14.09.2020 | Forschung | Geist & Gesellschaft

EXOTIC? Von der Forschung zur Ausstellung

Nach vier Jahren Forschung an der Universität Bern blickt das Team um Prof. Noémie Étienne mit Spannung auf die baldige Eröffnung seiner Ausstellung EXOTIC? Der Schweizer Blick nach aussen im Zeitalter der Aufklärung im Palais de Rumine in Lausanne.

Von Chonja Lee

Täglich treffen neue Ausstellungsobjekte aus der ganzen Schweiz im Palais de Rumine in Lausanne ein: ein rund vier Meter langes Krokodil aus St. Gallen, ein Lackkabinett aus Freiburg, ein Kokosnusshumpen aus Bern, aus Vevey Gemälde eines Schweizer Malers in den Antillen. All diesen Exponaten – über 200 werden es in der Ausstellung sein – ist gemein, dass sie zur materiellen Kultur der Schweiz des 18. Jahrhunderts gehören. Was wussten Schweizerinnen und Schweizer zur Zeit der Aufklärung von der Fremde, wie definierten und konstruierten sie «das Andere» in der Geburtsstunde der Menschenrechte und des transatlantischen Sklavenhandels?

Vor rund vier Jahren startete Prof. Noémie Étienne mit ihrem Team am Kunsthistorischen Institut der Universität Bern das SNF-Projekt «The Exotic?». Eine intensive Suche in Museumsdepots und Bibliotheksarchiven brachte Objekte aus Asien, Amerika, Afrika und Ozeanien ans Licht, die von den globalen Verstrickungen der Schweizerinnen und Schweizer im 18. Jahrhundert zeugen. Noémie Étienne: «Als Kunsthistorikerinnen war es uns ein Anliegen, diese internationale Schweizer Geschichte von den Objekten ausgehend zu erzählen. Ihre Provenienz, Transformationen oder auch eurozentrische Betitelungen zeugen von regem interkulturellem Austausch und bestimmten Machtverhältnissen.»

Der SNF unterstützte das Vorhaben finanziell, die Forschungsergebnisse einem breiten Publikum durch eine Ausstellung zugänglich zu machen. In den drei kantonalen Museen für Naturwissenschaft und Geschichte, die im Palais de Rumine untergebracht sind, fand das Team die perfekten Partner für die Umsetzung.

Die Schau zeichnet aus historischer Perspektive nach, wie sich der exotisierende Blick auf das Andere herausbildete und welche Klassifizierungen damit einhergingen. Nichts ist schliesslich von sich aus «exotisch»: Das Exotische ist das Produkt von Darstellungen und Interpretationen, die Dingen und Menschen einen Platz in einem bestimmten geschichtlichen und politischen Kontext zuweisen.

Der idealisierten Lesart des 18. Jahrhunderts stellen die Kuratorinnen Noémie Étienne, Claire Brizon und Chonja Lee sowie der wissenschaftliche Mitarbeiter und Projektkoordinator Étienne Wismer eine komplexere Sicht auf eine Zeit entgegen, die wissenschaftlich und künstlerisch hoch innovativ war, aber auch eine erste wirtschaftliche Globalisierung mit sich brachte. Kolonialismus, Macht, Geschlecht, Rasse und Wirtschaft sind deshalb Schwerpunktthemen.

Schweizer Kolonialerbe – Spuren und Leerstellen

Schweizerinnen und Schweizer unterhielten bereits im 18. Jahrhundert enge und vielschichtige Beziehungen in fernen Ländern. Händler, Söldner, Kunstschaffende und Forschungsreisende brachten Objekte in die Heimat und prägten Bilder des Anderen in ihren Reiseberichten. Zwar unterhielt die alte Eidgenossenschaft keine Kolonien, doch waren Schweizer sehr wohl in Kolonialprojekte eingebunden. So der Berner Franz Ludwig Michel (1675–1720), der in Virginia Explorationen zur Gründung einer Schweizer Kolonie durchführte und in seinem Reisebuch die indigene Bevölkerung zeichnete. Sein Landsmann Christoff von Graffenried (1661–1743) gründete schliesslich die Kolonie New Bern in North Carolina für die britische Krone.

Auf ihren mehrjährigen Missionen trugen Reisende Objekte und Belegstücke zusammen, die sie in Europa tauschten und weiterverkauften – oder ausstellten, wie im Falle des Söldners Georg Franz Müller (1646–1723), der nach seinem Dienst für die Niederlande auf indonesischen Inseln in der Schweiz seine Preziosen in seinem Kuriositätenkabinett zeigte.

Das Berner Forschungsteam ging auch diskreten Spuren Schweizer Kolonialgeschichte nach. So ist der in Rum eingelegte Zitteraal, den der Genfer Sklavenhalter und Zuckerrohrplantagenbesitzer in Surinam, Ami Butini, der Genfer Akademie schenkte, vermutlich von versklavten – in der Geschichtsschreibung anonym gebliebenen – Menschen gesammelt worden.

Das Geschäft mit dem Exotischen

Die Verbreitung von Objekten aus anderen Teilen der Welt begünstigte die Entwicklung neuer Technologien in ganz Europa und auch in der Schweiz – das Exotische transformierte die hiesige materielle Kultur und war ein Geschäft. Die Porzellanmanufakturen in Zürich und Nyon produzierten für heimische Klientel, nahmen allerdings internationale Themen wie den Menschenhandel auf. Andere Schweizer Manufakturen stellten Exportgüter wie Uhren oder Emaillen für den chinesischen und türkischen Markt her.

Schweizer imitierten gewinnbringend eine in Indien gebräuchliche Technik für bedruckte Baumwolltextilien, «Indiennes» genannt. Gleichwohl diese lokal hergestellt und unter anderem für Trachten designt wurden, kamen die Rohstoffe hierfür aus aller Welt. Die dunkle Seite der Erfolgsgeschichte der Schweizer Manufakturen des 18. Jahrhunderts ist, dass die Stoffe bis nach Subsahara-Afrika verkauft wurden und dort eine der Haupttauschwaren im transatlantischen Sklavenhandel waren.

Solchen komplexen Geschichten hinter vermeintlich rein dekorativen Kunstobjekten nachzugehen, hat sich das Forschungsteam auf die Fahnen geschrieben. Auch eine erstmals ausgestellte Hinterglasmalerei eines Solothurner Milchmädchens ist nur auf den ersten Blick schweizerisch: Das Trachtenmotiv wurde in China gemalt.

Die Schweizer als «Wilde» Europas

Am Ende des 18. Jahrhunderts weckte die Schweiz immer stärker die Neugier von Reisenden, vor allem wegen ihrer als exotisch empfundenen Folklore und Gebirgslandschaft. Wegbereiter dieser Entwicklung waren die Grossstadtbewohnenden: Sie kreierten ein Bild der alpinen ländlichen Kultur, das sich erfolgreich verbreitete und dem wir bis heute im Tourismusmarketing begegnen.

Die Erforschung der Alpen erfolgte zeitgleich mit zahlreichen Expeditionen in die Ferne, und Reiseführer charakterisierten die Bergbewohner als «Wilde». Wahrheit und Dichtung vermengen sich, wenn der Zürcher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) von in den Alpen lebenden Drachen berichtete. Die Erfindung von Traditionen führt die französische Künstlerin Elisabeth Vigée-Lebrun (1755–1842) im Ölgemälde des Unspunnenfestes vor. Ihr Interesse an Schweizer Brauchtum war genährt von Jean-Jacques Rousseaus Ideal einer Rückkehr in den Naturzustand, das am Hof um Louis XVI. kursierte und im Klischee der Schweiz als natürliches Paradies gipfelte.

Zeitgenössische Positionen in der Ausstellung

Die Lausanner Ausstellung hinterfragt kulturelle Klischees und Diskriminierungen, die über Jahrhunderte konstruiert wurden und sich hartnäckig zu halten scheinen. Diese Aktualität unterstreichen die Kuratorinnen mit zeitgenössischen Kunstpositionen von Senam Okudzeto, Fabien Clerc, Susan Hefuna, Uriel Orlow, Denis Pourawa und Marie van Berchem, die in der Rauminstallation Bateauthèque zu postkolonialem Denken anregt. Denn Kunstgeschichte ist für die Ausstellungsmacherinnen mehr als das Studium von Gemälden grosser Meister: Sie umfasst eine Vielfalt von Medien und Ansätzen. Ihre Forschung aus dem Elfenbeinturm hinauszutragen bedeutet der sozialen Funktion von Objekten – damals wie heute – Bedeutung zu verleihen.

Zur Autorin

Dr. Chonja Lee ist Kunsthistorikerin. An der Universität Bern arbeitet sie im Rahmen des SNF-Forschungsprojektes «Exotic?» im Team von Prof. Noémie Étienne als Postdoktorandin in der Abteilung für Kunstgeschichte der Neuzeit.

Über das SNF-Forschungsprojekt

Das Forschungsprojekt «Building the Exotic? Integration, Exhibition, and Imitation of Non-Western Material Culture in France and Switzerland (1600–1800)» widmet sich der Frage, wie im 17. und 18. Jahrhundert ausländische materielle Kultur in der Schweiz eingeführt wurde. Wie wurden fremde Objekte in europäische Interieurs integriert, manipuliert, ausgestellt und imitiert? Wer und unter welchen Prämissen wurde das «Exotische» konstruiert? Und in welchem Zusammenhang stehen die Konstruktion von Alterität und europäische Identität, auch in Relation zu den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufkommenden Disziplinen Anthropologie und Ethnologie. Theorien um Alterität werden durch einen objektzentrierten Ansatz ergänzt, bei dem aussereuropäische Bilder und Artefakte in Schweizer Sammlungen als Ausgangspunkt für vertiefte Analysen dienen.

Über die Ausstellung

Die Ausstellung «Exotic? Der Schweizer Blick nach aussen im Zeitalter der Aufklärung» läuft vom 24. September 2020 bis zum 28. Februar 2021 im Palais de Rumine, Place de la Riponne 6, 1014 Lausanne. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr Tickets: 8 CHF Volltarif, 5 CHF reduzierter Tarif, unter 25 Jahren sowie am 1. Samstag des Monats kostenfrei. Begleitbuch zur Ausstellung: Exotic Switzerland? Looking Outward in the Age of Enlightenment / Une Suisse exotique? Regarder l’ailleurs au siècle des Lumières. Herausgegeben von Noémie Étienne, Claire Brizon, Chonja Lee und Étienne Wismer. Zürich: Diaphanes, erscheint im September 2020.