27.02.2020 | Personen | Gesundheit & Medizin

«Patientensicherheit sollte immer höchste Priorität haben»

Sie verbessern das Leben Tausender Menschen, können aber auch Risiken bergen – neuartige Medizinprodukte. Heute spricht Lia Bally, Ärztin und Forscherin am Inselspital Bern, im Rahmen des diesjährigen «Spirit of Bern» über innovative Methoden in der Diabetesforschung. Im Interview erklärt sie, warum die Patientensicherheit die Grundlage jeder Guten Klinischen Praxis darstellt.

Interview: Nathalie Matter

«uniaktuell»: Frau Bally, in der translationalen Forschung möchten Forschende ihre Erkenntnisse möglichst rasch zu den Patientinnen und Patienten bringen – die Patientensicherheit bleibt aber oberstes Gebot. Wie gehen Sie als Forscherin mit diesem Spannungsfeld um?
Lia Bally: Für uns besteht hier kein Spannungsfeld. Die Patientensicherheit sollte in der klinischen Forschung immer höchste Priorität haben, dies ist Grundlage der Guten Klinischen Praxis. Dies gilt selbstverständlich auch dann, wenn wir unsere Erkenntnisse möglichst rasch und effizient in der medizinischen Praxis umsetzen wollen. Prozesse sollten so ausgerichtet werden, dass translationale Forschung stets die Patientensicherheit gewährt.

Ab Mai 2020 gelten die neuen europäischen Richtlinien für die Regulierung von Medizinprodukten, die MDR. Haben diese auch eine Auswirkung auf Ihre Arbeit?
Ja, denn mit den neuen europäischen Richtlinien wird auch eine neue Verordnung über klinische Versuche mit Medizinprodukten in Kraft treten, die wir als Forschende zu berücksichtigen haben. Das kann die Bewilligung und Durchführung von Medizinprodukt-Studien komplexer machen. Grundsätzlich ist es regulatorisch wichtig und richtig, dass neue Technologien vor der Zulassung eingehend klinisch geprüft werden.

Wo sehen Sie das grösste Innovationspotenzial in der Diabetes-Forschung in den kommenden fünf Jahren?
Innovative und digitale Ansätze für eine umfassende Diabetestherapie nutzbar zu machen. Diese sollen in der Prävention, frühen Diagnosestellung, personalisierten Behandlung und Prävention von Spätkomplikationen zum Einsatz kommen. Einerseits beinhaltet die umfassende Diabetestherapie sogenannte Closed-Loop-Systeme, welche die Glukosemessung und Insulinabgabe mittels Algorithmen automatisieren. Neben dieser eher physiologischen Insulintherapie kommen auch unterstützende pharmakologische Ansätze, Ernährung, körperliche Aktivität und psychologische Gesundheit hinzu. Überall dort wollen wir die Diabetestechnologie weiter vorantreiben.

Welche Ideen und Initiativen verfolgen Sie im Diabetes Center Berne, um Menschen mit Diabetes Mellitus in Ihre Forschungs- und Technologieinnovation miteinzubeziehen?
Wir veranstalten unter anderem Patientenveranstaltungen und -befragungen, um die Interaktionen und den Dialog zwischen Forschenden und Bevölkerung gezielt zu fördern. So fragen wir Patientinnen und Patienten etwa, welche Ansprüche in Bezug auf Funktionalität und Handhabung von neuen Diabetesgeräten bestehen und in welchen Alltagssituationen die Blutzuckerkontrolle besonders herausfordernd sind – zum Beispiel bei Sportaktivitäten oder Essen im Restaurant. Dies fliesst wiederum in unsere Forschungsvorhaben ein.

Welche Akzente möchten Sie als Leiterin Forschung setzen, auch innerhalb der Partnerschaft mit dem Diabetes Center Berne?
Ich möchte translationale, qualitativ hochstehende Forschung ermöglichen. Dafür braucht es die Zusammenarbeit von verschiedenen Forschungsdisziplinen, das heisst Grundlagenforschung, klinische Forschung und Epidemiologie. Dabei beziehen wir für unseren Forschungsprozess die Öffentlichkeit und die Bedürfnisse der Betroffenen ein. Zudem müssen wir den privaten Sektor auch miteinbeziehen, um medizinische Innovationen auf den Markt zu bringen. Weitere Schwerpunkte sind für mich die Förderung des akademischen Nachwuchses und die internationale Vernetzung.

Was fasziniert Sie an Themen wie Diabetes oder Ernährung?
Komplexe Regulationsmechanismen und Interaktionen zu untersuchen, zu verstehen, mit Modellen nachzubilden und für neue, personalisierte Therapien nutzbar zu machen.

Über Lia Bally

Lia Bally ist die Leiterin Forschung an der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus am Inselspital Bern. Sie ist Wissenschaftlerin (PhD) und Medizinerin (MD) und hat seit 2018 eine Assistenzprofessur mit Tenure Track an der Universität Bern. Ihr Ziel ist es, innovative Diagnostik, Therapie und Präventionsansätze zu entwickeln, um Volkskrankheiten wie Diabetes und Adipositas personalisierter anzugehen. Ihre Arbeiten zum Künstlichen Pankreas sind ein Paradebeispiel für die translationale medizinische Forschung.

 

Kontakt

Prof. Dr. Med. Dr. Phil. Lia Bally
Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern
Telefon direkt: +41 31 632 36 77
Email: lia.bally@insel.ch

The Spirit of Bern 2020

«The Spirit of Bern» ist eine Plattform, die das Ziel verfolgt, den Dialog zwischen Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu ermöglichen und zu fördern. Dazu findet einmal pro Jahr eine Konferenz statt, an der sich die Vertreterinnen und Vertreter der drei Disziplinen gesellschaftsrelevanten Themen widmen. Bei der diesjährigen Ausgabe des Spirit of Bern, die heute im Kursaal stattfindet, steht die hochaktuelle Frage des Spannungsfeldes zwischen Innovation und Patientensicherheit in der Medizin im Zentrum.

DIABETES CENTER BERNE

Im Diabetes Center Berne (DCB) wird zusammen mit der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin & Metabolismus (UDEM) an neuen Therapieansätzen für Diabetes geforscht. Das Ziel ist es, ungelöste Problemstellungen zu adressieren. Zum Beispiel: innovative Technologien entwickeln, die den Alltag von Menschen mit Diabetes erleichtern. Das Forschungsinstitut befindet sich im sitem-insel Gebäude auf dem Campus des Inselspitals Bern. sitem-insel ist das Schweizerische Institut für Translationale und Unternehmerische Medizin in Bern.

Zur Autorin

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.