21.12.2020 | Universität | Staat & Wirtschaft

«Innovative Ideen werden an der Universität Bern sehr gefördert»

Von der Uni ins eigene Unternehmen: «uniaktuell» stellt in einer losen Serie Spin-offs der Universität Bern vor. Den Anfang macht die Spacetek Technology AG, eine Herstellerin von Messinstrumenten, die für die Weltraumforschung an der Universität Bern entwickelt wurden. Interview mit CEO Jürg Jost.

Interview: Lisa Fankhauser

Herr Jost, was macht die Spacetek Technology AG?

Die Spacetek Technology AG ist eine 2018 gegründete Spin-off-Firma der Universität Bern. Sie hat eine ursprünglich für die Weltraumforschung konzipierte Technologie für Anwendungen auf der Erde kommerzialisiert. Das Team aus zehn Mitarbeitenden kombiniert Spitzenleistungen in den Bereichen Ingenieurwesen, Elektronik, Softwareentwicklung, Physik und Chemie, um einzigartige Messinstrumente herzustellen, die weltweit vertrieben werden. Unsere Geräte führen Echtzeitanalysen von Gasen oder Flüssigkeiten auf atomarer und molekularer Ebene durch. Damit haben wir die robuste und kompakte Massenspektrometrie-Technologie industrialisiert und bauen das Gerät vor Ort beim Kunden ein. Damit entfällt für diesen zum Beispiel das aufwändige und zeitintensive Einsenden von Proben.

Wie hat Sie die Universität Bern befähigt, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Das Spacetek-Team kann von gesamthaft 50 Jahren Tätigkeit und Erfahrung in der Forschung und im Ingenieurwesen an der Universität Bern profitieren, wo wir viele komplexe Projekte im Bereich Weltraumforschung und in der Raumfahrt realisieren konnten. Das Vereinen von bestehenden Technologien mit ehrgeizigen wissenschaftlichen Zielen ist immer eine grosse Herausforderung und verlangt unternehmerische Eigenschaften, die an der Universität gefordert und gefördert wurden. Das Gleiche gilt für gegenseitiges Vertrauen und Selbstständigkeit im Team.

Was hat Sie an der Selbstständigkeit gereizt?

Über Jahrzehnte haben wir als Angestellte der Universität Bern zahlreiche kompakte und äusserst leistungsfähige Messgeräte – im Besonderen Massenspektrometer – für Weltraummissionen entwickelt. Wir träumten aber davon, dass diese Geräte auch auf der Erde zum Einsatz kommen könnten. Heute ist es immer noch oft so, dass Unternehmen Proben ins Labor bringen müssen, was mit Kosten und Zeitverzug verbunden ist. Unsere Lösung setzt hier an: Unsere Massenspektrometer werden direkt in einer Produktions- oder Vertriebsanlage eingebaut, was für den Produzenten und seine Kundschaft viele Vorteile bietet.

Inwiefern hat Sie die Universität Bern bei der Gründung des Spin-offs unterstützt?

Die Universität Bern fördert innovative Ideen und somit auch Gründungen von Spin-offs sehr. Dabei kann man zum Beispiel auf die Unterstützung der Technologietransfer-Organisation Unitectra zählen, die etwa Hilfe bietet bei rechtlichen Fragestellungen. Des weiteren gibt es individuelle Programme, die auch finanzielle Unterstützung bieten. Uns hat beispielsweise die Technologieplattform des National Centre of Competence in Research (NCCR) PlanetS enorm geholfen: Sie hat uns finanziell unterstützt und uns durch ein Business Coaching im Rahmen des SwissCompanyMaker einen sehr guten Start in die Selbständigkeit ermöglicht.

Wie gestaltete sich der Weg von der Idee des Unternehmens bis zur Gründung des Spin-offs?

Ein Spin-off zu gründen und im Anfangsstadium zu betreiben, ist eine Herkulesaufgabe. Es erfordert Leistungs- sowie Risikobereitschaft und eine hohe Belastbarkeit. Man muss bereit sein, alles zu geben, schnell zu lernen, gut zuzuhören und Entscheide zu fällen. An den schwierigeren Tagen helfen eine hohe Frustrationstoleranz und der Wille, am nächsten Tag weiterzumachen.

Wie sieht Ihre Vision für Spacetek aus?

Das Hightech-Unternehmen soll im Kanton Bern weiter etabliert werden und entsprechend wachsen. Unsere Technologie soll weltweit in zahlreichen Unternehmen eingesetzt werden, damit deren Produktion durch eine bessere Prozesskontrolle effizienter gestaltet werden kann. Abweichungen in der Produktion werden damit unmittelbar erfasst und sofort korrigiert. Somit wird Ausschuss minimiert, es gibt keine aufwändigen Rückholaktionen und ein hoher Qualitätsstandard wird garantiert. Die Umwelt wird dadurch geschont und unzählige Endkunden profitieren von der gleichen hohen Qualität.

Was raten Sie Studierenden, die den Schritt in die Selbstständigkeit erwägen?

Einen Businessplan zu schreiben. Der kann einfach sein, beim Verfassen sortiert man aber quasi seine Gedanken und Visionen und beantwortet so die wirklich wichtigen Fragen. Ein weiterer Rat wäre: Lasst Euch coachen! Nach ein paar intensiven Stunden mit kritischen Coaches merkt man schnell, ob es passt – ein Coaching lohnt sich. Nebst dem vorher erwähnten SwissCompanyMaker gibt es auch andere Coaching-Programme wie etwa be-advanced vom Kanton Bern oder Innosuisse vom Bund.

Welchen Rat würden Sie Ihrem studentischen Ich aus heutiger Perspektive geben?

Schwer zu sagen – Dinge kommen meistens anders als gedacht. Aus heutiger Sicht würde ich trotzdem alles wieder auf die gleiche Weise machen. Wichtig finde ich die Einsicht, dass wer arbeitet, Fehler macht, man aber immer wieder Wege finden kann, diese zu korrigieren und künftig zu vermeiden. Eine gute Fehlerkultur trägt dazu bei, dass sich ein Unternehmen entwickelt. Wichtig ist, immer ehrlich zu sich selbst zu sein – und locker zu bleiben.

Spin-off Unternehmen

Unter einem Spin-off wird die Abspaltung einer Geschäftseinheit eines Unternehmens und die darauffolgende Gründung eines eigenständigen Unternehmens mit dieser Geschäftseinheit verstanden. Im Universitätsumfeld versteht man unter Spin-offs Firmen, die von Universitätsangehörigen gegründet wurden und auf den Forschungen aufbauen, die an der Universität geleistet wurden.

uniaktuell-Reihe Spin-offs

In einer losen Reihe porträtiert das Online-Magazin «uniaktuell» aus der Universität Bern hervorgegangene Spin-offs. Damit soll aufgezeigt werden, wie der Wissenstransfer von der Universität in die Praxis geschaffen wird. Haben auch Sie an der Universität Bern Forschungsergebnisse realisiert und mit einer entsprechenden Spin-off-Gründung den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt? Melden Sie sich bei uniaktuell@unibe.ch, damit wir auch Ihr Unternehmen vorstellen können.

Unitectra

Unitectra ist die Technologietransfer-Organisation der Universitäten Basel, Bern und Zürich. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie Forschende bei Kooperationen mit der Privatwirtschaft und anderen privaten oder öffentlichen Institutionen. Unitectra kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit den Forschenden um die praktische Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte und Dienstleistungen. Die Umsetzung erfolgt in Kooperation mit bestehenden Firmen oder durch Unterstützung der Gründung von universitären Spin-off-Firmen. Die Dienstleistungen von Unitectra stehen auch den Angehörigen der mit den drei Universitäten assoziierten Spitäler sowie weiteren Kooperationspartnern zur Verfügung.

Zur Person

Jürg Jost ist Mitgründer und CEO der Spacetek Technology AG. Er ist auf das Management und die Implementierung komplexer Systeme spezialisiert.

Zur Autorin

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern. Sie ist Themenverantwortliche «Politik und Verwaltung».