22.10.2020 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Geschlechtervielfalt: Vorteile statt Vorurteile

«G-VERSITY» ist ein neues internationales Forschungsprojekt, das die Geschlechterdiversität in Bildung und Arbeitsleben untersucht und fördern will. Die Sozialpsychologin Sabine Sczesny von der Universität Bern leitet das transdisziplinäre Vorhaben, an dem neun europäische Universitäten beteiligt sind.

Interview: Nina Jacobshagen

Sabine Sczesny, weshalb sollte sich ein Unternehmen für Geschlechtervielfalt engagieren?

Die Gründe für dieses Engagement sind so vielfältig wie die Unternehmen selbst. Nach Gründen befragt, warum sich Unternehmen für Diversität einsetzen, gaben Führungskräfte an, dass so ein ausreichend grosser Talentpool für die Zukunft garantiert werde. Als weiterer Grund wurde die soziale Gerechtigkeit genannt, indem Mitgliedern von benachteiligten Gruppen gleiche Chancen im Unternehmen ermöglicht werden. Da Diversität die Vielfalt der Kundschaft widerspiegelt, dient es den befragten Führungskräften nach auch einem besseren Verständnis der Kundschaft. Auch die Umsetzung von rechtlichen Anforderungen wurde als Grund genannt. Die bisherige Forschung hat zudem gezeigt, dass Gruppen mit grösserer Diversität, in denen die Mitglieder verschiedenere Perspektiven und Erfahrungen einbringen, von Vorteil sein können. Unternehmen sind daher bemüht, Vielfalt in ihrem Personal zu erreichen, mit dem Ziel, dass ihr Unternehmen von den Vorteilen diverser Teams in Bezug auf Innovation und Kreativität profitiert.

Gibt es auch Gründe gegen eine Geschlechtervielfalt im Betrieb?

Selbstverständlich. Zunächst einmal sind ja ganz praktische Probleme zu lösen wie beispielsweise die Herstellung von Uniformen für Polizistinnen oder die Einführung neuer Berufsbezeichnungen wie das Beispiel «Krankenpfleger/in» statt «Krankenschwester» zeigt. Neben diesen praktischen Herausforderungen kann es im Verlauf der Veränderungen auch zu diskriminierenden Erfahrungen bei denen kommen, die sich in ein bisher vom anderen Geschlecht dominiertes Arbeitsfeld vorwagen. Beispielsweise berichten Frauen im Militär von sexueller Gewalt und Männer in der Kinderbetreuung, dass sie dem Verdacht der Pädophilie ausgesetzt sind. Diese Vorreiter und Vorreiterinnen sind also starken Belastungen ausgesetzt und manche verlassen deshalb ihre Wunschberufe. Denken wir jedoch einmal daran zurück, dass in früheren Zeiten Mädchen und Buben in getrennte Schulen gingen, mit Lehrerinnen an den Mädchenschulen und Lehrern an den Bubenschulen. Ein gemeinsamer Schulbesuch war damals unvorstellbar, was wiederum heute kaum vorstellbar ist. Wir können folglich davon ausgehen, dass sich die meisten Probleme lösen lassen, die bei der Umsetzung von Geschlechtervielfalt im Arbeitsleben auftreten können.

Setzen sich in letzter Zeit mehr Unternehmen für eine grössere Geschlechtervielfalt ein?

Ich beobachte tatsächlich eine Zunahme des Engagements um Geschlechtervielfalt. In der Schweiz findet weiterhin ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess statt und der Frauenstreik im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass viele Frauen und zunehmend auch Männer sich der Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft bewusst werden und sich auf verschiedenen Ebenen für eine geschlechtergerechtere Gesellschaft engagieren. Diese Entwicklungen verstärken zunehmend auch die Bemühungen von Unternehmen um Geschlechtervielfalt.

Das Forschungsprojekt «G-VERSITY» ist international und transdisziplinär ausgelegt: Forschungsgruppen aus neun europäischen Universitäten, aus Schweden, Finnland, Grossbritannien, den Niederlanden, Tschechien, Italien und der Schweiz sind beteiligt. Wie steht die Schweiz hinsichtlich Geschlechtervielfalt im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern da?

Die Schweiz ist als «Nachzüglerin» in Sachen Frauenrechte bekannt. Das Wahlrecht für Frauen wurde erst 1971 eingeführt, sehr viel später als in vielen anderen europäischen Ländern: in Deutschland zum Beispiel schon 1918, und in Frankreich 1944. In der Schweiz sind traditionelle Rollenbilder von Frauen und Männern auch heute noch weitverbreitet. Die Frau wird häufig als zuständig für die Familie und der Mann für den Broterwerb angesehen. Dies bildet sich unter anderem in einer geringeren Beteiligung der Schweizer Frauen am Erwerbsleben und einem höheren Anteil an Teilzeitarbeit im Vergleich zu Männern ab. Eine andere Baustelle ist hierzulande die Gesetzgebung: Einige Gesetze wie das Sexualstrafrecht warten noch auf ihre Reformierung. Was die Geschlechtervielfalt im Arbeitsleben betrifft, sind jedoch auch andere europäische Länder noch nicht am Ziel, Frauen und Männer arbeiten weiterhin überwiegend in unterschiedlichen Berufsfeldern. Auch sind in den meisten europäischen Ländern nach wie vor die einflussreichen Positionen in Politik und Wirtschaft überwiegend in den Händen von Männern.

G-VERSITY untersucht nicht nur, welche Faktoren die Bildungs- und Berufswege von Männern und Frauen beeinflussen, sondern auch von Angehörigen geschlechtlicher und sexueller Minderheiten. Welche Zeichen sehen Sie, dass unsere Gesellschaft schon so weit sein könnte, ihre Vorurteile etwa gegenüber gleichgeschlechtlich liebenden oder intersexuell lebenden Menschen zu überwinden?

Für diese Menschen wurden in den vergangenen Jahrzehnten rechtliche Grundlagen geschaffen, die ihnen langfristig zu einem gleichberechtigten Leben verhelfen werden. Ein aktuelles Beispiel ist die Rechtsprechung des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Dieses hat 2018 intersexuellen Menschen die Möglichkeit gegeben, neben den Geschlechtern «männlich» und «weiblich» auch die Option «divers» zu wählen, die sogenannte «dritte Option». Derartige Bestrebungen, Angehörigen geschlechtlicher und sexueller Minderheiten gerecht zu werden, gehen jedoch auch mit einer Zunahme an Ablehnung in Teilen der Bevölkerung einher. Vorurteile und diskriminierende Handlungen gegenüber diesen Minderheiten können durch Aufklärung abgebaut werden, am besten im schulischen Kontext oder durch Aufklärungskampagnen. Vor uns liegt noch eine grosse gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Abbau dieser Vorurteile.

Glauben Sie persönlich, dass wir irgendwann die Kategorie «Geschlecht» in unserem Denken überwunden haben werden?

Das ist nur schwer vorstellbar, weil für unser Denken und Handeln soziale Kategorisierungen sehr hilfreich sind. Sie erleichtern uns die Verarbeitung von Informationen und ermöglichen uns, in sozialen Begegnungen schnell handlungsfähig zu sein. Die Kategorisierung von Frauen und Männern nach ihrer Gruppenzugehörigkeit ist jedoch mit stereotypen Vorstellungen verknüpft. Diese geschlechtsstereotypen Vorstellungen – wie Frauen und Männer sind beziehungsweise sein sollen – wirken sich auf unser Denken und Handeln aus, häufig ohne dass wir uns dieses Einflusses bewusst sind. Erst durch ein bewusstes Reflektieren der eigenen Vorurteile wird es möglich, weniger in sozialen Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Religion zu denken und auch weniger im eigenen Handeln dem Einfluss von stereotypen Vorstellungen zu unterliegen.

Zur Person

Sabine Sczesny ist Professorin für Sozialpsychologie in der Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Bern. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen neben Diversität und Geschlechterstereotypen unter anderem Stereotype und Vorurteile, Soziale Rollen und Soziale Normen.

 

 

Kontakt: 

Prof. Dr. Sabine Sczesny
Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie
Institut für Psychologie, Universität Bern
Email: sabine.sczesny@psy.unibe.ch

Zur Medienmitteilung

Wie wird Geschlechtervielfalt im Arbeitsleben erreicht?

Ein neues europäisches Forschungsprojekt unter Leitung der Universität Bern untersucht, welche Faktoren die schulische und berufliche Laufbahn von Frauen und Männern sowie Angehörigen geschlechtlicher und sexueller Minderheiten beeinflussen. «G-VERSITY» erhält dafür vom EU-Förderungsprogramm «Horizon 2020» 4,1 Millionen Euro. Koordiniert wird das Projekt von Prof. Sabine Sczesny vom Institut für Psychologie.

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.