutzbar macht. Beispiele sind Horoskope, Kartenlegen oder Wahrsagerei. Aberglaube ist messbar, wenn man nach der Häufigkeit der Ausübung von derartigen Praktiken fragt und zugleich Fragen stellt, die auf eine tiefere Religiosität hinweisen. Auf diese Weise kann Aberglaube ohne tiefere Religiosität ziemlich genau erhoben werden. Bei der Verschwörungsmentalität wird gefragt, inwieweit man bestimmten Aussagen zustimmt, die auf eine Verschwörungsmentalität schliessen lassen. Ein Beispiel dafür ist die Aussage «Es gibt geheime Organisationen, die grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben».

Die Studie «Does religiosity matter?» ist Teil vom Xenosophie-Projekt des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Bern. Worum geht es in diesem Forschungsvorhaben?
In dem Projekt haben wir Menschen verschiedener christlicher Konfessionen – also katholisch, reformiert oder freikirchlich – sowie Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens als auch Konfessionslose dazu befragt, wie sie sich gegenseitig wahrnehmen. Vereinfacht gesagt, haben wir die wechselseitigen Vorurteile zwischen diesen Gruppen erhoben. Eine Besonderheit unseres Projekts besteht darin, dass wir sehr detailliert nach Religiosität und Spiritualität gefragt haben. Wir haben erhoben, wie wichtig Religiosität für einen Menschen ist und wie tief sie in seiner Persönlichkeit verankert ist. Darüber hinaus haben wir verschiedene inhaltliche Ausrichtungen der Religiosität berücksichtigt, wie zum Beispiel eine fundamentalistische oder plurale Orientierung. Schliesslich haben wir auch vertieft nach religiösen Gefühlen und der kirchlichen Bindung gefragt. Aus diesen Elementen können wir ein ziemlich klares Bild davon gewinnen, wie sich verschiedene Facetten des Religiösen auf Vorurteile auswirken.

Sie werden in den nächsten beiden Monaten zwei weitere Studien aus diesem Projekt veröffentlichen. Geben Sie uns vorab einen Einblick in Ihre bedeutsamsten Erkenntnisse?
In den beiden nächsten Veröffentlichungen konzentrieren wir uns auf Islamophobie in der Schweiz. Dabei werten wir natürlich nur die Daten von nicht-muslimischen Personen aus. Zunächst zeigt sich auch hier, dass eine differenzierte Erhebung von Religiosität zu vertieften Ergebnissen führt. Wir können sagen, dass die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zentral ist vielmehr, wie tief das Religiöse in einer Person verankert ist und welche Ausrichtung sie hat. Die Tiefe der Religiosität hängt negativ mit Islamophobie zusammen: Je stärker Religiosität in der Persönlichkeit eines Menschen verankert ist, desto weniger ist er islamophob. Demgegenüber hängen sowohl religiöser Fundamentalismus als auch eine radikale Ablehnung jeglicher Religion positiv mit Islamophobie zusammen: Je stärker der religiöse Fundamentalismus oder die Ablehnung jeglicher Religion ist, desto wahrscheinlicher wird eine islampophobe Einstellung. Daneben zeigt sich auch sehr deutlich, dass mit der Zunahme des Nationalstolzes auch die Islamophobie zunimmt.

Die Ergebnisse des SNF-Forschungsprojekts sollen dazu dienen, die wechselseitige Wertschätzung zwischen Religionen und Weltanschauungen zu fördern und fremdenfeindliche Einstellungen und Verhaltensmuster abzubauen. Welche konkreten Beiträge leisten Sie zur Entwicklung entsprechender Interventionsstrategien?  
Wir bereiten an unserem Institut gerade eine sogenanntes SNF AGORA Projekt vor. Darin geht es um einen Transfer von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Gesellschaft. Für dieses Projekt entwickeln wir Angebote für Schulen und Dienste im Pflege- und Sozialbereich, in denen das wechselseitige Verständnis in einer religiös und weltanschaulich pluralen Welt gestärkt werden soll. Wir planen auch eine Onlineplattform, auf der man als Individuum die eigenen Haltungen dazu reflektieren kann.  

Über das Forschungsprojekt «Xenosophie und Xenophobie innerhalb und zwischen den Abrahamitischen Religionen»

Das Xenosophie-Projekt erforscht die Bedingungen, unter denen eine konstruktive Begegnung (Xenosophie) oder negative Vorurteile (Xenophobie) zwischen Menschen verschiedener Religionen in der Schweiz entstehen. Daher heisst es im Untertitel «Soziale, personale und religiöse Ursachen für fremdenliebende und fremdenfeindliche Strukturen in interreligiösen Bezügen». Das Forschungsprojekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert.

Über Stefan Huber

© Michael Ackert

Prof. Dr. Stefan Huber ist Leiter des Instituts für Empirische Religionsforschung (IER), das 2017 an der Universität Bern gegründet wurde, und Professor für Empirische Religionsforschung und Theorie der interreligiösen Kommunikation.

Stefan Hubers Forschungsschwerpunkte sind Hochreligiosität, religiöser Pluralismus, religiöser Fundamentalismus, säkulare Spiritualität sowie theologisch qualifizierbare Inhalte von persönlichen religiösen und spirituellen Glaubenswelten.


 

Kontakt

Prof. Dr. Stefan Huber
Institut für Empirische Religionsforschung der Universität Bern (IER)
Telefon: +41 31 631 48 63 / stefan.huber@theol.unibe.ch

Zur Autorin

Nina Jacobshagen arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern. Sie ist Themenverantwortliche «Interkulturelles Wissen».